Die Straßen von Berlin - Heute: Senftenberger Ring

Berliner Satellit der bunten weiten Welt

Wer gibt den Rhythmus des Viertels vor? Ganz klar, ihr Radio. Darauf lässt Isabelle Ghesquier nichts kommen. Jeden Freitagnachmittag geht die 20-Jährige auf Sendung. "Best of Isi" heißt das Programm, Soul- und R&B-Musik stellt sie darin vor.

Gesendet wird im Internet, live aus dem Märkischen Viertel in Reinickendorf. Und immer dienstags ist ihr Rhythmus dann ein Tritt in die Pedale. Da zieht Isabelle in einer Art Fahrradrikscha durch die Höfe der Hochhaussiedlung. Zum Streetworking, zusammen mit Tarik, Soner, Ibrahim und Rame, vier Jungs in ihrem Alter.

An wieder anderen Tagen spielt sie im Jugendzentrum mit ein paar jüngeren Mädchen und Jungs Kicker oder Karten, oder sie nimmt im dortigen Tonstudio eigene Lieder auf. "So confused" heißt eine ihrer Soulballaden. Kein Hip-hop, kein Gangsta-Rap ist das. Nichts hat das zu tun mit dieser düsteren Trabantenstadt-Atmosphäre, die seit dem Aggro-Rapper Sido mit dem Viertel verbunden wird, aus dem auch Sido stammt. Das stellt Isabelle sehr bestimmt fest.

"Die Klischees nerven sowieso", sagt die Schülerin, die gerade ihr Abitur macht. "Ich lebe schon immer im Märkischen Viertel, und okay: es gibt viele soziale Probleme. Aber dafür gibt es auch eine ganze Menge Leute, die etwas dagegen tun." So wie sie selbst. Sie ist da hineingewachsen. Oder anders gesagt: "Die sind mich einfach nicht mehr losgeworden." Seit Isabelle acht Jahre alt ist, kommt sie ins "comX", gesprochen wird das wie "Comics", das Kinder- und Jugendzentrum. Als Kind wohnte sie in einem Hochhaus, im 16. Stock. Mit anderen Kindern traf sie sich unten, aus jedem Hauseingang kam eine Freundin, und dann zogen sie entweder auf den Spielplatz mit der Tunnelrutsche, der vor den weißgrauen Wohnmaschinen liegt. Oder sie gingen in ihren "comX"-Klub. Der ist gleich auf der anderen Straßenseite, ein wenig versteckt hinter Parkplätzen, eingewachsen zwischen alten Bäumen. Aber viele Wege führen hin und jeder findet sie.

Auf mehrere Bungalows verteilt liegt da ein Freizeitpark. Ein Haus ist für Kinder reserviert, eins für Jugendliche. Und für Isabelle, die jeder Isi nennt, ist es ein zweites Zuhause. Mittlerweile kommt sie allerdings aus einer anderen Richtung. Sie ist mit ihrer Mutter umgezogen. "Nun lebe ich im vierten Stock und sehe mit einem Mal einen Baum vor dem Fenster, das ist ungewohnt", sagt sie. Sie wollten aber im Viertel bleiben, das sei klar gewesen. Und wie um einem weiteren Klischee zu begegnen, fügt sie sofort hinzu: "Fliehen tut hier sowieso niemand." Viele ziehen, wenn überhaupt, im Viertel um, nicht aber weg. Bei ihr blieb sogar die Straße erhalten, sie wohnt einfach zwei Busstationen weiter.

An dieser Stelle muss man den Senftenberger Ring einmal genau anschauen. Wie ein Baum ist er angelegt, das zeigen Pläne und Luftbilder. Unten gibt es einen Stamm, das ist die Verbindung zum Wilhelmsruher Damm. Vom Stamm zweigt ein mehr oder minder runder Straßenverlauf ab, wie der Umriss einer Baumkrone. Folgt man ihm, führt er einen zum Ausgangspunkt zurück. Dieses Kreisgebilde hat durchaus eine soziale Funktion. Um die Ringstraße liegen die Wohnhausgruppen, von denen jede einzelne 1000 Wohnungen zählt. An der Straße liegen Geschäfte und Arztpraxen. Im Kern des Rings stehen die öffentlichen Einrichtungen: drei Schulen, Spielplätze, ein kleiner See und ein Park, ein Altenheim und die Freizeitklubs. So ergibt sich eine enorme Nähe von allem.

Für Kinder eine ideale Welt

Die Planungen aus den 60er-Jahren waren für eine Trabantenstadt sehr fortschrittlich. Und vor allem fußgängerfreundlich, die Wege sind bis heute kurz. Man kann ja immer auch in der Mitte hindurchgehen. "Für Kinder ist das eine ideale Welt", sagt Isabelle. Selbst wenn die Häuser drumherum riesig sind - in der Mitte ist alles geschützt.

So herrscht zu den meisten Tageszeiten ein klares Gesetz auf dieser Straße: Der Ring ist eine Jugendpiste. Kinder und Jugendliche sind massenhaft unterwegs zwischen Schulhof und Bushaltestellen. Aber auch alle anderen sind hier kaum über 30, 40 Jahre alt. Großteils sieht man junge Eltern. Noch vor ein paar Jahren gab es ganz andere demografische Prognosen, sogar eine Kita am Ring wurde geschlossen. Auf solch eine Idee würde heute sicher keiner mehr kommen. Stattdessen muss gerade die Chamisso-Grundschule erweitert werden, weil sie zu klein wurde.

Rund 200 Kinder und Jugendliche kommen schon jetzt pro Tag zu ihnen, sagt Filippo Smaldino-Stattaus, der Leiter vom "comX". Für etwa ein Drittel aller Kinder aus der Umgebung sei das Haus ein Anlaufpunkt. Das ist viel für einen einzigen Klub. Weitere Zahlen sind ebenso unmissverständlich: Mehr als die Hälfte der Kinder im Märkischen Viertel leben in Hartz-IV-Familien. "Unsere Arbeit ist notwendiger denn je", sagt der Sozialpädagoge Smaldino-Stattaus, der gleichzeitig ein smarter Macher ist. Überall sucht er sich Unterstützer, Ehrenamtliche und Projektmittel. Fast alle Angebote im Haus sind kostenlos. Auf Rückendeckung kann er sich verlassen, denn sein Haus ist mittlerweile auch Familienzentrum und offizielle Außenstelle des Reinickendorfer Jugendamts. Der Jugendstadtrat des Bezirks, Andreas Höhne (SPD), sagt, die Arbeit im sozialen Brennpunkt sei ungeheuer wichtig. "ComX" habe viel für das Viertel bewirkt.

Allein 25 Nationalitäten gibt es im Haus, haben Mitarbeiter einmal gezählt. Für Isabelle ist das ohnehin Alltag. "Ich kenne niemanden, der keine Einwanderergeschichte in der Familie hat", sagt sie. "Mein algerischer Großvater war Imam." Schon möglich, dass sie daher ihr Stimmtalent geerbt hat. Väterlicherseits liegen ihre Wurzeln in Frankreich und Nordafrika, ihre Mutter ist Deutsche. Ihr selbst sieht man kaum einen arabischen Einschlag an. "Aber ich suche diese Wurzeln", sagt sie. Es ist ein großes Thema für sie, sie spricht viel darüber, auch in ihrer Radiosendung. Wenn sie am Mikro ist, ist sie ganz bei sich. Letztes Jahr konnten sie anfangen, eine Radiostation im "comX" einzurichten, die Telekom sponserte es. Isabelle war sofort dabei, alle bestärkten sie. Heute bekommt sie viele Mails zu ihrer Sendung, in der sie oft aufs Viertel schwört. Viele identifizieren sich mit ihr. Vorbild zu sein ist die Botschaft.

Rote Pullover als Erkennungszeichen

Genau das Gleiche gilt, wenn sie mit Tarik und den anderen auf dem komischen knallroten Gefährt über die Betonwege der Hochhaussiedlung zuckelt. Alle tragen dann rote Pullover als Erkennungszeichen. Finden sie Gruppen von Kindern, die herumstreifen, spielen sie Fußball mit ihnen. "Bevor die anfangen, Quatsch zu machen", sagt Tarik. Er und seine drei Kumpels sind bullig, man könnte an eine Gang denken. Ihre Pose ist aber, Toleranz zu predigen und andere Gruppen, die womöglich aggressiv durchs Viertel ziehen, zu beruhigen. Zu Anfang, heißt es, mussten die Streetworker ziemlich stark überredet werden, auf das für sie wohl eher uncoole Mobil zu steigen. Nun macht es ihnen nichts mehr aus. Was ist das Wichtigste bei ihrem Job? "Freundlich sein", sagt Tarik wie auf Kommando, ganz Dienstleister.

Im Märkischen Viertel kann man schnell in etwas hineingeraten - im Guten wie im Schlechten. Das ist auch die Erfahrung von Christel Ghaddar. Ihr Leben als Rentnerin hätte vollkommen alltäglich weiterlaufen können, sie ist 64 Jahre alt und war einmal Bankangestellte. Ab und zu die eigenen Enkel hüten, Freundschaften pflegen, reisen. Doch dann traf sie auf "Mama Afrika". Der Verein kümmert sich um afrikanische Frauen und Familien. Dafür hat "Mama Afrika" ein Büro in einer Hochhausetage, in der viele Stadtteilinitiativen untergebracht sind, nur ein paar Schritte entfernt von Christel Ghaddars Wohnung. In der Etage machte sie vor etwa drei Jahren einen Computerkurs, eine Tür weiter bastelte die aus Guinea stammende Hadja Kaba gerade mit Kindern afrikanischen Schmuck. Beim nächsten Mal machte Christel Ghaddar schon mit und freundete sich mit Hadja Kaba an. Half heute hier und morgen dort. Es ging um einfache Unterstützung von Frauen, die sich an den Verein wandten. Sie konnte sich schnell einfühlen in deren Situation. Vielleicht auch deshalb, weil Christel Ghaddar selbst einmal erlebt hat, wie es ist, die "Neue" zu sein. Vor 32 Jahren zog sie in ihre Wohnung, als Ostdeutsche, gerade übergesiedelt und mit einem libanesischen Mann. Ihr Familienname war damals sehr exotisch im Hochhaus.

Heute gleicht das Klingeltableau in ihrem Haus einer Weltreise. Zwölf mal acht Exoten stehen dort. Im "Mama-Afrika"-Netzwerk ist Christel Ghaddar nun ein fester Pol, sie hilft im Büro, organisiert gemeinsame Frühstücke, sonnabends wird manchmal in großer Runde gekocht. "Für die Kinder einer alleinstehenden arabischen Nachbarin ist Christel Ghaddar zudem so etwas wie die Ersatz-Großmutter. "Oma" nennen sie auch die Kinder einer Tanzgruppe, die "Mama Afrika" mit der benachbarten Apostel-Petrus-Gemeinde gegründet hat.

Es lebten mittlerweile viele afrikanische Familien im Märkischen Viertel, erzählt Hadja Kaba von "Mama Afrika", "hier können wir eine Integration wirklich schaffen". Die Voraussetzungen seien gut, weil die Durchmischung stimme. Keine Immigrantengruppe lebe gettoisiert in nur einem Häuserblock, wie in Frankreichs Satellitenstädten, dem schlechten Vorbild europäischer Großsiedlungen. Hadja Kaba lobt, was man schon fast als Sozialarbeits-Großarena bezeichnen könnte: Überall wimmelt es nur so von Initiativen. Teilweise unterstützt sie der Eigentümer der Großsiedlung, die städtische Gesobau. Vereine bekommen ein Zimmer gestellt, "interkulturell" steht meist an den Türen.

Multikultibunte Zwölfgeschosser

Folgt man dem Ring, dauert es keine zwei Minuten, bis man wieder und wieder auf diesen Begriff stößt. Die Diakonie schreibt ihn sich auf ihre Fahnen im "Regenbogenhaus", eine Kita hat das gleiche interkulturelle Motto, und das Seniorenzentrum der Gesellschaft Vitanas begrüßt seine Gäste auch in sechs Sprachen, die unter den Bewohnern mittlerweile gängig sind. Die Erfahrungen auf diesem Gebiet sind im Viertel gewachsen. Sehr viele polnische Migranten leben seit langem in den Hochhäusern, schon seit den 70er-Jahren. Genauso gibt es seither eine starke türkische Gemeinde. Später folgten dann viele russische Familien, darauf auch arabische und Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien, und schließlich die afrikanische Gemeinde.

Eine Besonderheit, die dazu passt, bietet der Senftenberger Ring zudem: Nur hier hat das Märkische Viertel, sonst in weiß gehalten, farbliche Ausreißer, als wollten hier selbst Zwölfgeschosser Multikulti repräsentieren. Gelb, rot und grün sind die großen Riegel am Beginn der Straße. Die ersten sind bereits saniert und leuchten weithin in frischem Anstrich. Auf ihren Dächern haben diese Blöcke sogar je eine Atelierwohnung, die aus der Ferne aussehen wie Segel. Drei luftige Stockwerke haben die Bewohner da oben nur für sich, ohne Nachbarn, dafür mit einer grandiosen Aussicht.

Ganz idyllisch liegt zum Beispiel der Familie Osterberg der Ring zu Füßen. Von hier ist die stadtplanerische Idee perfekt erkennbar, man sieht, wie die Straßenschleife das Viertel ordnet. "Wir wohnen gern hier oben", sagt Steven Osterberg. Eine Toplage sei das im wahrsten Sinne: In Berlin ganz oben, und dort dann auch noch auf der Spitze, wie in einem Adlerhorst. Weit nach Norden kann Osterberg, der mit einer Frau einen Blumenhandel betreibt, natürlich auch noch schauen, weit über sein Wohnviertel hinweg. Lübars liegt dahinter. So genießt er seine freien Abendstunden, in absoluter Stille. "Würden Sie glauben, dass Sie hier im Märkischen Viertel sind?", fragt er. Allenfalls der Wind pfeift dazu, alles andere, was an die Großstadt erinnert, ist weit, weit entfernt.

Unten am Ring wird es nun, am Abend, genauso ruhig. Alle Schüler sind längst zu Hause, alle Kitakinder abgeholt, die Kinderwagen in Hausfluren abgestellt. Vor allem geben die Bauleute jetzt auch einmal Ruhe. Hinter den mit Planen abgehängten und eingerüsteten Hochhausfassaden, hinter denen es sonst immer röhrt und hämmert, macht es keinen Mucks mehr. Andächtig lässt es sich durch den Park am Mittelfeldbecken schlendern, an dem See, der mitten im Ring liegt, entlang, genauso am Fasaneriegraben. An vielen Stellen werden jetzt auch diese Grünflächen etwas herausgeputzt und Wege verbessert. Geld aus dem "Stadtumbau West"-Programm gibt es dafür, wie auf Schildern zu lesen ist.

Eine Quartiersrunde bespricht, wo etwas getan werden muss, berichtet Beate Seyfarth von der Max-Wohnungsgenossenschaft, zu der am Ring etwas mehr als 550 Wohnungen gehören. In der Runde sitzen Vertreter der Gesobau, der Schulen, der Polizei, des Jugendamts, der sozialen Einrichtungen und Eltern. Diese monatlichen Kiezgespräche gelten als vorbildlich. Jüngst hat sich die Runde auch auf ein Konzept für eine Fläche geeinigt, die vielen lange ein Dorn im Auge war. Ein Brachgrundstück am nördlichen Ring, wo vor mehr als einem Jahrzehnt die alte Bettina-von-Arnim-Schule abgerissen wurde. Der Neubau steht ein Stück weiter, und die hässliche Leerstelle blieb. Nur hat sie einen schönen Namen: "Bettina-Brache" sagen hier alle dazu. "Genau dort soll nun ein Garten entstehen", sagt Beate Seyfarth. "Und alle Bewohner können daran mitarbeiten, wenn sie wollen." Natürlich hat das Projekt auch schon seinen Namen: "Interkultureller Garten".

"Hier können wir eine Integration wirklich schaffen"

Hadja Kabavom, Verein "Mama Afrika"

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