Kassenwechsel

Patienten-Geschacher nach BKK-Pleite

Ursula Thiel sieht kaum noch durch. Der Stapel mit Notizen neben dem Telefon wächst. Kontaktnummern, Ansprechpartner: Mit so vielen hat sie gesprochen in diesen Tagen, und so oft wurde sie abgewiesen, nur mit neuen Telefonnummern versorgt.

Dabei ist das Ganze ohnedies ärgerlich genug. Denn Thiel gehört zu den 92 000 Berliner Versicherten der City BKK, die sich nach deren Pleite eine neue Krankenkasse suchen müssen.

Dort allerdings sind die Neubewerber nicht immer willkommen. Überdurchschnittlich viele Versicherte der City BKK waren Rentner, zahlreiche mit hohem medizinischem Bedarf. Für Kassen keine Wunschmitglieder: Sie fürchteten nun, genau diese teuren Versicherten übernehmen zu müssen, so Ilona Köster-Steinebach von der Verbraucherzentrale.

Unterschiedliche Begründungen

Hartmut Bäumer, Geschäftsführer der Berliner Verbraucherzentrale, kennt inzwischen viele Begründungen, mit denen City BKK-Mitglieder "abgewimmelt" würden. So werde ihnen gesagt, dass die Pflegestufe neu berechnet werde und eventuell ungünstiger ausfalle. Oder es gebe zu viele Neuanmeldungen. In einem Fall habe man einem 74-jährigen Berliner gesagt, nicht alle Alten und Kranken könnten in diese Kasse wechseln.

Derartige Berichte gibt es quer durch die ganze Branche, weiß Katja Hilbold, stellvertretende City BKK-Sprecherin, bei der sich verzweifelte Mitglieder wieder melden. "Für die Patienten ist das ganz furchtbar", so Hilbold. Diese würden regelrecht hin- und hergeschoben. So wie Charlotte Zbell, die es bei der Barmer GEK versucht hatte und auf eine Wartezeit von sechs Wochen hingewiesen wurde (die Morgenpost berichtete). Ursula Thiel erfuhr ebenfalls bei der Barmer, dass ihre gewohnte Medizin dort möglicherweise nicht weiter finanziert werde, verbunden mit einer Empfehlung für die Siemens BK. Da wurde Thiel anschließend eine Aufnahme in der SBK Schwedt anstatt in Berlin angeboten. Selbst der Hinweis, dass sie neben einer Seh- und Hör- noch eine Gehbehinderung habe, nützte nichts. "Das hat mich so geärgert, dass ich aufgelegt habe", so Thiel. Herbert Strehlau dagegen ließ sich nicht so schnell entmutigen, als er bei der telefonischen Bitte um einen Aufnahmeantrag für seine 97-jährige Mutter in die AOK zu einer Anlaufstelle in Weißensee verwiesen wurde. In einem Charlottenburger AOK-Center erhielt er nach längerer Wartezeit tatsächlich einen Antrag. "Dazu hat die Mitarbeiterin aber noch gefragt, warum ich mir so viel Stress mache. Und ob ich nicht lieber zu einer anderen Kasse wolle", entrüstet sich Strehlau.

Bei AOK wie auch SBK verweist man auf die derzeitige enorme Belastung. Hunderte Anträge seien eingegangen, so SBK-Pressesprecher Franz Billinger. Dadurch sei es vermutlich zu dem Missverständnis im Fall Thiel gekommen, dass man bedauere. Auch die AOK Nordost betont, dass bereits 4000 City BKK-Versicherte aufgenommen worden seien. Allerdings, so deren Sprecherin Gabriele Rähse, "haben wir einen Ansturm, der gezielt gesteuert wird." So seien zu ihnen Menschen gekommen mit AOK-Aufnahmeanträgen, die Mitarbeiter anderer Versicherungen für Interessenten dort aus dem Netz geladen und ausgefüllt hätten, um diese an die AOK weitergeben zu können. Rähse fordert eine politische Regelung, nach der Versicherte einer insolventen BKK innerhalb des BKK-Systems verbleiben sollten.

Der BKK Bundesverband wie auch das Bundesversicherungsamt (BVA), das die Aufsicht über die Kassen hat, verweisen dagegen auf die Wahlfreiheit der Bürger. "Die Kassen bekleckern sich nicht mit Ruhm", so BKK Bundesverbands-Sprecherin Christine Richter. Beim BVA sei bereits den ersten Beschwerden nachgegangen worden, so dessen Sprecher Tobias Schmidt. In letzter Konsequenz könne eine Kasse angewiesen werden, Patienten aufzunehmen. Andere Sanktionsmöglichkeiten gebe es aber nicht. Schmidt rät deshalb, dass Betroffene ihre Erfahrungen melden und sich von den Kassen nicht abweisen lassen sollen. Zeit haben die Versicherten für ihren Wechsel noch bis zum 14. Juli. Ausreichend ist ein formloser Antrag an die Wunschkasse, die eine Ablehnung ihrerseits begründen müsste. Wer nach dem 14. Juli noch keine neue Kasse hat, bekommt eine zugewiesen.