Berliner Mieterverein

Mieters Liebling

| Lesedauer: 8 Minuten
Isabell Jürgens

Am Vormittag hat er keine Zeit und ab 17 Uhr ist es auch wieder schlecht. Wer Hartmann Vetter treffen will, hat es schwer in diesen Tagen. Und das liegt nicht an den vielen Abschiedsinterviews, die der scheidende Hauptgeschäftsführer des Berliner Mietervereins derzeit geben muss.

Nach 30 Jahren an der Spitze einer der wichtigsten Interessensvertretungen der Stadt, die der 64-Jährige maßgeblich mit aufgebaut hat, leistet sich Vetter nunmehr den Luxus, seinen privaten Neigungen viel Raum zu geben. Morgens zwei Stunden Yoga, und am Abend noch einmal einen Intensivkurs, dazwischen ausgedehnte Touren mit dem Fahrrad und ein paar Runden Lauftraining. Der Mann ist unverkennbar auf dem Absprung in ein Leben ohne Mieterbelange. "Jeder ist ersetzbar", sagt er. Eben das zeichne den schlagkräftigen, professionell aufgestellten Verein aus: "Gerade darauf bin ich stolz".

Der jahrzehntelange Kampf für die Interessen der Mieter hat dem asketisch wirkenden Mann einen enormen Bekanntheitsgrad verschafft. Mit einem kleinen Lächeln berichtet Vetter von der Devise, die etwa der Fernsehsender RBB zeitweise ausgegeben habe. So seien die Reporter der Abendschau von den Senderschefs ermahnt worden, die "Vetterisierung" einzudämmen. Der Mieterchef sollte möglichst nicht jeden Tag vor die Kamera gezerrt werden. Doch in einer Stadt, in der 87 Prozent der Menschen zur Miete wohnen und die Zufriedenheit der Bürger mit der Wohnsituation oft genug Wahlthema gewesen ist, ließ sich die Dauerpräsenz Vetters in den Medien kaum vermeiden.

Wohnungsmangel trotz Leerstand

Dass das Thema Wohnen ein hochpolitisches ist, hatte der junge Mann, der am Ostermontag 1968 aus dem beschaulichen Dorf Asmissen in Nordrhein-Westfalen zum Jurastudium nach Berlin kam, schnell bemerkt. "Die Wohnverhältnisse in West-Berlin waren ja von einem merkwürdigen Missverhältnis geprägt, das durchaus politisch verschuldet war", erinnert sich Vetter. So gab es eine enorme Wohnungsnot und auf der anderen Seite standen ganze Mietshäuser leer. Die Eigentümer hatten sie in Erwartung hoher Fördergelder nach und nach "leergezogen", wie es damals hieß. Die Hausbesetzerbewegung, die sich in den 70er-Jahren langsam formierte und in den 80er-Jahren in Kreuzberg ihren Höhepunkt erreichte, war die Reaktion auf dieses Missverhältnis. Bettlaken mit der handgemalten Aufschrift "Dieses Haus ist instand besetzt", flatterten bald von den Balkonen Dutzender Gründerzeitbauten.

Für den jungen Juristen, der als Student zunächst selbst in erbärmlichen Verhältnissen lebte - eine ofenbeheizte Kellerwohnung in Friedenau, die selbst im Sommer nicht warm wurde -, tat sich da ein weites Betätigungsfeld auf. Er suchte nach ganz legalen Wegen aus der Wohnungsnot. "Ich entwickelte Genossenschaftsmodelle, damit die Bewohner der Häuser in den Genuss der gleichen Fördermittel kommen konnten, die bis dahin den Hausbesitzern vorbehalten waren und vor allem die Spekulation anheizten", so Vetter.

Suche nach neuen Wohnformen

Der Berliner Mieterverein, 1979 noch eine vergleichsweise kleine Organisation mit rund 10 000 Mitgliedern, wird schließlich auf ihn aufmerksam und trägt dem kreativen Kopf den Chefposten an. "Ich dachte, ich mache das für ein, zwei Jahre", sagt Vetter. Und er wirkt, als ob es ihn selbst am meisten überrascht, dass daraus 30 Jahre wurden. Auch privat bestimmte die Suche nach neuen Wohnformen unterdessen sein Leben. Aus dem Kellerloch hatte er es mittlerweile in eine Wohngemeinschaft am Nollendorfplatz geschafft. Doch der Traum, ein ganzes Haus mit Gleichgesinnten zu sanieren und zu bewohnen, ließ ihn nicht los. Weil die Genossenschaftsmodelle sich als vergleichsweise schwerfällig erwiesen hatten und lange für ihre erfolgreiche Umsetzung brauchten, gründete Hartmann Vetter zusammen mit 20 Mitstreitern einen Verein, der ein heruntergekommenes Haus am Stuttgarter Platz erwarb. "Das Haus hatte der Voreigentümer für 800 000 DM erworben - zwei Jahre später und ohne irgendeine Investition in die Substanz hat er es unserem Verein für 1,3 Millionen Mark weiterverkauft", so Vetter. Dieser ungerechtfertigte Spekulationsgewinn schmerzt ihn noch heute, auch wenn sich das Projekt als echter Glücksgriff für alle Beteiligten erwies: Dem Verein gelang es, dem inzwischen CDU-geführten Senat 700 000 DM für die Sanierung abzuhandeln. "Ohne diese Förderung hätten wir das nicht geschafft", sagt Vetter, der noch heute - wie fast alle Vereinsmitglieder - in dem Haus wohnt.

Die 80er-Jahre waren geprägt von großen Mieterdemos, die bezahlbaren Wohnraum für alle forderten. Immer mehr Berliner traten dem Mieterverein bei, um sich mit seiner Hilfe gegen Vermieter zur Wehr zu setzen, die die Mangelsituation schamlos ausnutzen wollten. Der Senat reagierte 1983 mit einer Mietpreisbindung - und der sogenannten "Berliner Linie". Danach durften Eigentümer die Räumung ihrer Häuser nur noch veranlassen, wenn sie nachweisen konnten, dass die Sanierung unmittelbar erfolgen würde. Bis 1988 war die Zahl der Mitglieder des Mietervereins bereits auf 30 000 gestiegen. Im gleichen Jahr verzeichnete der Verein seine erste große Niederlage: Die Mietpreisbindung wurde wieder aufgehoben - obwohl der Verein eine Mieterabstimmung gegen die Abschaffung organisiert hatte und in kürzester Zeit 490 000 Unterschriften zusammentragen konnte.

Im Trubel der Wiedervereinigung geriet dieses Problem jedoch in den Hintergrund: Nun galt es, für Übergangsregelungen zu sorgen, um die Mieter im Ost-Teil der Stadt, die sich quasi über Nacht mit völlig anderen Mietbedingungen konfrontiert sahen, zu schützen. Die Idee des Senats, sich der enormen finanziellen Lasten, die die marode Bausubstanz im Ost-Teil Berlins mit sich brachte, durch das "Altschuldenhilfegesetz" zu entledigen, scheiterte jedoch grandios. "Die Wohnungsbaugesellschaften sollten mindestens 15 Prozent ihres Bestandes an ihre Mieter veräußern, um in den Genuss der Entschuldungshilfe zu kommen", sagt Vetter. Das Vorhaben erwies sich als Flop: Die Mieter konnten oder wollten ihre Wohnungen bei weitem nicht im erforderlichen Umfang erwerben.

Die Veräußerung kommunaler Wohnungsbestände war damit nicht vom Tisch: "Jetzt begann im großen Stil der Verkauf an Zwischenerwerber, die ganze Siedlungen für 'nen Appel und 'nen Ei übernahmen und mit exorbitanten Gewinnen weiterveräußerten", so Vetter. Nach der Jahrtausendwende wurden schließlich nicht nur Siedlungen, sondern gleich ganze Wohnungsbaugesellschaften an Finanzinvestoren zumeist aus dem Ausland verkauft. Der Mieterverein reagierte 2006 mit einer aufsehenerregenden Aktion. Er veröffentlichte das "Schwarzbuch Privatisierung", das die Folgen der Überführung kommunalen Eigentums an Hedgefonds aus Sicht der Mieter schilderte. "Die Dokumentation listete die Erfahrungen der Mieter auf, die sich plötzlich mit anonymen Eigentümern konfrontiert sahen, die zwar Mieterhöhungen schickten, aber durch keine Hausverwaltung mehr zu erreichen waren." Es sei auch ein Erfolg des Mietervereins gewesen, dass Berlin inzwischen darauf verzichtet, weitere kommunale Wohnungsbestände zu veräußern.

Hartmann Vetter hinterlässt seinem Nachfolger und langjährigen Stellvertreter Reiner Wild einen gut organisierten Verein mit inzwischen 150 000 Mitgliedern. Aber auch viele Herausforderungen, der sich die Interessensvertretung der Mieter künftig stellen muss. Und die wird es in Zeiten der Globalisierung deutlich schwerer haben, regionale Antworten zu finden. "Explodierende Energiepreise haben dazu geführt, dass die Betriebskosten mittlerweile als zweite Miete neben der eigentlichen Kaltmiete die Beratungsgespräche dominieren", nennt Vetter ein Beispiel. Die energetische Gebäudesanierung und die gerechte Aufteilung der Kosten zwischen Eigentümer und Vermieter würden den Verein noch auf Jahre beschäftigen. Und durch die gegen Null gehende Neubautätigkeit drohe Wohnen in Berlin wieder zu einem knappen Gut zu werden: "Der Kampf für bezahlbare Mieten muss immer wieder aufs Neue geführt werden."