Gesundheit

Verzweifelte BKK-Versicherte überfordern Krankenkassen

Drei Stunden musste Ursula Zölisch warten, bis sie bei der Techniker Krankenkasse mit einem Sachbearbeiter über ihre Aufnahme in der TK sprechen konnte. Aber die 80-jährige Rentnerin war froh, dass sie überhaupt noch an die Reihe gekommen ist.

Im Raum der Charlottenburger TK-Filiale in der Wilmersdorfer Straße warteten Hunderte Menschen darauf, ihren Antrag auf Aufnahme in der gesetzlichen Krankenkasse abgeben zu können. Senioren an Krücken, Rollstuhlfahrer, die meisten so alt und schwach, dass sie von Angehörigen begleitet werden mussten. Sie alle sind noch bei der City BKK versichert, die Krankenkassen hat allerdings Insolvenz angemeldet und schließt zum 1. Juli. Die City BKK-Mitglieder müssen in eine andere Kasse wechseln. In Berlin betrifft dies 92 000 Menschen.

Die Situation überfordert nicht nur die meist älteren BKK-Mitglieder, sondern auch die Krankenkassen. Die TK hat in der vergangenen Woche mehrere tausend BKK-Versicherte aufgenommen, die Schlange der Wartenden in der Filiale in der Wilmersdorfer reicht bis ins Treppenhaus. Die Mitarbeiter können sich kaum eine Pause nehmen, Kollegen aus anderen Bereichen springen in den Kundencentern ein, um den Ansturm zu bewältigen. "Das ist eine absolute Ausnahmesituation", sagt TK-Sprecher Markus Dräger. Jeder würde aufgenommen werden, aber Dräger bittet die Neukunden um Geduld. Eine längere Wartezeit müsse eingeplant werden. In einer solchen Situation seien die Krankenkassen noch nie gewesen, die City BKK ist die erste gesetzliche Krankenkasse, die Insolvenz angemeldet hat.

Die Telefon-Hotline half nicht weiter

Gunda Hartwig sah die Bilder im Fernsehen: Mehrere hundert Menschen, die vor der wegen des Ansturms extra eingerichteten AOK-Zentrale in Weißensee warten. Wenn sie es noch könnte, würde Gunda Hartwig ebenfalls in der Menschenschlange stehen, um eine AOK-Mitgliedschaft zu beantragen. Aber die 77-Jährige aus Reinickendorf sagt, dass sie es nicht mehr schafft, stundenlang zu warten. Die Rentnerin leidet an Arthrose im rechten Knie. Seit Monaten gehe sie nicht mehr vor die Tür, die Tochter versorgt sie neben ihrer Arbeit mit. Gunda Hartwig hatte gehofft, dass ihr die AOK ein Anmeldeformular zuschicken würde. Stundenlang versuchte sie über die Hotline einen Mitarbeiter zu erreichen. Als sie endlich jemanden am Telefon hatte, ließ der Mitarbeiter sie ratlos zurück. Mitglied bei der AOK könne sie nur werden, wenn sie persönlich vorbeikomme, hieß es.

Wegen des starken Andrangs von Versicherten der insolventen City BKK hat die Barmer GEK am Freitag ihre neun Kundencenter in Hamburg geschlossen. "Wir haben Hunderte Anfragen jeden Tag. Nun müssen sich die Mitarbeiter erst einmal um die Anliegen unserer Versicherten kümmern", begründete ein Sprecher der Landesgeschäftsstelle Nord den Vorgang.

Die Verunsicherung unter den BKK-Versicherten ist groß. Viele befürchten, keine Krankenkasse zu finden. Die Verbraucherzentrale Berlin berichtet von Betroffenen, die von Krankenkassen mit fadenscheinigen Argumenten abgewimmelt worden sind. Bei der City BKK gehen Anrufe von Mitgliedern ein, zum Teil weinend und völlig verzweifelt, weil sie aufgrund ihres Alters oder einer schweren Krankheit offenbar niemand annehmen will. Betroffene befürchten, nicht mehr dieselben Medikamente zu bekommen. Die City BKK will jetzt einen formlosen Antrag ins Netz stellen, den man dann ausfüllen und im Prinzip bei jeder Kasse einreichen könnte.

Der neue Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) empört sich. "Dieses Verhalten ist unerhört und rechtswidrig", sagte er. Der Minister wollte bei der Chefin des Kassenverbandes, Doris Pfeiffer, darauf dringen, dass die Kassen "alles unterlassen, was zu einer Verunsicherung der Versicherten führt".

Über Insolvenz nicht informiert

Die AOK, die bislang mehr als 4000 BKK-Versicherte aufgenommen hat, bemängelt, dass das Bundesversicherungsamt die Kassen nicht rechtzeitig über die anstehende Insolvenz informiert habe. "Im alltäglichen Geschäft ist der aktuelle Ansturm kaum zu bewältigen", sagt AOK-Sprecherin Gabriele Rähse. Man könne nicht auf einen Schlag Tausende Versicherte aufnehmen und anständig betreuen, sagt auch Franz Billinger von der Siemens BK.

Die älteren Menschen haben zudem einen hohen Beratungsbedarf, im Akkord könnten sie nicht aufgenommen werden. Andererseits sei der momentane Imageschaden für die Kassen größer als das Risiko einiger ungünstig aufgenommener Versicherten, meint Christine Richter vom BKK Bundesverband. Eine große Kasse mit Millionen Versicherten bundesweit könne wohl kaum gefährdet werden, wenn sich die Neuanträge gleichmäßig auf alle Kassen verteilten. Es gebe bereits Gespräche zwischen den Kassen unterhalb der Führungsebene, und das Chaos der ersten Tage werde sich wohl bald normalisieren, hofft Richter.