Protest

Die Frohnauer kämpfen um ihre Gasleuchten

In Frohnau formiert sich Widerstand gegen den Plan der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die historischen Gasleuchten gegen elektrische Straßenleuchten auszuwechseln. Der Bürgerverein will in den kommenden Wochen mit Flugblättern und auf Informationsveranstaltungen dafür werben, dass sich die Bewohner der Gartenstadt gegen die Pläne aussprechen.

"Frohnau verfügt über das weltweit größte zusammenhängende gasbeleuchtete Siedlungsgebiet. Die Senatsverwaltung verkennt die Bedeutung der Gas-Straßenleuchten als Kulturdenkmal", kritisiert Hans-Peter Lühr, stellvertretender Vorsitzender des Bürgervereins. Außerdem seien die Gasleuchten in Frohnau größtenteils erst vor fünf Jahren grundüberholt worden und funktionstüchtig.

Nach Angaben der Senatsverwaltung gibt es in Berlin noch rund 43 500 Gasleuchten unterschiedlichen Typs. Darunter befinden sich 30 700 Aufsatzleuchten mit silberfarbenen Hütchen, 3600 Hängeleuchten, 1200 Modellleuchten (umgangssprachlich auch Schinkelleuchte genannt) sowie 8000 Reihenleuchten. Weltweit beleuchten nach Angaben von Lichtexperten noch rund 100 000 Gaslaternen die Straßen, davon befinden sich drei Viertel in Deutschland.

Im September 2007 hatte der Berliner Senat beschlossen, die Reihenleuchten als erste zu ersetzen. Eine der Begründungen ist der hohe Energieverbrauch. Während eine neunflammige Gasreihenleuchte nach Auskunft der Behörde jährlich 10 054 Kilowattstunden verbraucht, sind es bei einer Elektroleuchte gerade mal 231. Doch das Projekt dümpelt vor sich hin. Grund ist ein Klageverfahren, weshalb das öffentliche Lichtmanagement schon jahrelang nur befristet vergeben wird. Nach der Vergabe hatte ein Mitbewerber geklagt, das Kammergericht muss noch entscheiden, ob das dieses Verfahren rechtmäßig war. Sobald das Urteil gefällt ist und der neue Sieben-Jahres-Vertrag für die öffentliche Beleuchtung Berlins vergeben werden kann, soll der neue Lichtmanager eine Firma für die Umrüstung der 8000 Reihenleuchten mit Peitschenmasten per Ausschreibung suchen. 29,5 Millionen Euro sind für die Umrüstung bereits bewilligt. Bis es so weit ist, nutzt die Senatsverwaltung immer wieder die Gelegenheit, Gasreihenleuchten umrüsten zu lassen - wie an der Torgauer Straße in Schöneberg oder der Fischerhüttenstraße in Zehlendorf. Grund ist meist, dass die Gasag an ihrem Netz arbeitet und die Straße ohnehin aufgegraben wird.

Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) hatte erst kürzlich ihr Lichtkonzept für die Hauptstadt vorgestellt. Auch darin ist die Abschaffung der Gasleuchten vorgesehen. "Wir halten den Abbau der weltweit einmaligen und Berlins Stadtbild prägenden Gasbeleuchtung für ein kulturhistorisches Armutszeugnis, außerdem ist das Vorhaben betriebswirtschaftlich unsinnig, weil sich der Ersatz durch Elektroleuchten niemals rechnen wird", sagt Bettina Grimm vom Verein Pro Gaslicht. Auch der "Arbeitskreis Licht" der Freunde und Förderer im Deutschen Technikmuseum Berlin macht sich für den Erhalt stark. Die Ästhetik des Gaslichts sei unübertroffen. Die ins Feld geführten Mehrkosten beim Gaslicht (190 Euro jährlich pro Stück) würden nicht berücksichtigen, dass die Leuchten eine wesentlich höhere Lebensdauer hätten.

Nicht nur im Norden Berlins sind die Gaslaternen ein Thema. Der Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümerverein Berlin-Lichtenrade moniert regelmäßig die Ausfälle der alten Gasleuchten. Sogar den Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses bat der Vereinsvorsitzende Frank Behrendt schon um Hilfe. "Deshalb sind wir nicht grundsätzlich gegen einen Austausch, Hauptsache die Straßenleuchten funktionieren", sagt Behrendt. Die hohe Störanfälligkeit führt der Lichtenrader darauf zurück, dass nicht mehr die Gasag für die Wartung und Instandhaltung der Leuchten zuständig ist, sondern eine private Firma. In jedem Fall erhalten werden müssten seiner Meinung nach jedoch die Gasleuchten im historischen Dorfkern von Lichtenrade.

Das aktuelle Lichtkonzept des Landes Berlin sieht vor, dass auch die Aufsatzleuchten langfristig durch elektrisches Licht ersetzt werden. Dazu ist nach Auskunft der zuständigen Senatsverwaltung zunächst eine Ausschreibung geplant. 100 neue Leuchtenköpfe sollen mit LED bestückt werden. Eine Bürgerbefragung soll zeigen, was die Berliner davon halten. Bereits jetzt sind rund 50 Modellleuchten mit LED an der Friedrichsgracht in Mitte zu sehen. Und auch auf dem Gerickesteg wird eine Hängeleuchte mit LED getestet. Die vier Leuchten an den Pylonen sollen ebenfalls umgerüstet werden.

Das Argument der Behörde, Gasleuchten seien wesentlich teurer im Betrieb als Elektroleuchten - jeweils die Hälfte der jährlich zur Verfügung stehenden 24 Millionen Euro wird nach Senatsangaben für 43 500 Gasleuchten sowie für die 181 000 Berliner Elektroleuchten verbraucht - lassen die Gasliebhaber nicht gelten: "Die Rechnungen des Senats berücksichtigen nicht die wesentlich höhere Lebensdauer der Gasleuchten", kritisiert Bertold Kujath, Vorsitzender des Vereins "Gaslicht-Kultur" ( www.gaslicht-kultur.de ).

Kujath schätzt die Zahl der Gasleuchten in Frohnau auf rund 3000. Der Bürgerverein in der Gartenstadt will alle Hebel in Bewegung setzen, dass auch die Gasreihenleuchten bleiben. "Sie sind völlig in Ordnung, das wäre pure Geldverschwendung", kritisiert Hans-Peter Lühr. Am 10. Juni lädt der Bürgerverein zur Informationstreffen ins Centre Bagatelle an die Zeltinger Straße 6 ein. Beginn: 19.30 Uhr.

Wir halten den Abbau der weltweit einmaligen und Berlins Stadtbild prägenden Gasbeleuchtung für ein kulturhistorisches Armutszeugnis

Bettina Grimm,Verein Pro Gaslicht