Streik

Intensivstation in Not

Vor den Toren des Virchow-Klinikums streiken Schwestern und Pfleger, drinnen, auf der Intensivstation, ist es gespenstisch still. Leere Betten, ausgeräumte Behandlungszimmer. Drei bewusstlose Patienten hängen am Tropf. Für gewöhnlich ist diese Station voll ausgelastet, zu über 90 Prozent belegt, sagt Achim Jörres.

Der Leiter der Intensivmedizin ließ die meisten Patienten verlegen. Seit drei Tagen koordiniert er den Notbetrieb. Sein Arbeitsumfeld zählt zu den sensibelsten Bereichen an der Charité. Menschen mit Nierenversagen, Sepsis oder Herzinfarkten liegen hier. Oft geht es um Leben oder Tod.

Wenn Jörres gefragt wird, wie er während des Streiks zurechtkommt, seufzt er. Er muss die nächsten Tage planen, doch wie soll das gehen auf einer Station, in der Krankheitsverläufe nicht vorhersehbar sind? "Hier kommen täglich Notfälle rein", sagt er. Es ist noch früh am Tag, doch behandelt werden mussten bereits eine Hochschwangere mit Herzrhythmusstörungen und ein Mann, der nach einem Kreislaufstillstand wiederbelebt wurde. "Bei allem Verständnis für den Streik frage ich mich, ob Intensivstationen und Rettungsstellen nicht hätten ausgeklammert werden müssen", sagt er.

"Wo sind die Arbeitsverweigerer?"

Es ist der dritte Streiktag für die Charité. Europas größtes Uniklinikum ist lahmgelegt. 90 Prozent aller Behandlungen können nicht durchgeführt werden. Mehrere Hundert Operationen wurden bereits verschoben. Patienten werden früher entlassen oder in andere Krankenhäuser verlegt. "Viele warten auf Operationen", sagt Ulrich Frei, der Ärztliche Direktor der Charité. Zum Beispiel Menschen, die neue Hüften brauchen oder an den Augen gelasert werden müssen. Und noch ist nicht absehbar, wann der Ausstand endet. Ver.di und dbb Tarifunion halten an einem unbefristeten Streik fest.

Die ersten Gespräche mit der Arbeitgeberseite haben noch zu keiner Lösung geführt. Frei sah sich inzwischen gezwungen, die Ärzte zu beschwichtigen. "Ich habe alle Klinikleiter aufgefordert, das Streikrecht der Beschäftigten in keiner Form zu beschränken", sagte Frei. Gleichzeitig appellierte er an die Streikenden, Risiken für Leben und körperliche Unversehrtheit der Patienten in jedem Fall zu vermeiden.

Die Gewerkschaften schaffen es offenbar, jeden Tag mehr Beschäftigte zu mobilisieren. 10 000 Arbeitskräfte im Pflege- und Technikbereich riefen sie zum Streik auf. Nach einem Aufruf der GEW machen am heutigen Donnerstag erstmals auch Charité-Mitarbeiter aus Forschungsinstituten mit. Inzwischen trauen sich auch mehr Mitarbeiter der Charité Facility Management (CFM), Demonstrationen zu unterstützen. Reinigungskräfte, Wachmänner, Fahrer, die über Vergütung unter Mindestlohnniveau klagen. Sie zögerten zunächst, weil ihnen bei einer Beteiligung mit Kündigung gedroht wurde.

Einen solchen Streik, sagt Oberarzt Jörres, habe er noch nicht erlebt. Nur noch die Hälfte seiner Schwestern und Pfleger sind im Einsatz. Inzwischen stockt es auch beim Transport und bei der Postzustellung. Jörres steht etwas verlassen in einem Raum mit vielen Monitoren. Herzkurven von Patienten blinken darauf. Jörres blickt auf die flimmernden Bilder, er sieht besorgt aus. Hinter ihm erregt sich eine leitende Schwester, die an diesem Tag nicht streikt. "Wo sind die Arbeitsverweigerer?", ruft sie in den Hörer, es klingt genervt. Jörres sagt, dass jeder zum Beginn einer Schicht erscheinen muss, damit er planen könne. "Die Kooperation mit der Streikleitung läuft glücklicherweise sehr gut", sagt er. Er frage sich aber, wie viele Tage dieser Notbetrieb noch funktionieren kann.

Ein schlechtes Gewissen mögen die vielen streikenden Schwestern und Pfleger haben, sie wollen aber nicht länger zurückstecken. "Wir müssen immer öfter Tätigkeiten von Ärzten übernehmen, die Anforderungen steigen", sagt der streikende Krankenpfleger Arnim Thomaß. Viele Kollegen seien bereits zu anderen Krankenhäusern gewechselt, weil diese besser bezahlen. Pflegekräfte verdienen an der Charité im Schnitt 2400 Euro brutto monatlich. Gewerkschaften fordern, 300 Euro monatlich aufzuschlagen, um den Lohnunterschied auszugleichen.

Die Charité hatte sich bislang nur bereit erklärt, 120 Euro bis Dezember dieses Jahres draufzuschlagen. Doch die Klinik steckt in einem Dilemma. Käme der Vorstand den Forderungen der Gewerkschaften nach, würde das zusätzliche Ausgaben von rund 40 Millionen Euro pro Jahr bedeuten. Doch das Uniklinikum schließt seit Jahren mit einem Defizit ab; 2010 summierte sich der Fehlbetrag auf 17 Millionen Euro. Der Senat, der die Einrichtung jährlich mit 180 Millionen Euro bezuschusst, bewilligte jüngst 330 Millionen Euro zusätzlich, damit die Charité in ihre marode Infrastruktur investieren kann. Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) verlangt den Abbau des Defizits bereits in diesem Jahr. Charité-Chef Karl Max Einhäupl hat einen strikten Sparkurs angeordnet, um die schwarze Null fristgerecht zu erreichen. "Wir befinden uns im Schraubstock zwischen den Anliegen der Mitarbeiter und den Vorgaben der Politik", heißt es aus der Charité. Das Problem: Auch der Streik kostet. Gewerkschaften rechnen mit 1,5 Millionen Euro, das Uniklinikum mit einer halben Million Euro pro Streiktag. Oberarzt Achim Jörres hofft, dass sich eine Einigung findet. "Bis jetzt habe ich bei allen Notfällen auch schnell zusätzliche Helfer bekommen", sagt er. Auch die Verlegung in andere Kliniken laufe reibungslos. Bisher. "Wenn sich der Streik noch weiter hinzieht, frage ich mich, ob wir nicht alle an unsere Grenzen stoßen", sagt Jörres. Mit "wir" meint er nicht nur die Charité, sondern auch die benachbarten Krankenhäuser.

Patienten und Angehörige können bei der Charité-Hotline Auswirkungen des Streiks erfragen: Tel.450 55 05 00