Neuer Trend: Shoefiti

Einfach mal abhängen

Sie hängen von Ampeln, Bäumen, Laternen oder Stromleitungen herunter. Schuhe, zusammengeknotet an den Enden ihrer Schnürsenkel, baumeln in der Berliner Luft. Sportschuhe sind zu sehen, aber auch Wanderschuhe, Sneaker, Winterstiefel oder Lederschuhe.

Die Idee, die ursprünglich aus Schottland und den USA stammt, hat sich über die letzten Jahre weltweit zu einem neuen Trend entwickelt, der jetzt auch seinen Weg nach Berlin gefunden hat: "Shoefiti". Die Schuhe sind nicht nur am Kottbusser Tor zu entdecken, in der Stadt vermehren sich die Skulpturen aus baumelnden Schuhen zurzeit rasant. In der Warschauer Straße hängen auf der Mittelinsel zwischen zwei Straßenbahnlinien einige Schuhpaare. In Pankow kann man in der Prenzlauer Allee sogar einen Baum bewundern, der komplett mit Schuhen geschmückt ist.

Die Passanten wundern sich

Das merkwürdige Phänomen wird mit Stirnrunzeln wahrgenommen. "So etwas habe ich noch nie gesehen", sagt Jochen Schultze, als er die Schuhe am Kottbusser Tor entdeckt. Der 58-jährige Handwerker fragt sich, "wer überhaupt darauf kommt, Schuhe nach oben zu werfen? Warum schmeißen die Leute ihre Schuhe nicht weg?" Es ist aber auch Faszination spürbar, wie bei der 34-jährige Verkäuferin Vera Steiner: "Ich bin begeistert über die Kreativität anderer Menschen, die so etwas zu leisten imstande sind."

Neben der Kreativität der Menschen erfordert es auch einiges an Akrobatik, die Schuhe in dieser Höhe zu befestigen; andere machen es sich da leichter und werfen ihre alten Schuhe hoch, in der Hoffnung, dass sie hängen bleiben. So mancher Jugendlicher kann seinen Freunden dann beweisen, wie geschickt er beim Schuhe werfen ist.

"Shoefiti" sorgt aus einem weiteren Grund für Aufmerksamkeit. Da es sich aus den englischen Worten "Shoe" und "Graffiti" zusammensetzt, steht es im direkten Gegensatz zu dem Trend, der sich durch das Besprühen von Farbe an Betonwänden auszeichnet. Andrea Kern stellt genau diesen Zusammenhang her: "Dann ist das ja eine tolle Alternative zum verschmutzenden Graffiti, da es niemanden belästigt." Die 36-jährige Lehrerin hält "Shoefiti" statt "Graffiti" für eine gute Sache, da "die Leute sich dennoch damit ausdrücken können". Viel Zustimmung findet die Aktion auch bei Tobias Jürgens. Der 27-jährige Student sagt beim Anblick der Schuhe: "Eigentlich ist das ja eine richtig coole Sache."

Um die Erfindung von "Shoefiti" streiten sich noch heute Schottland und die Vereinigten Staaten. Die Schotten versichern, dass es schon lange Brauch der Männer sei, ihre Schuhe ins Fenster zu hängen, sobald sie nicht mehr jungfräulich sind. Die Amerikaner dagegen sehen sich als die Begründer. Im New Yorker Stadtteil Bronx sollen baumelnde Schuhe ein Drogengebiet markieren. Zudem hinterlassen amerikanische Gangs gerne Schuhe an dem Ort, an dem eines ihrer Mitglieder getötet wurde.

Doch auch in Berlin sorgt "Shoefiti" nicht ausschließlich für Begeisterung. Kürzlich legte es sogar den Verkehr am Kottbusser Tor in Kreuzberg lahm. Ein junger Mann hatte ein Paar alter Schuhe in die Luft geworfen, auf ein Kabel, an dem schon viele andere Paare hingen. Seine blieben aber nicht oben, sondern landeten auf einem vorbeifahrenden Auto, dessen Fahrer deshalb stark bremsen musste. Das hatte Folgen für den Motorradfahrer hinter dem Pkw - der ebenfalls bremsen musste. Zum Glück wurde der Motorradfahrer nicht verletzt.

Die Stadt und Bezirke sehen den Trend noch relativ gelassen. In Pankow entdeckte dessen Stadtrat Jens-Holger Kirchner (51) "Shoefiti" zum ersten Mal an einigen Ampeln: "Die Schuhe werden in regelmäßigen Abständen im Rahmen von Ordnungsarbeiten von den Ampeln entfernt; da das Ganze aber kein Massenphänomen ist, suchen wir nicht gezielt nach Bäumen mit Schuhen." Auf die Frage, ob der Trend den Bezirk Pankow bereichere, reagiert Kirchner lachend: "Ich halte das für eine Jugendkultur, die auch wieder vorbei gehen wird."

Kurzschluss durch Schnürsenkel

Allerdings sorgt "Shoefiti" auch außerhalb Berlins ab und zu für Ärger. Da in der Stadt nur drei Prozent aller Stromleitungen überirdisch verlaufen, werfen manche Leute im Umland ihre alten Schuhe auf die dort vorhandenen Leitungen. Laut Vattenfall ist das aber äußerst gefährlich: "Wenn die Leute Schuhe mit langen Schnürsenkeln auf Stromleitungen werfen, kann das zu einem Kurzschluss führen. Ein Lichtbogen entsteht, der die Leute darunter treffen kann."

Die Passanten in Berlin überlegen unterdessen, was die Schuhe speziell in der Hauptstadt bedeuten könnten. Jochen Schultze fragt: "Was hat das überhaupt für einen Sinn?" Vera Steiner hält es für möglich, "dass manche Leute es nicht über ihr Herz bringen, ihre alten Schuhe wegzuschmeißen. So bleiben sie zumindest jedem, der die baumelnden Schuhe wahrnimmt, in Erinnerung. Zudem verschönern die Schuhe doch auch auf ihre eigene Weise die Stadt." Tobias Jürgens sieht die Sache anders: "Ich glaube nicht, dass es da einen tieferen Sinn gibt. Die Leute wollen einfach nur Präsenz zeigen."

Aber nicht nur Schuhe würden sich gut auf den Bäumen und Leitungen machen. Tobias Jürgens zeigt auf seinen Hut: "Natürlich würde ich nicht diesen Hut nach oben werfen. Aber es würden sich doch bestimmt einige alte Hüte finden lassen, die in den Bäumen gut aussehen würden." Vera Steiner wirft einen Blick auf ihre Umhängetasche. "Ein paar alte Taschen über uns sind doch auch keine schlechte Idee", meint sie - nicht ganz ernst.