Zooreporter

Kleiner Vogel mit großen Eiern

Es gibt Vögel, die können fliegen und gehen. Das sind fast - aber auch nur fast - alle Vögel. Und es gibt Vögel, die können immerhin watscheln und schwimmen - wie die Pinguine. Und dann gibt es Vögel, die können weder fliegen noch schwimmen, dafür aber laufen.

Der Strauss schafft unter ihnen mit 70 Kilometern pro Stunde sogar den Rekord! Und schließlich gibt es die Kiwis. Das sind die Schlusslichter unter den Laufvögeln. Sie sind klein - und wie soll man mit kurzen Beinen Renn-Rekorde brechen? Zumal, wenn man in einer Umgebung lebt, die dazu keine Möglichkeit lässt: Kiwis sind in den Wäldern Neuseelands aktiv - und zwar nachts. Ein Kiwi, so könnten Kenner argumentieren, hat Raserei nicht nötig. Er ist auch ohne Sensationen zum Wappentier Neuseelands geworden. Außerdem ist ein Obst nach ihm benannt: die Kiwi, die eine "chinesische Stachelbeere" ist.

Der Namensgeber ist unscheinbar und doch erstaunlich. Seine Körpertemperatur liegt mit 38 Grad Celsius auch während körperlicher Aktivität unter der der meisten Vögel - dort beträgt sie meist über 40 Grad. Säugetieren gleicht er auch wegen einer Angewohnheit: Kiwis markieren ihr Revier durch Kot. Die Masse wird wohl nie an die Menge heranreichen, die die Berliner Stadtreinigung alljährlich von den Hauptstadtwegen absaugt. Kiwis wäre das nicht schnuppe: Sie können zwar nicht besonders gut sehen, aber umso besser hören und sehr gut riechen. Das kommt bei Vögeln selten vor. Des Kiwis Nasenöffnungen liegen nicht an der Basis, sondern schon an der Spitze seines Schnabels. Und mit dem Schnabel stützt er sich oft auf wie auf einem dritten Bein, um beim Ruhen einen besseren Stand zu haben.

Das ist auch im Zoo zu beobachten - aber nur in den Schlafboxen. Dort lebten im Frühjahr 2011 neun Kiwis, und zwar hinter den Kulissen, einfach deshalb, weil sie tagsüber sowieso schlafen. Zu ihnen gehört Vorzeigekiwi Otto, ein Nördlicher Streifenkiwi: Er ist mehr als 30 Jahre alt und gegenüber Besuchern vergleichsweise entspannt. Sie interessieren ihn schlichtweg nicht.

Die ersten Exemplare hatte die Einrichtung im Jahr 1986 erhalten. "Der bis dahin einzige in Berlin gehaltene Kiwi lebte von 1892 bis 1903 im Zoo", sagt Kurator Ragnar Kühne. Erst viel später, zwischen 1988 und 2010, schlüpften zehn Kiwiküken - auch im Berliner Zoo. Dass sie gut bei Stimme sind, ist vom Zoo bis in den angrenzenden Tiergarten zu hören - nur Vollmond und starken Wind mögen sie nicht so gern. Doch sonst rufen sie Nacht für Nacht, Woche für Woche, Jahr für Jahr. In neuseeländischen Wäldern - die können undurchdringbar sein, wie man aus den "Herr der Ringe"-Filmen weiß - ist die Stimme ein wichtiges Kontaktmittel. Kiwis nutzen ihre Pfiffe vermutlich zur Revierabgrenzung.

Ein Revier ist zumeist von einem Pärchen samt Nachwuchs besetzt. Kiwis sind treue Tiere, sie suchen sich erst jemand Neues, wenn ihr Partner gestorben ist. Doch vor dem Tod steht die Geburt, und bei der vollbringen die Kiwimütter doch einen Rekord: Die Eier erreichen bis zu 30 Prozent ihres Körpergewichts. Das sind im Verhältnis zur Körpergröße die größten Vogeleier der Welt. Da brat' mir einer einen Storch, oder passender einen Strauß: Die Eier der Afrikanischen Strauße sind mit etwa 15 Zentimetern Länge (und zwölf Zentimetern Breite) die größten der Welt. Aber alles ist relativ.

Weitere Kolumnen von Tanja Laninger unter: morgenpost.de/tierfamilie

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