Gartenlust

Wachstum im Dunkel der Nacht

Bei der Kartoffel kann man ja halbwegs noch verstehen, warum sie zu den Nachtschattengewächsen gehört, denn schließlich wachsen sie unter der Erde, also im Dunkeln, was jedoch für die anderen Familienmitglieder der Solanaceae (Nachtschattengewächse), wie z.B. die Tomate, die Aubergine oder die Paprika überhaupt nicht zutrifft.

Ganz im Gegenteil, es kommt einem eher der Gedanke, dass diese Pflanzen ganz besonders viel Licht und Sonne zum Reifen benötigen, so übrigens auch die Kartoffel. So richtig einig sind sich die Experten der Welt nicht, warum diese Pflanzen Nachtschattengewächse heißen; die für mich plausibelste Erklärung ist die Tatsache, dass alle Pflanzen dieser Familie im Gegensatz zu fast allen anderen Pflanzen auch im Schatten der Nacht, also auch nachts weiter wachsen und reifen. Und natürlich sollte ich an dieser Stelle kurz darauf hinweisen, dass die meisten Nachtschattengewächse sehr giftig sind, wie Tollkirsche, Engelstrompete und vor allem auch der Tabak (Nicotinia tabacum).

Nun bleiben wir aber bei den essbaren Früchten dieser Familie und wenden uns ganz der Gattung Kartoffel zu. Spannend an der Kartoffel ist, dass sie so unglaublich anpassungsfähig ist, dass sich über die letzten 13 000 Jahre etwa 5000 Kartoffelsorten entwickelt haben; sie ist dadurch fast überall auf der Welt anbaubar. Ursprünglich stammt die Kartoffel, zumindest die meisten Mutterkartoffeln, aus den hohen Lagen der Anden von Venezuela bis Argentinien und Chile. Die ursprüngliche wilde Kartoffel war nicht so eine große, fette Knolle wie sie uns manchmal überhäuft mit Kräuterquark vorgesetzt wird, sondern eine eher kleine, schwarze bzw. lilafarbene, knubbelige, unterirdisch wachsende Frucht. Diese Wildformen waren extrem geschmackvoll, aber in anderen Regionen der Welt sehr anfällig für Krankheiten und Fäule, woraufhin die Menschheit begann, sie durch Züchtung krankheitsresistenter und haltbarer zu machen und ihnen ein appetitlicheres Aussehen zu verleihen. Viele dieser Fähigkeiten, die heutige Kartoffeln aufweisen, sind auf Kosten des Geschmacks gegangen, denn man muss beim Züchten für jedes neu eingebrachte Gen irgendein anderes entfernen.

Daher schlage ich vor, wenn Sie Lust haben, einmal selbst Kartoffeln zu ziehen, dann suchen Sie sich ein paar besondere und alte Sorten. Denn wie auch bei den Tomaten sehe ich keinen Sinn darin, auf dem Balkon oder im eigenen kleinen Garten, die gute Linda oder Desire anzubauen, denn sie wollen ja nicht dem lokalen Supermarkt Konkurrenz machen, sondern einmal das Erlebnis Kartoffel erfahren. Und seit etwa drei bis vier Jahren sind auch wieder vermehrt tolle alte Kartoffelsorten auf dem Markt: etwa das kleine und sehr geschmackvolle Bamberger Hörnchen, eine festkochende Salatkartoffel, die unbedingt nur gebürstet, aber nicht geschält werden sollte. Diese kleine Kartoffel in Form eines Hörnchens stammt aus dem Jahr 1870 und ist eine recht späte Erntekartoffel.

Eine weitere sehr deutsch anmutende mehlig kochende Kartoffel aus dem Jahr 1929 ist die Sorte Ackersegen, und wie sollte es auch anders sein, diese Sorte ist exzellent für Stampf- und Bratkartoffeln. Natürlich haben auch die Franzosen und die Engländer Kartoffeln gezüchtet, die dann doch etwas charmantere Namen haben, wie die rotschalige, festkochende Roseval oder der blaue Schotte namens Yetholm Gypsi.

Übrigens müssen Sie auf dem Balkon nicht auf Kartoffeln verzichten: Einfach eine Knolle in einen Eimer oder Pflanzsack und dann mit etwa 15 Zentimeter Erde bedecken und sobald die Kartoffel etwa 25 Zentimeter hoch ist, muss sie angehäufelt werden. Und nach der Ernte: Bon appetit.

Gabriella Pape ist Leiterin der Königlichen Gartenakademie in Berlin und schreibt regelmäßig am Sonnabend an dieser Stelle.