Streik

Engpässe auf der Intensivstation

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Ina Brzoska

Der Streik des Pflegepersonals an der Charité hat am Montag zu Engpässen bei der Versorgung der Patienten geführt. Trotz der Bemühungen des Universitätsklinikums, planbare Operationen zu verschieben und Patienten in andere Häuser zu verlegen, gab es Probleme.

So lagen am Montagmittag auf der Intensivstation am Campus Benjamin Franklin in Steglitz doppelt so viele Patienten wie im Streikplan vorgesehen. Klinik- und Streikleiter schafften es nach Appellen an streikende Pflegekräfte, die Versorgung sicherzustellen. Laut Charité-Sprecherin Stefanie Winde habe es sich um Patienten gehandelt, die nicht verlegt werden konnten, weil ihr gesundheitlicher Zustand zu schlecht sei.

Europas größtes Uniklinikum befindet sich im Ausnahmezustand. Die Gewerkschaften Ver.di und dbb Tarifunion haben rund 10 000 Beschäftigte im Pflege- und Technikbereich zum unbefristeten Streik aufgerufen. Bereits um sechs Uhr morgens legten mehrere Hundert Pfleger und Schwestern die Arbeit nieder. Im Bettenhaus Mitte blieben OP-Säle leer, am Virchow-Klinikum zeitweise auch die Rettungsstellen. In den vergangenen Tagen hatte die Charité nicht nur Behandlungen verschoben und Patienten in andere Häuser verlegt, auch die Rettungsdienste waren angehalten worden, Ambulanzen anderer Kliniken anzufahren. Die Charité warnte davor, dass es in den eigenen Häusern zu längeren Wartezeiten und erheblichen Einschränkungen kommen werde.

Patienten spüren die Folgen

Die Konsequenzen des Arbeitskampfes bekamen am Montag die Patienten sofort zu spüren. Von insgesamt 3200 Betten wurden mehr als 300 bestreikt. Schwestern erzählten, dass sich manche Patienten das Frühstück selbst abgeholt hätten, die Atmosphäre sei aber entspannt geblieben. Bislang zumindest. Selbst Vera Pfennig, die mit ihren Mann wegen eines Herzinfarkts in die Rettungsstelle kam, zeigte Verständnis. "Es ist das gute Recht der Mitarbeiter zu streiken. Ich bin trotzdem überzeugt, dass man hier in guten Händen ist", sagte sie. Margarete Kropf, eine Tumorpatientin am Bettenhaus Mitte, hält den Streik für überfällig. "An der Charité ist der Personalmangel tagtäglich erlebbar", sagte sie. Es gebe viel zu wenige Pfleger und Schwestern. Die Mitarbeiter seien "stark überlastet" und oft überhaupt nicht mehr ansprechbar.

Bereits am Montag kam die Notdienstvereinbarung zum Einsatz, die die Sicherheit der Patientenversorgung gewährleisten soll. Sowohl in Steglitz als auch im Virchowklinikum mussten Patienten mit Herzinfarkten und Schlaganfällen behandelt werden - mit Unterstützung der streikenden Pflegekräfte. Am Montag drängten Ärzte in mehreren Fällen darauf, dass Patienten trotz des Streiks nicht warten müssen, sondern sofort behandelt werden. Streikleiterin Sylvi Krisch erklärte, wie Notfälle gehandhabt werden: "In solchen Fällen entscheidet die Clearing-Stelle." Dies sei ein Sondergremium, das eine schnellstmögliche Entscheidung treffe - etwa, wenn es um Leben oder Tod geht. "Eine Notsituation haben wir dann, wenn wir damit rechnen, dass der Mensch in einer Stunde stirbt", sagte Krisch.

Währenddessen demonstrierten Pfleger und Schwestern an den drei Charité-Standorten Wedding, Steglitz und Mitte. Die Streikenden trugen rote T-Shirts, auf denen "Pflegefall Charité" stand, sie zogen mit Bannern, Fahnen und Trillerpfeifen über die Straße und vor die Eingänge. Anders als beim Warnstreik beteiligten sich weniger Reinigungs- und Wachleute der Charité Facility Management (CFM). Das Tochterunternehmen des Uniklinikums, das 2006 gegründet wurde, um Kosten zu sparen, bezahlt neu eingestellte Mitarbeiter außertariflich. Die Vergütung liegt nach Gewerkschaftsangaben unter dem Mindestlohn. Reinigungskräfte und Wachschutzpersonal klagen über "unzumutbare Arbeitsbedingungen". Die IG Bau, die zuletzt zum Streik aufgerufen hatte, sprach diesmal eine Warnung an die CFM-Mitarbeiter aus. Eine Beteiligung am Streik könne zu Kündigungen führen, hieß es.

Schwestern fordern 300 Euro mehr

Pflegekräfte klagen vor allem über schlechte Bezahlung. Eine Schwester, die seit 16 Jahren im Dienst ist, verdient 1600 Euro, trotz der Wochenend- und Nachtschichten. Im Gegensatz zu den Ärzten, die 2006 eine Erhöhung von 16 Prozent erhalten haben, fühlen sich viele Schwestern und Pfleger vernachlässigt. "Auch bei uns gibt es einen Fachkräftemangel", sagte Schwester Maria Graun. Kolleginnen wechselten zu mobilen Pflegediensten oder zu anderen Krankenhäusern, die besser zahlten. Vivantes zahlt Pflegekräften die 300 Euro monatlich mehr, die die Gewerkschaften jetzt bei der Charité einfordern. Das Uniklinikum hatte in den letzten Verhandlungen 120 Euro mehr bis Dezember dieses Jahres angeboten. Charité-Chef Karl Max Einhäupl äußerte zwar Verständnis für die Streikenden, verweist aber auf die finanzielle Notlage des Klinikums, dem in diesem Jahr ein strikter Sparkurs verordnet wurde. Die Charité hat sich gegenüber dem Senat dazu verpflichtet, das Defizit von rund 17 Millionen Euro noch in diesem Jahr abzubauen.

Ulrich Frei, der Ärztliche Direktor der Charité, sah sich mehrfach genötigt, alle Klinikleiter aufzufordern, das Streikrecht der Mitarbeiter nicht einzuschränken. Zeigten sich Ärzte während des Warnstreiks Mitte März noch verständnisvoll, sollen Schwestern und Pflegern vor diesem Vollstreik eingeschüchtert worden seien, hieß es. Am Montag beklagten sich Schwestern, dass sie von Vorgesetzten zurechtgewiesen und im Streikrecht behindert worden seien.

Sowohl am Bettenhaus Mitte als auch am Virchowklinikum war die Anspannung am Montag groß. Achim Jörres, Leiter der Intensivmedizin am Virchowklinikum, behandelt Patienten mit Nierenversagen, Sepsis oder Herzinfarkten. Einige schwere Fälle ließ er in andere Häuser verlegen. "Die Patienten haben davon kaum etwas mitbekommen, sie waren ja nicht ansprechbar", sagte eine Schwester. "Wir müssen mit der Situation jetzt klarkommen", sagte Jörres. "Hoffen wir, dass es schnell vorbeigeht."