Kriminalität

Julian wurde im Keller erschlagen

Für die Beamten der Polizeidirektion 1 (Nord) hat die Suche nach einem als vermisst gemeldeten Kind das Ende genommen, das jeder Polizist fürchtet. In der Nacht zum Mittwoch stießen sie gegen 1 Uhr in einem Mehrfamilienhaus an der Gotthardstraße in Reinickendorf auf die Leiche des gesuchten Jungen.

Sie lag in einem Kellerverschlag inmitten einer Blutlache. Der Zwölfjährige wurde Opfer einer Gewalttat, die offenbar das tragische Ende eines schon länger dauernden Familiendramas darstellt.

Schon kurz nach dem schrecklichen Fund rückten die Ermittler der 3. Mordkommission und die Experten der Spurensicherung an. Letztere untersuchten den Keller, eine Wohnung im Haus und den Hausflur. Überall fanden sich Spuren, die frühzeitig auf ein Verbrechen hindeuteten. Und sehr bald wurde den Beamten klar, dass es offenbar der in dem Mehrfamilienhaus lebende Vater war, der seinen eigenen kleinen Sohn getötet hat. Birk D. ist seither flüchtig, Zielfahnder des Landeskriminalamtes (LKA) fahnden jetzt nach dem Mann.

Sie waren einmal - zumindest nach außen - eine glückliche Familie: Birk D. (34), seine langjährige Lebensgefährtin Sabine T. und die gemeinsamen Kinder Julian (12) und Jenny (8). Doch vor drei Jahren zerbrach diese Welt, Birk D. verließ die gemeinsame Wohnung, das Paar ging fortan getrennte Wege. Sabine T. zog kurz darauf an den Pillnitzer Weg nach Spandau, Birk D. Ende November des vergangenen Jahres zu Eckhart R. in dessen Wohnung an der Gotthardstraße.

Für Frau und Kinder war es augenscheinlich ein Schock, dass der 34-Jährige nicht nur seine Familie verließ, sondern außerdem nun mit einem Mann zusammenlebte. Ob Birk D. und Eckhart R. tatsächlich in einer Beziehung lebten oder nur eine Wohngemeinschaft bildeten, ist völlig unklar. "Das steht bei den Ermittlungen auch nicht im Vordergrund", sagte ein Beamter am Mittwoch. Die ebenfalls in Berlin lebenden Geschwister von Birk D., zwei Zwillingsschwestern und ein Bruder, nannten es eher unwahrscheinlich, dass Birk D. in einer homosexuellen Beziehung lebte.

Insbesondere der zwölfjährige Julian litt offenbar sehr unter der Trennung vom Vater. Dessen Nachbarn an der Gotthardstraße berichteten am Mittwoch, der Junge habe sich dort häufig aufgehalten. Am Dienstag war Julian wieder einmal bei seinem Vater zu Besuch, diesmal gemeinsam mit seiner kleinen Schwester. Nach Informationen der Berliner Morgenpost soll es während des Besuches zu einem heftigen Streit zwischen Vater und Sohn gekommen sein, in dessen Verlauf erst der Junge, dann der Vater aus der Wohnung rannten. Die kleine Jenny blieb allein zurück und machte sich schließlich, nachdem weder der Vater noch der Bruder zurückkehrten, auf den Weg von Reinickendorf nach Spandau zu ihrer Mutter.

Dort berichtete sie ihrer Mutter von dem Vorfall, diese wartete noch einige Zeit auf die Rückkehr des Sohnes und alarmierte dann die Polizei. Kurze Zeit später erschienen Kriminalbeamte der Inspektion VB 1 (VB für Verbrechensbekämpfung) an der Gotthardstraße. Mitarbeiter dieser Dienststelle sind üblicherweise als erste an Tatorten und kümmern sich um die notwendigen Sofortmaßnahmen. Die Beamten kennen sich mit furchtbaren Verbrechen aus. Der Anblick des toten Jungen sorgte aber auch bei ihnen für Entsetzen.

In der Wohnung des Vaters trafen die Beamten Eckhart R. an. Er wurde vorläufig festgenommen, am späten Mittwochvormittag aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Gegen den Mann bestehe kein Tatverdacht, sagte ein Justizsprecher. Seither konzentrieren sich die Ermittler der Mordkommission auf Birk D. Der gebürtige Niedersachse ist seit dem Streit mit seinem Sohn spurlos verschwunden. Was zwischen Vater und Sohn genau passierte, ist noch unklar. Sicher hingegen ist, dass Julian einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel und gegen seinen Vater ein dringender Tatverdacht besteht.

Genauere Angaben zum Stand der Ermittlungen und den Hintergründen der Tat machten Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwoch zunächst nicht. Als Todesursache gab die Polizei "stumpfe Gewalt gegen den Oberkörper" - gemeint sind damit üblicherweise massive Schläge - an. Welche Handlungen des Täters den offenkundig großen Blutverlust des Kindes verursacht haben, wollte die Polizei unter Hinweis auf die ausstehende Obduktion nicht sagen. Man gehe von einer "Beziehungstat" aus, könne ein Sexualdelikt allerdings ausschließen, sagte ein Polizeisprecher. Weitere Erkenntnisse müssten die Ermittlungen und die Obduktion der Leiche erbringen, so der Sprecher weiter.

Die spärlichen Auskünfte sorgten sofort für Spekulationen im Umfeld des möglichen Täters und der Angehörigen. Julians Mutter Sabine, die inzwischen auch in einer neuen Beziehung lebt, soll Birk D. angedroht haben, den Kontakt zwischen ihm und seinen Kindern, insbesondere zu seinem Sohn, künftig deutlich zu reduzieren. Als Grund soll sie sein Zusammenleben mit einem Mann genannt haben. Das berichteten am Mittwoch übereinstimmend mehrere Nachbarn. Ob darin die Ursache für eine mögliche Affekthandlung mit tödlichem Ausgang zu suchen ist, bleibt unklar. Ein Ermittler sagte dazu lediglich, er werde sich nicht an Spekulationen darüber beteiligen.

Die Polizei konzentriert sich bei der Suche nach Birk D. auf dessen Umfeld. Zunächst einmal müsse festgestellt werden, welche möglichen Anlaufstellen der Gesuchte habe, sagte ein Fahnder. Das allerdings könnte schwierig werden. D. soll sehr zurückgezogen gelebt und nur wenige Kontakte gehabt haben. Allerdings bezieht der 34-Jährige, der vor Jahren ein Studium der Biochemie abbrach, schon seit Längerem Hartz IV. Seine finanziellen Möglichkeiten, um unterzutauchen, werden daher als eher gering eingeschätzt.

Der getötete Julian wird, ebenso wie sein 34 Jahre alter Vater, von Nachbarn als eher ruhig und zurückhaltend beschreiben. "Der hat kaum mal was gesagt und war häufig für sich allein", erzählte eine Nachbarin von Julians Mutter Sabine am Mittwoch.

"Todesursache ist vermutlich stumpfe Gewalt gegen den Oberkörper"

Mitarbeiter der Mordkommission