Infektionen steigen

In Berlin grassiert das Masernvirus

40 Grad Fieber, kleine rote Pusteln sowie Kopf- und Gliederschmerzen, das sind die typischen Symptome einer Masernerkrankung. Schlimmstenfalls kann die Virusinfektion tödlich enden. Trotz der von Ärzten empfohlenen Impfung nimmt die Zahl der Masernerkrankungen in Berlin derzeit rasant zu.

Seit Anfang April haben sich bereits 52 Berliner mit dem Masernvirus angesteckt. Ein auffälliger Anstieg. Zum Vergleich: In den ersten drei Monaten des Jahres waren nur sechs Patienten betroffen. "Wir werden die ungewöhnlich starke Verbreitung ganz genau beobachten", kündigte Regina Kneiding, Sprecherin der Gesundheitsverwaltung Berlin, an.

Besorgniserregend an der derzeitigen Zunahme der Masern-Fälle sei, dass viele Neuerkrankte keine Kinder sind. 53 Prozent der Betroffenen sind zwischen 15 und 45 Jahre alt. Während für sonst gesunde Kinder eine Maserninfektion meist gut ausgeht, kann das Immunsystem erwachsener Menschen die Masernviren nur schlecht abwehren. Sie verbreiten sich deshalb schnell im Körper des Masernpatienten und rufen weitere Infektionen hervor. 42 Prozent der in jüngster Zeit erkrankten Masernpatienten mussten mit Hirn- und Hirnhautentzündung sowie Lungenentzündung im Krankenhaus behandelt werden. "Etwa einer von tausend Krankheitsfällen endet tödlich", sagt der Berliner Kinderarzt Martin Karsten.

Wer die Masern bereits hatte oder dagegen geimpft ist, kann sich nicht anstecken. Nicht-Immunisierte infizieren sich jedoch, sobald sie sich mit einem Masernerkrankten in einem Zimmer aufhalten. "Masernviren sind hoch ansteckend", sagt Martin Karsten. Zudem sei eine Infektion mit Masern in den ersten drei Tagen kaum von anderen Viren zu unterscheiden.

"Hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Lichtempfindlichkeit sind nicht eindeutig zuzuordnen", erklärt der Wilmersdorfer Arzt. Erst nach zwei bis drei Tagen werden der rote Ausschlag und die typischen weißen Flecken in der Mundhöhle sichtbar. "Da kann es schon mal vorkommen, dass man sich unbemerkt im Wartezimmer ansteckt." Eine Masern-Epidemie in Berlin hält Martin Karsten jedoch für unwahrscheinlich. "90 Prozent aller Kinder sind bei der Einschulung geimpft." Während des jetzigen Anstiegs der Zahl der Erkrankungen würden "Impflücken auf natürlichem Weg geschlossen."

Das Robert-Koch-Institut für Krankheitsüberwachung in Berlin rät dennoch zur Impfung. "Nach zweimaliger Immunisierung ist man vollständig vor Masern geschützt", sagt die Biologin Susanne Glasmacher. Der Impfstoff wurde 1963 entwickelt und habe wenige Nebenwirkungen. Das Serum könne sogar noch verabreicht werden, nachdem man mit einem an Masern erkrankten Menschen in Kontakt gekommen sei. Die ständige Impfkommission rät Eltern, ihre Kinder im Alter von zwei Jahren gegen den aggressiven Virus zu impfen.

Masern sollten eigentlich im Jahr 2010 ausgerottet sein. Das war erklärtes Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Zahl der Ansteckungen nimmt jedoch seit einigen Jahren kontinuierlich zu. Wurden in Berlin 2007 nur acht Masernfälle gezählt, waren es 2009 schon 33. In 2010 stieg die Zahl auf 92 Masernerkrankte. 62 der Ansteckungen im vergangenen Jahr gehen auf einen Schüler in Dahlem zurück, der sich das Virus auf einer Indienreise einfing. Regina Kneiding: "Die gestiegene Reisetätigkeit ist Grund für die derzeitige hohe Infektionsrate."