Die Straßen von Berlin - Heute: Weserstraße

Neues Neukölln: 20 Kneipen, ein Bioladen

Wenn das Sonnenlicht über die Häusermauern kriecht und sich in den holprigen Pflastersteinen spiegelt, torkeln die letzten Partygäste aus den Kneipen, Bars und Katakomben der Weserstraße. Es sind junge Leute aus Barcelona, Madrid, Mailand, Prenzlauer Berg, Heidelberg, Bruchsal, New York und Friedrichshain.

Sie alle wollen die rockig-rotzige, wilde, aufmüpfige Luft atmen, das preiswerte, szenige und ein wenig verkommene Berlin erleben, das in so vielen Magazinen weltweit gepriesen wird. Sie kommen an diesem sonnigen Morgen aus Lokalitäten, die Namen wie "Ä" tragen, "Freies Neukölln" und "Silverfuture". Die Aufzählung ließe sich fortsetzen, doch nicht in der Zeitung. Einige Barbesitzer an der Weserstraße zeigen ein eigenartiges Verhalten. "Nein, keine Erwähnung", sagen sie, "kein Foto, keine Namen". Keine Antwort auf Presseanfragen also. Gibt es hier irgendetwas wirklich Geheimes? Oder ist es eine Verschwörung, gar ein Kriegsschauplatz?

Manchmal kann man diesen Eindruck gewinnen: "Reclaim your city" steht gleich am Anfang der Weserstraße, Ecke Kottbusser Damm. Blutrot triefen die Buchstaben aus, es ist nur ein Werbeplakat, auch wenn es klingt wie ein Befehl: Hol' dir deine Stadt zurück. Weiter südlich, wo das "Ä" im Jahr 2007 als zweites Szenelokal den Kiez zum Leben erweckte, hat jemand ein Straßenschild neu interpretiert: "Simon-Weser-Straße". Eine Anspielung auf die Friedrichshainer Simon-Dach-Straße, das Paradebeispiel für Veränderung von Stadträumen. Gleich gegenüber steht zwischen zahlreichen Graffitis: "Yuppies, verpisst euch!" Auf Häuserwänden, in Neuköllner Blogs und in Gesprächen ist es zu lesen und zu hören: An der Weserstraße fürchtet Mieterhöhungen und Gentrifizierung. Nur: Wer ist "man"?

Meral jedenfalls nicht. Die 45-jährige Türkin schleppt an diesem Samstag um sieben Uhr morgens Tische und Korbstühle vor die Bäckerei Mervil. Liebevoll postiert sie zwei Gartenzwerge neben ein Ostereiergedeck. Dann fegt sie Zigarettenkippen und zerschlagene Bierflaschen weg, räumt leere Latte-Macchiato-Gläser in die Spüle. Meral hat sieben Stunden Arbeit hinter sich und sieben noch vor sich. Sie atmet auf, trotzdem, jetzt braucht sie wenigstens kein Englisch, Spanisch oder Italienisch mehr zu verstehen. Wer jetzt am Morgen Kaffee, Tee oder Kuchen will, spricht Deutsch oder Türkisch. Sie setzt sich in die Morgensonne und raucht eine Zigarette. Dann schon kommen die Nachbarn, es ist Veysal, der Trödler von nebenan, Nuh Azik, der Hauswart, und wenn die Sonne schon ganz oben steht, kommt auch noch Fritz Schulz. Er lebt, mit Ausnahme einer mehrjährigen Kriegsgefangenschaft, Zeit seines 85 Jahre währenden Lebens in der Weserstraße. Sie alle gehören zu den "alten" Bewohnern und bestaunen die Veränderungen ihrer Straße.

"Ja, es ist lauter geworden", sagt Veysal und schaut zwei Männern hinterher, die mit riesigen Rucksäcken die Straße entlang flitzen. "Manchmal kommt man überhaupt nicht mehr durch, nachts, wenn die alle hier sind", ergänzt Nuh. Doch auch das klingt eher verwundert als verärgert. "Es ist ein buntes Treiben geworden, sehr international", fügt Meral hinzu. An Wochenenden öffnet sie für die Partygänger um 24 Uhr die Bäckerei an der Weserstraße 208.

"Und natürlich wird hier ständig umgezogen. Das treibt die Mieten in die Höhe", sagt Nuh Azik. Er muss es wissen, denn er ist Hauswart einiger Häuser an der Weserstraße. "Früher standen in einem Haus immer zwei, drei Wohnungen leer, der Besitzer war froh, wenn er sie dann doch vermieten konnte, heute kommen 50 oder 100 Leute, schon bevor der letzte ausgezogen ist. Und wer bekommt die Wohnung?", er runzelt die Stirn. "Natürlich mit dem besten Einkommen oder dem Papa, der zahlt."

Vor fünf Jahren noch Geheimtipp

Nuh Azik nimmt einen Schluck Kaffee und streift sich durch seinen schwarzen Bart. Bald sind die drei bei anderen Problemen. Ob man beim Nachbarn wieder grillen wird oder wie man den schlechten Geruch der Fische aus dem Landwehrkanal herausbekommt. Reicht es, sie drei Tage in der Badewanne schwimmen zu lassen? Die Aufregung um das, was man "Verdrängung" nennt oder neudeutsch "Gentrifizierung", kommt jedenfalls nicht von den türkischstämmigen Anwohnern der Straße. Oder sie sagen es nicht.

Anders ist das bei den Deutschen, dort ist es Thema. Johannes zum Beispiel ist 37 Jahre alt, Übersetzer von Beruf und Barmann in einer jener Kneipen, die nicht in den konventionellen Medien genannt werden wollen. Per Zufall kam er vor fünf Jahren in die Straße. "Hier gab es preiswerte, gute Wohnungen auch ohne Bürgschaft der Eltern." Er mag den Kiez und doch sieht er die Veränderungen skeptisch: "Wenn es eines Tages so wird wie in der Simon-Dach-Straße, dann ziehe ich weg".

Vor fünf Jahren begann in Nord-Neukölln, das man wegen seiner Nähe zu Kreuzberg auch Kreuz-Kölln nennt, ein anderer Takt zu schlagen, erst leise, natürlich. Die Ecke galt bei Künstlern, Querdenkern und vernetzten Alternativen als Geheimtipp. Sie war angenehm unaufgeregt, ein schattiger Winkel im Hinterhof von Kreuzberg und dem, was der Berliner Osten geworden war. Ein Innenstadt-Ort mit jeder Menge freier Räume. In dieser Zeit eröffneten Antje Borchardt und Matthias Merkle an der Weser- Ecke Pannierstraße die erste Szenekneipe, das "Freie Neukölln".

Zunächst waren sie belächelte Außenseiter. "Als wir uns um einen Getränke-Großhändler bemühten, lehnte der erst einmal ab", erinnert sich Matthias Merkle. "'In dieser Ecke eine Kneipe? Das wird sowieso nichts', meinte er." Merkle und Borchardt mussten den Mietvertrag vorlegen und vorauszahlen. Heute sind Bars wie das "Freie Neukölln" am Wochenende um 24 Uhr so voll, dass die hereindrängenden Gäste den Bürgersteig blockieren. "In solchen Nächten gehört die Bar nicht mehr uns", klagt Matthias Merkle.

Marion Ziehrer kannte auch diesen kritischen Blick, wenn sie ihre Adresse nannte, bis vor drei Jahren zumindest. Die 50-jährige Berlinerin verbrachte 25 Jahre in der Weserstraße. "Ja, freiwillig", sagt sie. "Ich habe dieses raue Klima geliebt, diese besondere Art von Nachbarschaft, dieses orientalische Flair." Vor knapp einem Jahr gründete sie mit einer Kollegin den Bioladen "Biosphäre" in jenem Haus, in dem sie selbst 25 Jahre lebte. Dass sie überhaupt wegzog, hatte damit zu tun, dass ihr Kind groß geworden und ausgezogen war.

Der erste Bioladen

Ausgerechnet einen Bioladen, gegründet von einer Neuköllnerin? Da rümpft so mancher die Nase. Ist ein Bioladen nicht der Vorbote all jener Leute, die man in Neukölln nicht haben will: all diese umwelt-, gesundheits- und überhaupt bewussten Mittelstandsfamilien? Aber die "Biosphäre" ist nicht so wie die Läden in Mitte, oder Prenzlauer Berg. Sie ist viel mehr als ein Geschäft, sie ist ein Projekt. "Langzeitarbeitslose können sich bei uns in das Arbeitsleben integrieren", erklärt Marion Ziehrer, die wie ihre Kollegin aus der Erwachsenenbildung kommt und endlich etwas machen wollte, was ihren ehemaligen Klienten wirklich hilft. "Anstatt sie von einer Maßnahme zur anderen zu schieben." In der "Biosphäre" gibt es ein doppeltes Preissystem. Jedes Produkt kann man für einen normalen Preis erwerben und für einen sozialen Preis, der 25 Prozent niedriger ist - wenn man dazu berechtigt ist. "Damit gesunde Ernährung keine Frage des Einkommens bleibt, sondern allen Schichten zugänglich ist."

Bis vor kurzem war so etwas hier undenkbar. Neukölln war der Rand der Gesellschaft. Ausgerechnet die Lehrer schlugen Alarm. Der Aufschrei, ein "Brandbrief", kam 2006 von der damaligen Schulleiterin der Rütli-Schule zwischen Weser- und Pflügerstraße. Die Lehrer forderten Aufmerksamkeit und offenbarten das Dilemma: Die Schüler waren außer Kontrolle. Gewaltbereitschaft und Lernverweigerung führten offensichtlich dazu, Intensivtäter heranzuziehen. "Wir brauchen Hilfe, Unterstützung, ein anderes Konzept", forderten die Lehrer. Das Rampenlicht richtete sich nun auf eine soziale Umgebung, die Jugendlichen keine Perspektive eröffnete: Arbeitslosigkeit, Isolation, Armut, Sprachbarrieren. 2006 bekam kein einziger Schulabgänger der Rütli-Schule einen Ausbildungsplatz. Die Multikulti-Gesellschaft erklärte man hier für gescheitert.

"Neukölln rockt"

Fünf Jahre später sieht es ganz anders aus. Aus der Rütli-Hauptschule ist unter dem Zusammenschluss einer Grund- und einer Realschule eine Gemeinschaftsschule geworden, die sich auf dem zur Fußgängerzone erklärten Gelände "Campus Rütli" befindet. Zwei riesige, bunte Ochsenfrösche markieren den Eingang. Auf einem Basketball-Platz daneben trainieren Jugendliche zu Hip-Hop. Zum Campus gehören zwei Kitas, der Jugendklub Manege, Elterntreffs mit zweisprachigen Mediatoren, ein Spielplatz und eine Baustelle, auf der eine Veranstaltungshalle für das Quartier entstehen wird. "Die Kinder können hier praktisch von der Geburt bis zur Berufssuche betreut werden", sagt Klaus Lehnert, Projektleiter des Rütli-Campus. Und schon zeigen sich messbare Erfolge: "Von den 110 Schülern, die 2010 die zehnte Klasse absolvierten, haben 36 eine Versetzung in die gymnasiale Oberstufe erhalten. So etwas gab es früher eigentlich gar nicht. Und nur zwei Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss." Anstatt mit Stühlen zu werfen, wird jetzt an der Schule geklettert, musiziert und Theater gespielt.

Während das modellhafte Projekt "Rütli-Campus" mittels Kommunikation zwischen Bewohnern, Planern, Politikern, Schülern und Eltern zu Erfolg und internationaler Aufmerksamkeit gelangte, hat sich zeitlich parallel in seiner Umgebung eine Szene entwickelt, die über ihren Nachhall in der Welt regelrecht empört wirkt. Neukölln verändert sich, es wird besser, grüner, lebenswerter - das ist eine Nachricht, die manch einer, so zumindest der Eindruck, lieber für sich behalten möchte.

Als Auslöser des Ansturms auf den Kiez, der den Standort unter Neuberlinern attraktiv macht, wird die "Zitty" verantwortlich gemacht. 2008 titelte die Veranstaltungszeitschrift: "Neukölln rockt". Plötzlich war aus dem Geheimtipp ein "Das-muss-man-gesehen-haben" geworden. Zuerst sprach sich das in Berlin herum, dann in Deutschland und jetzt in aller Welt. Das Bordmagazin einer Fluggesellschaft empfiehlt die benachbarte Hobrechtstraße als Special-night-life-Ausflug.

Es ist das wilde, raue, nicht glatt gekämmte Berlin, das die Besucher früher in den Osten und heute nach Neukölln führt. Auf ihrer Tour durch den Kiez kommen sie vielleicht auch an den türkischen Läden vorbei. Am "Späti International" zum Beispiel. Dogan Karoglan führt diesen Laden seit etwa zwei Jahren. Früher fanden hier auch Konzerte statt, diese mussten wegen Lärmbelästigung eingestellt werden. Kunstaktionen dagegen nimmt er immer wieder auf, dann werden die Getränkelager zur Galerie. Der Späti ist medial wie die neue Szene aufgestellt, auf Facebook pflegt die "Galerie Spätiinternational" über 400 Freunde. Fremde, die hier vorbeispazieren, mögen glauben, dass sie in solchen Läden das folkloristische Neukölln finden. Doch es ist eigentlich schon eine Marke. Sortiment wie die Öffnungszeiten sind längst auf den Ausgehtourismus eingestellt. Auch in der Bäckerei Merval gibt es statt Brötchen, türkischem Börek und honigsüßen Keksen hausgemachten Kuchen, belegte Biobrötchen, Bier, Bionade, Schampus - und Latte Macchiato. Ausgerechnet Latte Macchiato.

"Haben Sie Latte macchiato?" In Szenekneipen wie im "Freien Neukölln" ist das die ganz falsche Frage. Unter dem Neuköllner Bar-Personal sind viele Künstler. Der Gründer des "Ä" ist Fotograf, das "Freie Neukölln" führt der Regisseur Matthias Merkle, in der Küche steht wiederum ein Fotograf, am Tresen manchmal Schauspieler. Schon seit seinem Bestehen dreht Merkle mit seinem Team satirische Filmbeiträge, die auf dem hauseigenen Videostream www.sender-fn. zu sehen sind.

Slang der Straßendichter

Das zunehmende Bedürfnis nach Latte macchiato war ein gefundenes Fressen für ihn. Wie die Bionade steht der italienische Import für trendbewusste Neu-Großstädter, für eine kreative Mittelschicht und ist laut Wikipedia das Modegetränk der Yuppies. Die aber wollen die Neuköllner nun überhaupt nicht bedienen. Und so entstand der Kurzfilm "Offending the clientele". Eine freche Satire im Slang der Straßendichter. Auf Englisch mit deutschen Untertiteln werden die neuen Gäste ermahnt, sich anständig zu benehmen. Das heißt, sich umzuschauen, wo sie gelandet sind. Im "Freien Neukölln" gibt es auf gar keinen Fall Latte macchiato. Die Reaktion war unerwartet heftig. Die Gäste, die neuen Bewohner, viele, die Neukölln gerade für sich entdeckt hatten, fühlten sich getroffen. "Fremdenfeindlich!", las man in Blogs.

Es ist eine Auseinandersetzung, der Meral, Veysal, Nuh Azik und Dogan Koraglan nicht folgen. Vielleicht, weil sie sie nicht verstehen, oder weil es nicht ihrer Mentalität entspricht. Oder aber, weil es das letzte ist, was sie gebrauchen können: Dass Neukölln wieder wird, wie es war. Ob mit oder ohne Latte macchiato.

Morgen lesen Sie: Carl-Schurz-Straße

"Wenn es eines Tages so wird wie in der Simon-Dach-Straße, dann ziehe ich weg"

Johannes, 37, Übersetzer und Barmann an der Weserstraße