Erfinderladen

"Renner lassen sich nicht planen"

"Ich müsste mal was erfinden", dachte Bernd Steinberg. Da saß er mit einem Freund bei einem Glas Wein und sprach über kleine Erfindungen, die Menschen reich gemacht hatten. Wie etwa der Kaffeefilter, den Melitta Bentz 1908 erfunden hat. Das brachte Bernd Steinberg zum Grübeln. Seine Erfindung sollte etwas Alltägliches sein, das möglichst viele Menschen brauchen. "Ich ging durch die Gegend und fragte, was fehlt."

So ganz zufrieden ist Bernd Steinberg deshalb noch nicht mit seiner ersten Erfindung. Sie ist nämlich nicht besonders nützlich. Bernd Steinberg hat ein Spiel erfunden, genauer gesagt einen Sudoku-Würfel. Die Idee hatte er, da er die japanischen Zahlenrätsel mit Begeisterung löst. "Ich halte so mein Gehirn in Schwung", sagt der 50-Jährige aus Kreuzberg. Nur eine Sache störte ihn: Dauernd musste er neue Sudoku-Hefte kaufen, die alten flogen in den Müll. Eigentlich Papierverschwendung. Bernd Steinberg wollte ein dauerhaftes Sudoku . Da sah er im Kinderzimmer seiner jüngsten Tochter einen Rubik's Cube, den bunten Zauberwürfel, bei dem Farben sortiert werden müssen. Und ihn durchfuhr ein Geistesblitz: Wenn er die Farben durch Zahlen ersetzt, hat er ein sehr kniffliges, dauerhaftes Sudoku.

Doch wohin mit dieser Idee? Die Anleitung zur Konstruktion des "Sudoku Cube" lag lange im Schreibtisch des gelernten Maurers. Beim Patentamt hatte Bernd Steinberg sich seine Idee als Gebrauchsmuster, "kleines Patent" genannt, eintragen lassen. Doch die Spieleverlage, denen er den Zahlenwürfel anbot, schienen nicht interessiert zu sein. Bernd Steinberg brauchte Verstärkung. "Ich wollte Profis, die den Würfel für mich vermarkten."

Bernd Steinberg suchte im Internet. Beim Erfinderladen im Prenzlauer Berg wurde er schließlich fündig. Der Erfinderladen ist selbst eine neue Schöpfung, ein im deutschsprachigen Raum einzigartiges Geschäftskonzept. Die beiden Gründer, Marijan Jordan und Gerhard Muthenthaler, beraten hier Tüftler. "Das sind nicht nur einzelne Personen, sondern auch Firmen, für die wir herausfinden, ob es auf dem Markt Platz für ihr neues Produkt gibt", sagt Marijan Jordan.

Der Erfolg ist ungewiss

Zuallererst bekam Bernd Steinberg eine Geheimhaltungserklärung vom Erfinderladen zugeschickt. Denn unabhängig davon, ob die Erfindung von Jordan und Muthenthaler vermarktet wird, lautet das oberste Gebot: "Mit niemandem über die Erfindung reden." Sonst könnte die Idee geklaut werden. Nächster Geschäftskontakt war das kostenlose Beratungsgespräch, zu dem die Erfinderberater Bernd Steinberg in die Geschäftsräume im Erfinderladen in der Lychener Straße in Prenzlauer Berg eingeladen haben. Die beiden 37-Jährigen erklärten dem Erfinder, was sie für ihn tun können und schauten sich seine Würfel-Kreation genau an.

"Von zehn Vorschlägen nehmen wir etwa zwei an", sagt Marijan Jordan. Viele Erfindungen würden in der Realität nicht funktionieren, andere gibt es schon. Doch der Sudoku-Cube von Bernd Steinberg kam gut an, Jordan und Muthenthaler sahen eine Innovation. Ob es ein großer Erfolg wird, ist dennoch ungewiss. Denn die großen Renner könne man nicht planen, sagt Gerhard Muthenthaler. Den Erfolg des Energy-Getränks "Red Bull" habe auch niemand vorhergesehen. Doch häufig seien es die eher unpraktischen, freizeitorientierten Dinge, wie der Sudoku-Cube, die später erfolgreich seien.

Doch die beiden Erfinderberater haben in langjähriger Erfahrung ein Gespür entwickelt. Den Erfinderladen gibt es zwar erst seit zwei Jahren. Trotzdem sind Jordan und Muthenthaler schon 14 Jahre im Geschäft. Damals haben die beiden in ihrer österreichischen Heimat Salzburg die erste Beratungsagentur für Erfinder gegründet. Eingefallen ist ihnen das Konzept während eines weinseligen Abends. "Wenn man zusammensitzt, hat man immer gute Ideen, kommt damit aber nicht weiter. Wie auch Bernd Steinberg", sagt Gerhard Muthenthaler. Da haben die ehemaligen Studienkollegen selbst nach Erfinderberatern gesucht, allerdings erfolglos. "So was gab es zu dem Zeitpunkt nur in den USA", sagt Muthenthaler. Warum also nicht ein eigenes Geschäft gründen und die Marktlücke schließen? Gedacht, getan. Vor vier Jahren jedoch wurde ihnen Österreich zu klein. "Deutschland hat mehr Einwohner und damit ein größeres Potenzial", sagt Gerhard Muthenthaler. Und so haben sie das österreichische Unternehmen an einen Geschäftspartner abgegeben und sind nach Berlin gezogen.

Täglich kommen etwa sechs Ideen aus ganz Deutschland bei ihnen an. Viele aus Süddeutschland, aber auch zunehmend aus Berlin.

Bernd Steinberg hat die erste Hürde genommen: Seine Erfindung, der "Sudoku-Cube", ist von den Erfinderberatern angenommen worden. "Ich habe die Vermarktung komplett in die Hände der Jungs gelegt", sagt Steinberg. Er habe selbst ein Geschäft zu führen und nicht die Zeit, sich um seine Erfindung zu kümmern.

Deshalb sind Jordan und Muthenthaler nun damit beschäftigt, Lizenzen für den Sudoku-Cube zu verkaufen. Schaffen sie es, halten sie eine Art Geschäftsbeteiligung und machen so Gewinn. "Die genauen Vertragsmodalitäten wollen wir hier aber nicht verraten", sagen Erfinder und Patentverwerter. Nur soviel: Erfinder zahlten je nach Leistungsumfang zwischen 500 und 5000 Euro.

Wer kein Geld hat, aber eine gute Idee, kann sie trotzdem präsentieren. Und zwar im Patent-net von Muthenthaler und Jordan ( www.patent-net.de ). Für Hartz-IV-Empfänger ist die Mitgliedschaft im Internet-Forum für Erfinder sogar kostenlos. Erst neulich, berichtet Marijan Jordan, sei eine Lizenz für die Erfindung eines bislang arbeitslosen Berliner dort verkauft worden. "Für uns ist das der Beweis, dass jeder seine Ideen umsetzen kann, wenn er nur etwas Geld oder eben Zeit investiert", ist Jordan überzeugt.

Während im hinteren Teil des Erfinderladens die Beratungen an einem großen Konferenztisch stattfinden, werden im vorderen Ladenteil der ehemaligen Bäckerei die Erfindungen verkauft. Als Jordan und Muthenthaler vor einem Jahre den Shop eröffneten, starteten sie mit zehn Produkten. Darunter waren Alltagsgegenstände wie etwa ein Zollstock mit integrierter Wasserwaage. Oder eine Pizzaschere. Die verwenden die Ladeninhaber selbst zuhause, "nicht nur für Pizza". Außerdem gibt es eine Brieffalzmaschine, Achselpads, einen Klobrillenschutz aus Papier, Socken für Stühle - damit das Parkett nicht verkratzt -, einen Schlafphasenwecker und Täschchen fürs iPhone aus altem Feuerwehrschlauch. Der Renner im vergangenen Winter waren die LomLoms, sehr warme, wasserdichte und rutschfeste Stiefel aus Filz.

Im Hinterzimmer des Erfinderladens haben Jordan und Muthenthaler ein "Museum für künftige Erfindungen" eingerichtet. Hier können Kunden auch den Sudoku-Cube von Bernd Steinberg probieren. Denn im Zukunfts-Museum sind vor allem Prototypen oder Konzepte ausgestellt. Diese sind zwar schon patentrechtlich geschützt, werden allerdings noch nicht in Serie hergestellt.

Erfinderladen expandiert

Die vielen originellen Produkte sind alle von privaten Tüftlern entworfen worden. "Jeder kann ja Erfinder sein", sagt Marijan Jordan. Aber der Verkauf im Erfinderladen ist nicht die finanzielle Basis, von der Muthenthaler und Jordan leben. Firmen, die neuartige Materialien oder Produkte im Bereich regenerative Energien entwickelten, seien finanziell spannender, meint Jordan. Mittlerweile beschäftigen die beiden 15 Mitarbeiter in einem separaten Büro an der Metzer Straße, schreiben schwarze Zahlen. Und sie wollen in den englischsprachigen Raum expandieren: Auf der Homepage www.inpama.com können internationale Tüftler ihre Erfindungen auf Englisch präsentieren.

Bernd Steinberg ist gespannt, wann er seinen Sudoku-Cube verkaufen wird. "Wenn's was wird - super! Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm", sagt er. Er ist immer noch auf der Suche nach der einen kleinen Erfindung, die ihn reich machen wird. Dem gewissen Extra, das jeder zum Leben braucht. Sein Sudoku-Cube sei nur ein Anfang gewesen. "Im Moment versuche ich, meine Freunde zu motivieren, mal etwas gemeinsam zu erfinden", sagt Steinberg. Wenn mehrere nachdenken, könne das sehr ergiebig sein.