EHEC-Keim

Zwischen Gelassenheit und Sorge

Der Markthändler Gerd Teske ist wie jeden Dienstag auf dem Markt am Maybachufer in Kreuzberg. Vor ihm liegt seine Ware aus: Obst und Gemüse, ein großer Teil davon stammt aus der Region. Dass seine Produkte das Bakterium EHEC, ein Darmkeim aus der Familie der Coli-Erreger, übertragen könnte, macht dem 73-Jahren alten Händler keine Sorgen.

"Ich wasche das Obst auch selten ab. Selbst wenn etwas zu Boden fällt, esse ich es manchmal." Wenn er Symptome bekommen würde, etwa Durchfall oder Erbrechen, würde er aber selbstverständlich zum Arzt gehen - schon aus Verantwortung gegenüber seinen Kunden, fügt Gerd Teske hinzu.

Auch viele seiner Kunden machen sich keine Sorgen. Alena Willroth ist mit ihrer Tochter Anna (1) auf dem Markt unterwegs. Vom Erreger habe sie bereits gehört, aber: "Ich bin eher unvorsichtig und habe an meinem Verhalten nichts Grundlegendes geändert", meint die 37 Jahre alte Mutter. Für ihr Kind koche sie ohnehin alles ab und achte auf die Sauberkeit der Lebensmittel. Erst wenn es mehr Verdachts- oder Todesfälle gebe, werde sie wahrscheinlich alles noch gründlicher waschen.

In Berlin ist die Zahl der EHEC-Verdachtsfälle auf mittlerweile vier angestiegen. Nach Angaben der Gesundheitsverwaltung stehen zwei weitere Menschen in Berlin im Verdacht unter der lebensbedrohlichen Folgeerkrankung einer EHEC-Infektion, dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) zu leiden. Einer der beiden ist laut Gesundheitsverwaltung im Charité Klinikum Benjamin Franklin in Steglitz in Behandlung, der andere Patient sei in einem Spandauer Krankenhaus untergebracht. Im Klinikum Benjamin Franklin befinden sich zudem seit Freitag zwei Patienten auf der Infektionsstation, die auf EHEC getestet werden. Der Klinikkonzern Vivantes sagte am Dienstag, dass zwei seiner stationär aufgenommen Patienten derzeit auf den Darmkeim untersucht werden. Ein Mann werde im Auguste-Viktoria-Krankenhaus in Schöneberg intensivmedizinisch behandelt, eine Patientin liege im Klinikum im Friedrichshain. Sie sei bereits vor zehn Tagen in die Klinik aufgenommen worden. "Ob sich der Verdacht bestätigt, werden wir allerdings erst in zwei Wochen wissen", sagte Vivantes-Sprecherin Mischa Moriceau. Beide Patienten seien Berliner, keiner von beiden habe nach derzeitigem Wissensstand in letzter Zeit eine Reise in ein norddeutsches Bundesland unternommen, wo das Robert-Koch-Institut (RKI) eine ungewöhnliche Häufung von EHEC-Verdachtsfällen und HUS-Erkrankungen beobachtet.

Brandenburg meldete ebenfalls einen Verdachtsfall. Der Patient werde im Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam behandelt. "Die Laboruntersuchung soll heute abgeschlossen werden, dann sehen wir, ob sich der Verdacht bestätigt", sagte eine Sprecherin des brandenburgischen Gesundheitsministeriums. Die Ursache der Infektion sei auch in diesem Fall nicht bekannt.

Kommt das Bakterium nun in Massen nach Berlin und Umgebung? "Nein", meint die Sprecherin der Gesundheitsverwaltung, Regina Kneiding. Es gebe keinen Verdacht auf eine Häufung von EHEC-infizierten Menschen in Berlin. Im vergangenen Jahr seien 31 Verdachtsfälle und keine HUS-Erkrankung gemeldet worden. In diesem Jahr sind insgesamt 15 Verdachtsfälle registriert worden, nur in einem bestätigten Fall einer EHEC-Infektion erkrankte ein kleiner Junge an HUS. Das Kleinkind sei mittlerweile wieder gesund. Ebenso fehlten Hinweise darauf, dass die Quelle der Infektionen in Berlin liege.

Es sei dennoch ungewöhnlich, dass zwei Patienten mit dem Verdacht auf eine EHEC-Infektion auf seiner Station liegen, betont Thomas Schneider vom Klinikum Benjamin Franklin. Die Gesundheitsverwaltung Berlin hat deshalb die Ärzte und Gesundheitsämter dazu aufgerufen, besonders aufmerksam auf ihre Patienten zu achten.

Die Vivantes-Kliniken schlossen eine Infektion ihrer beiden Patienten über Lebensmittel aus der hauseigenen Kantine aus. "Wir verwenden keine Lebensmittel mehr, deren Herkunft wir nicht ganz genau kennen", sagte Sprecherin Mischa Moriceau. Salate, die vakuumverpackt und vorgewaschen angeliefert würden, fielen aus dem Speiseangebot. Auch in anderen Berliner Kantinen werden Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, selbst wenn derzeit kein konkreter Hinweis auf die Quelle der EHEC-Erreger und keine Warnung vor Lebensmitteln von offizieller Seite vorliegt.

Sodexo, ein Caterer, der in Berlin 13 Küchen betreibt und 150 Kitas und Schulen sowie 22 Kantinen, davon 20 aus Industrie und Wirtschaft und zwei aus den Bereichen Pflege und Gesundheit beliefert, lässt die Ware seiner Lieferanten derzeit überprüfen. Bis die Erregerquelle gefunden sei, werde kein frisches Obst und roher Salat geliefert, hieß es.

In anderen großen Berliner Kliniken und in Unternehmens-Kantinen gibt es nach wie vor Frisches. Das Berliner Studentenwerk verkauft seinen täglich rund 30 000 Gästen weiterhin Salate. "Solange es von offizieller Seite keine Einschränkungen gibt, sehen wir keine Notwendigkeit", sagte Sprecher Jürgen Morgenstern. Der Hygienestandard sei bereits sehr hoch. Gleiches an der Charité: "Wir halten uns an die Hygieneempfehlungen", sagt Matthias Klingenstein von der Charité Facility Management GmbH, die Patienten in Mitte und Steglitz versorgt.

Das Unternehmen Siemens schickte am Dienstag einen Rundbrief an das Küchenpersonal und informierte über die aktuelle Situation. "Wir haben unsere Mitarbeiter für die aktuelle Situation sensibilisiert", sagt Sprecherin Ilona Thede.

Infos zum Erreger: www.mugv.brandenburg.de/info/ehec

"Es gibt keinen Ausbruch von EHEC in Berlin"

Regina Kneiding, Sprecherin Gesundheitsverwaltung