Fernwärme

Blick in die neue Hauptschlagader

Noch klafft ein riesiges Loch in der Erde. Acht Meter geht es auf wackligen Gerüsttreppen in die Tiefe. Auf dem Boden eine schlammige Pfütze vom Regen der vergangenen Tage. "Eigentlich müssten wir hier schwimmen", sagt Projektleiter Armin Böhm. Der Grundwasserspiegel liegt nur drei Meter unter der Straßenoberfläche.

Doch die Grube an der Elisabeth-Mara-Straße ist abgedichtet. An den Wänden ragt eine gewaltige Palisade aus Betonpfählen in die Höhe, um das Berliner Wasser fernzuhalten.

Das in der Bauzeit unerwünschte Element ist allerdings auch der eigentliche Grund für die Grube. Durch die Tiefe zieht sich ein begehbares Tunnelrohr, 2,60 Meter im Durchmesser, 65 Meter lang, hinüber auf die andere Seite der Neuen Grünstraße in Richtung Alte Jakobstraße. Links und rechts verlaufen 70 Zentimeter dicke Rohre. Durch sie soll von Herbst an Wasser strömen - sehr viel Wasser. 4000 Kubikmeter pro Stunde, den Inhalt von 20 000 Badewannen, will der Energieversorger Vattenfall durch den Tunnel pumpen. 85 bis 135 Grad heißes Wasser für etwa 60 000 Wohnungen und 500 Großkunden mit Fernwärmeheizung in Mitte. Mit seiner vergleichsweise geringen Länge sei der Tunnel im 1500 Kilometer langen Fernwärmenetz Berlins zwar nur "ein kleiner Mosaikstein", sagt Vattenfall-Vorstand Wolf-Dietrich Kunze. Allerdings ein wichtiger - oder wie es Projektleiter Böhm sagt: "Die neue Hauptschlagader für Mitte."

Bislang nur ein Provisorium

Derzeit verbindet nur ein Provisorium das Heizkraftwerk an der Köpenicker Straße mit einem Großteil der Kunden in Mitte. Dicke, schwarze Rohre überspannen in umgekehrter U-Form die Straße. Vattenfall musste die unterirdischen Leitungen schon vor Jahren verlegen, weil ein benachbartes Grundstück bebaut wurde. Seit 2007 wird an der neuen Leitung unter der früheren Seydelstraße gearbeitet. Mehrere Hundert Meter Rohrleitungen mussten zunächst in offener Bauweise verlegt werden, seit einem Jahr läuft der aufwendige Tunnelbau. Er wurde nötig, weil andere Versorgungsleitungen für Strom, Wasser und Telekommunikation den Weg unter der Neuen Grünstraße blockierten. Ein weiterer Grund für den Gang in die Tiefe: Auf der anderen Straßenseite ist eine Baulücke, die künftig geschlossen werden soll. Geplant ist auch eine Tiefgarage, die der Tunnel unterqueren muss.

3,5 Millionen Euro lässt sich der Versorger den Bau kosten. Eine gewaltige Bohrmaschine hat sich monatelang ihren Weg zwischen den Baugruben gegraben - ein stählerner Maulwurf von 120 Tonnen Gewicht. Anfang März war der Durchbruch geschafft. Jetzt beginnt die Endphase des Projekts. Bis September sollen die Rohre mit dem Netz verbunden, die Grube geschlossen sein. Die Zeit drängt. Pünktlich zum Beginn der Heizsaison will Vattenfall die Versorgung durch das Provisorium abschalten und den neuen Fernwärmetunnel in Betrieb nehmen. Mehr als unangenehm wäre es, wenn wichtige Großkunden wie die Charité oder der Fernsehturm mitten im Winter während der Umschaltung ohne Fernwärme auskommen müssten.

Der Tunnel in Mitte ist vielleicht das spektakulärste, aber bei Weitem nicht das größte Projekt im Berliner Fernwärmenetz. Vattenfall expandiert immer weiter: 620 000 Haushalte sind aktuell ans Netz angeschlossen, jährlich kommen nach Angaben von Vorstand Kunze 20 000 bis 25 000 hinzu. Vor allem in Spandau und Prenzlauer Berg wird seit Jahren gebuddelt. 60 Millionen Euro investiert der Konzern allein, um "Spandau fernwärmetechnisch nach Berlin zu holen", sagt Kunze. Derzeit wird am Anschluss des Rathauses gearbeitet. Bis 2016 sollen weite Teile Spandaus angeschlossen sein. 60 000 zusätzliche Haushalte will der Konzern dann erreichen.

20 000 bis 25 000 Neukunden sollen es in Prenzlauer Berg sein. Auch dort musste ein Tunnel gebohrt werden, um den Verkehr auf der Prenzlauer Allee nicht wochenlang lahmzulegen. Jetzt wachsen die Versorgungsleitungen nach Westen in Richtung Schönhauser Allee. 30 Millionen Euro lässt sich Vattenfall den Ausbau des Netzes im Szenebezirk kosten. Geplante Fertigstellung: 2016 oder 2017.

Bagger rücken in Tempelhof an

Die nächsten Pläne liegen schon in den Schubladen, wie Kunze bestätigt. Allzu viel will er mit Blick auf die Konkurrenz anderer Energieversorger nicht verraten. So viel aber schon: In Tempelhof oder Schöneberg werden die Bagger wohl als Nächstes anrücken. 2012 oder 2013 könnte es so weit sein.

Wie berichtet genehmigte der Senat zudem im Februar den Neubau des Heizkraftwerks in Lichterfelde. Von 2014 an will der Energieversorger mit dem Gas-und-Dampfturbinen-Kraftwerk aus Erdgas Strom und Wärme erzeugen. Von Lichterfelde aus werden weite Teile des Berliner Südens mit Fernwärme versorgt. Die Investitionen belaufen sich nach Unternehmensangaben auf 381 Millionen Euro. Auch das Heizkraftwerk Klingenberg an der Rummelsburger Bucht soll bis 2017 durch Gas-und-Dampfturbinen-Kraftwerke und durch Biomasse-Heizkraftwerke ersetzt werden.