Das Drehbuch

Im siebten Himmel der Sprayer

| Lesedauer: 2 Minuten
Wolfgang Kirchner

U-Bahn-Fahrgäste, die am Schlesischen Tor aussteigen, staunen nicht schlecht: Am helllichten Tag verzieren jugendliche Graffiti-Künstler Hauswände, Toreingänge und Schaufenster bis hinauf zur Puschkinallee mit geheimnisvollen Schriftzeichen.

Auf den "Spreefriseur" scheinen sie es besonders abgesehen zu haben. Der Verkehrsdunst mischt sich mit dem Geruch von frischer, giftiger Farbe. Ein großes Polizeiaufgebot beobachtet das wilde Treiben - und niemand greift ein! Unter Leitung von Regisseur Andres Veiel entsteht hier nämlich ein Dokumentarfilm. Seine Botschaft: "Legalisiert das Sprayen!"

Viel Farbe wird an Lottoannahmestellen und Dönerbuden verschwendet, mancher Doseninhalt eingeatmet. Sämtliche Fenster der Kita am Schlesischen Tor erhalten eine bunte Umrandung mit versteckten pornografischen Anspielungen. Die Kids lieben es jetzt schon. Wohin anschließend? In der Ferne, jenseits der Spree, leuchtet zwischen Hauslücken die Fassade von O2-World wie ein Raumschiff aus einer besseren Welt. Die Söhne Mannheims, Bülent Ceylan, Alba Berlin, Lena, Justin Bieber haben in der Arena Eindruck gemacht. An die Sprayer, die hier ihre Hood markieren wollen, wird man noch länger denken...

"Wie kommen wir aufs Dach?" In kluger Voraussicht hat Andres Extremkletterer aus den Zillertaler Alpen angeheuert. Der Teambus aus Hintertux wartet bereits in der Parkverbotszone, umkreist von Security. Die blendend weiße Fassade von O2-World - welcher Style Writer wollte hier nicht immer schon sein Tag verewigen? Die Glasfront zur Spree kann durch Scratching nur gewinnen. "Haben wir eine Drehgenehmigung?"

Hektische Telefonate mit dem Berlinale-Büro. Seit Veiels erster Spielfilm einen Preis bekam, ist der Festspielleiter sein Freund. Dieter Kosslick sei außer Haus, heißt es, er bringe seinen Sohn zum Kinderboxen. "Fangen wir schon mal ohne Dieter an!" Die Erregung aller steigt. Ist es Vorfreude auf den Höhepunkt ihres jungen künstlerischen Lebens oder Wirkung der Lösungsmittel?

Wolfgang Kirchner, geboren in Danzig, schreibt Drehbücher für Filme wie "Die Brücke" (2008) und lehrt Drehbuchschreiben in Hamburg, Freiburg und München. Für unsere Serie hat er überlegt: Was für ein Film könnte in dieser Straße spielen?