Tarifkonflikt

"Wenn das Angebot gut ist, gehe ich sofort wieder arbeiten"

Die Gewerkschaften haben am zweiten Streiktag an der Charité offenbar mehr Pflegekräfte als am Montag mobilisieren können. "Wir haben in allen Bereichen noch eine Schippe draufgelegt", sagte Carsten Becker, Vorsitzender der Ver.di-Betriebsgruppe. Neben Intensivstationen und Rettungsstellen seien auch die Poststelle und der Krankentransport in den Arbeitskampf einbezogen worden.

Mehr als 2000 Pfleger und Schwestern sollen beteiligt gewesen sein.

Wie der Ärztliche Direktor der Charité, Ulrich Frei, bestätigte, wurden am Dienstag 350 von 3000 Betten bestreikt. Das führte zu noch größeren Einschränkungen für die Patienten als am Montag. "Es gab 30 Noteingriffe, 200 Operationen konnten nicht durchgeführt werden", sagte Frei. Die Charité musste zahlreiche Patienten früher entlassen, viele von ihnen warten derzeit auf ihre chirurgischen Eingriffe. "Wir vermitteln auch Patienten an andere Krankenhäuser, momentan kooperieren wir sehr gut mit Vivantes", sagte Frei. Die dortige Geschäftsführerin, Dorothea Dreizehnter, koordiniert die Patientenübernahme zwischen den beiden landeseigenen Kliniken. Derzeit würden Hotlines eingerichtet, um eine schnelle Übergabe zu gewährleisten. "Wir wollen die Wege kurz halten, um die Nachteile für Patienten möglichst gering zu halten", sagte Dreizehnter. Auch das Evangelische Waldkrankenhaus in Spandau übernimmt Charité-Patienten. Der Senat wies die Rettungsdienste an, während des Streiks andere Krankenhäuser als die der Charité anzufahren. Laut Senat treten keine Koordinationsschwierigkeiten bei der Versorgung von Unfallopfern oder Herzinfarkt-Patienten auf. "Es gibt in Berlin 39 Notfallaufnahmen. Mit dem Streik an der Charité fallen nur drei weg, alles läuft gut", sagte Marie-Luise Dittmar, Sprecherin der Gesundheitsverwaltung.

Am heutigen Mittwoch wollen sich die Tarifparteien erstmals seit Beginn des Vollstreiks wieder zu neuen Gesprächen treffen. Die Charité hatte in einem Brief an Ver.di die Streikenden gebeten, an den Verhandlungstisch zurückzukehren, um ein neues Angebot zu unterbreiten. Die Gewerkschaften zeigen sich jedoch skeptisch. "Wir werden so lange im Ausstand bleiben, bis jeder streikende Mitarbeiter mit einem neuen Angebot zufrieden ist", sagte Ver.di-Vertreter Becker. Wenn die Charité keine besseren Gehälter zahlen wolle, müsse sie mit mehreren Millionen Euro rechnen, die der Ausstand koste - Gewerkschafter gehen von über einer Million Euro, die Charité von einer halben Million Euro pro Streiktag aus.

300 Euro monatlich mehr gefordert

Ver.di und DBB Tarifunion verlangen eine Erhöhung der Gehälter um rund 300 Euro monatlich - eine Summe, die andere Kliniken längst zahlen. Die Charité, die auf ihren strikten Sparkurs verweist, hat bisher 120 Euro bis Dezember angeboten. Ein junger Arzthelfer zeigte sich mit Blick auf die bevorstehenden Verhandlungen hoffnungsvoll. "Wenn das Angebot gut ist, gehe ich sofort wieder an meinen Arbeitsplatz zurück", sagte er.

Ein leitender Arzt der Charité, der eine der Rettungsstelle koordiniert, äußerte sich solidarisch mit den Streikenden. Die derzeitige Lohnpolitik gegenüber den Schwestern und Pflegern sei ungerecht, das sehe die breite Mehrheit der Ärzte so. "Wir haben ein großes Interesse daran, dass gute und motivierte Pflegekräfte in unseren Teams arbeiten", sagte der Arzt, der nicht namentlich genannt werden möchte. "Wir bekommen kaum noch Bewerbungen, Schwestern und Pfleger wechseln zu anderen Kliniken, weil sie da mehr verdienen." Besonders junge Menschen würden die hohe Arbeitsbelastung und die schlechte Vergütung im Pflegebereich abschrecken.

Am Dienstagnachmittag demonstrierten mehr als 1400 Pfleger und Krankenschwestern in Wedding und Mitte. Deshalb wurden Straßen gesperrt, in der Chausseestraße kam es zu Staus.