Schulplatz-Vergabe

"Kinder sind keine Versuchskaninchen, sondern unsere Zukunft"

Morgenpost-Autorin Susanne Leinemann gehört zu den vielen Tausend Berlinern, die wegen der jüngsten Schulreform des rot-roten Senats verärgert sind und sie als unausgegoren und diskriminierend bezeichnen. Ihr persönlicher Protest erschien in unserer Sonntagausgabe, traf den Nerv zahlloser Eltern und löste eine Flut von E-Mails aus.

Meine Tochter Jacqueline ist an allen drei Wunsch-Schulen abgewiesen worden. Sie hat eine Förderprognose von 2,8, wäre eine Schülerin für die Realschule, die vor zwei Jahren abgeschafft wurde. Die Schulreform finde ich total grausig und diskriminierend für Kinder, die keine gymnasiale Empfehlung haben. Uns wurde eine Schule zugewiesen. Sie ist in Friedrichshain-Kreuzberg, eine Stunde und zehn Minuten entfernt - eine Strecke! Wir wohnen in Lichtenrade, zehn Minuten von uns sind zwei Sekundarschulen. Wir werden klagen. Da stimmt das System nicht!

Ina Thamm, per Mail

Zum Thema Schulreform möchten wir als Großeltern uns gern einmal äußern: Seit es den rot-roten Senat gibt, haben die Berliner Schüler zahllose "Schulreformen" über sich ergehen lassen müssen. Alle wurden verabschiedet vom Senat unter dem Motto "Im Hauruckverfahren etwas beschließen - denken können wir später immer noch darüber". Zwei unserer Enkelinnen sind von dieser sogenannten Reform betroffen. Bei der einen hat es mit dem Gymnasiumswunsch geklappt, bei der anderen wurde, als Einziger in ihrer und der Parallelklasse, keine der drei Wunschschulen berücksichtigt. Das muss das Kind nun erst einmal verkraften. Diese Schulreform ist ein einziges Desaster. Man kann nur hoffen, dass die Eltern und Angehörigen im September dem rot-roten Senat mehr als einen Denkzettel verpassen.

Monika Bohm, per Mail

Die derzeitig heftig kritisierte Schulreform ist eine Zumutung für alle Beteiligten. Als Gymnasiallehrerin verfolge ich diese Reihe mit regem Interesse und immer mehr auch mit Wut. Das Verschicken von Schülern allein innerhalb eines Bezirks, was ja heutzutage eigentlich zwei Bezirke sind, kann schon zu großen Entfernungen führen, die für das Kind allein kaum zu bewältigen sind. Wie soll hier der Freundeskreis erhalten bleiben? Man vergisst, dass der Fahrtweg noch zusätzlich zu dem höheren Stundenpensum zu absolvieren ist. Wir nehmen unseren Kindern die Kindheit!

Eva Reimann, per Mail

Ich habe eine Gänsehaut bekommen - ist das möglich, exakt die Gedanken, die mich seit einiger Zeit umtreiben, stehen schwarz auf weiß in der Zeitung, formuliert von Susanne Leinemann, die mir damit aus tiefster Seele spricht! Und es ist genau so, dass der ganze Reform-Schuss nach hinten losgegangen ist. Ich darf jedoch gar nicht an die Szenen zurückdenken, als Klassenkameradinnen im Verlauf des Schuljahres bei mit 2 bewerteten Klassenarbeiten in Tränen ausgebrochen sind. Denn die Illusion muss ich der Autorin leider gleich nehmen: Ist der Notendurchschnitt nicht mindestens 1,5, braucht man an einen Wechsel nach der 4. Klasse überhaupt keinen Gedanken zu verschwenden.

Christiane Riedel, per Mail

Ich kann zwar die Sorgen von Frau Leinemann verstehen, trotzdem würde ich ihren Beitrag in der Kategorie Panikmache einordnen. Es ist einfach nicht wahr, dass man auf eine gute Schule nur kommt, wenn der Durchschnitt besser ist als 1,8. Denn hier stellt sich vor allem die Frage: Was ist eine "gute" Schule. Ich hab selber drei Kinder und mich viel mit dem Thema befasst. Dabei ist mir aufgefallen, dass eine "gute" Schule immer das ist, was die anderen dafür halten. Zu schlussfolgern, dass nur überlaufene Schulen gute Schulen sein können, ist also sehr kurzsichtig. Viel schlimmer finde ich, dass das neue Verfahren zum Übergang in die Oberschulen so eine Art Schulpoker ist. Derjenige hat Erfolg, der die Strategie der anderen am besten einschätzen kann.

Christine Vollgraf, per Mail

Sicher, eine gute Schulausbildung ist eine wichtige Voraussetzung für den späteren Werdegang, aber es sollte dennoch genug Zeit bleiben, um Hobbys nachzugehen und sich mit Freunden zu treffen, denn auch dies gehört zu einer gesunden Entwicklung von Kindern dazu. Wie schon bei der Einführung vom jahrgangsübergreifenden Lernen hat man den Eindruck, hier wurde mal wieder mit der heißen Nadel gestrickt. Wenn man liest, dass ein Drittel der Schüler der Schulanfangsphase drei Jahre in dieser verweilen, also sieben Grundschuljahre absolvieren, dann ist der Vorteil, Kinder schon mit fünf Jahren einzuschulen, verpufft.

Andrea Gowitzke, per Mail

Wir wohnen in Lichtenrade. Unsere Tochter Milena wurde mit einem Notendurchschnitt von 2,7 nicht an der Erstwunsch-Schule angenommen, auch nicht an der Zweitwunsch-Schule in Marienfelde. Leider hatten wir keinen Drittwunsch angegeben. Es sind gerade mal zwei Busstationen von uns bis zur Schule, sodass man auch gut mit dem Rad dorthin kommt. Wir haben jetzt Widerspruch eingelegt. Am Sonnabend bekamen wir einen Brief, in dem ein Platz an der Heinrich-Ferdinand-Eckert-Schule in Friedrichshain angeboten wird. Es ist eine ehemalige Hauptschule. Dieses Angebot hat uns dermaßen aufgeregt: Unsere Tochter Milena möchte vielleicht später mal das Abitur machen, dazu benötigt sie auch eine zweite Fremdsprache. An der Schule in Friedrichshain ist der Schwerpunkt auf das Fach Arbeitslehre gesetzt sowie auf das Einhalten von Schulregeln und respektvollen Umgang zwischen Schülern und Lehrern. Eine zweite Fremdsprache wird gar nicht angeboten. Wir sind nicht gewillt, unsere Tochter Milena, die im Sommer erst zwölf Jahre wird, durch ganz Berlin mit der BVG zu schicken.

Familie Degen, per Mail

Ehrlich gesagt, gehe ich sonst selten konform mit Ihren Autoren. Aber dieser Artikel deckt sich völlig mit meinen Beobachtungen und Schlussfolgerungen zu dieser wahnsinnigen Reform. Da hat man wirklich den Teufel mit dem Beelzebub oder Schlimmerem ausgetrieben. Wenn hier nicht umfangreich nachreformiert wird, werden die Ungleichheiten, denen man begegnen wollte, erst verschärft und dann auf Dauer zementiert werden.

Marie-Isabelle Resenberg, per Mail

Liebe Frau Leinemann, Sie sind eine gute Berlinerin, Sie beherrschen die Grundtugend dieser Stadt: Erst mal meckern! Aber wo bleibt der Gegenvorschlag? Wie würden Sie die Riesenmenge von Schülerinnen und Schülern auf die Schulen verteilen? Das neue System gibt den Schulen zum ersten Mal ein Mittel in die Hand, selber Kriterien aufzustellen, nach denen sie einen Teil ihrer Schüler aussuchen. Das kann ein Profil sein, aber auch der Notendurchschnitt. Kritisieren Sie die Schulen, wenn diese die Freiheit nicht nutzen, aber nicht den Senat. Wie würden Sie die Kinder verteilen, ohne zu riskieren, dass die Kinder im Neuköllner Norden und im Zehlendorfer Süden unter sich bleiben? (Oder wollen Sie das gar nicht verhindern?)

Marko Preuß , per Mail

Mich macht diese neuerliche unausgegorene Schulreform wütend, ist sie doch offensichtlich nur Aktionismus im Wahljahr. Haben denn die Politiker überhaupt keinen Weitblick mehr? Die Folgen dieser Reform sind absehbar. Kinder, die nicht auf die gewünschte Schule dürfen, nicht mit Freunden und Geschwistern zusammenbleiben können und Fahrzeiten haben, wie sie kaum ein Erwachsener hinnehmen würde, werden sehr schnell die Lust verlieren. Nicht jedes Kind hat Eltern, die willens oder finanziell in der Lage sind, einen Schulplatz einzuklagen. Vielleicht sollten unsere Politiker daran denken, dass Kinder keine Versuchskaninchen sind, sondern unsere Zukunft.

Brigitte Große-Hanne, per Mail

Wir haben bis heute noch keine Schule für unseren Sohn. Was natürlich auch ganz besonders schlimm für unseren Jungen ist. Aber das kann man ja schon einmal bei einem Senatsbeschluss ignorieren, dass es hier um kleine, junge Menschen geht, die dann plötzlich aus ihrem sozialen Umfeld gerissen werden können und einfach wie Figuren durch die Stadt geschoben werden. Und wie kann ich meinem Kind erklären, dass es nicht zu dumm für diese Welt ist? Wie, Herr Schulsenator? Eins steht für uns fest: Wir werden unseren Sohn nicht quer durch Berlin fahren lassen, nur weil es noch freie Plätze in Spandau gibt. Fakt ist: Das Schulsystem ist gescheitert. Die Einzigen, die davon profitieren, sind Anwälte und Schulleiter, die sich voller Stolz hinstellen und sagen: "Schaut her, meine Schule hat die meisten Bewerbungen in ganz Berlin."

Familie Boden, per Mail

Liebe Frau Leinemann, Sie haben uns tief aus der Seele gesprochen, denn wir befinden uns im Ausnahmezustand. Über Wochen haben wir uns mit den Sekundarschulen in unserer Umgebung befasst, mit unserer Tochter die Tage der offenen Tür besucht und so manche schlaflose Nacht hinter uns gebracht. Jetzt haben wir den Bescheid des Schulamtes: Alle drei Wunschschulen werden unsere Tochter wegen "Übernachfrage" nicht aufnehmen. Die Reaktion unserer Tochter: "Keiner will mich!" Nun soll sie jeden Tag einen Schulweg von 45 Minuten in eine Richtung auf sich nehmen, um eine Restschule zu besuchen, in der sie keine sozialen Kontakte wird aufbauen können, da die Entfernung zu ihrem Zuhause zu groß ist. Wissen Sie, Herr Zöllner, was Sie unserer Tochter damit antun? Es bleibt uns nun nur der Klageweg.

Familie Pfuhl, per Mail

Ich bin zwar nur Oma, habe aber bei meiner Enkelin Ähnliches erlebt. Was für ein System, was für ein Mist. Schon Kinder werden durch Rot-Rot (und Grün im Hintergrund natürlich) gezwungen, karrieremäßig um sich zu schlagen wie später nur Erwachsene auf ihrem harten Karriereweg. Eine verrückte Reform und Steuerabzocke jagt die nächste. Die Schulreformen nahmen kein Ende und dauerten an bis zur Abwahl von Rot-Grün.

Eva Roder , per Mail

Auch mein Sohn ist einer der vielen betroffenen Schüler, die an ihrer Wunschschule nicht angenommen wurden. Das Schulamt hat uns stattdessen drei Schulen empfohlen - ohne gymnasiale Oberstufe -, und das, obwohl mein Sohn mit einem Durchschnitt von 2,6 eine gymnasiale Empfehlung erhalten hat. Nun hat uns das Schulamt nach unserem Widerspruch zwei Gymnasien in Spandau und eines in Treptow-Köpenick angeboten. Die beiden Gymnasien in Spandau erfordern einen Fuß- und Fahrtweg von circa einer Stunde, und das Gymnasium in Köpenick ist aufgrund schlechter Fahrverbindungen fast genauso schwer erreichbar. Wir sind eine türkischstämmige voll integrierte Familie, sind beide berufstätig, und wir legen sehr viel Wert auf die Bildung unserer Kinder. Aber wir möchten nicht alles hinnehmen, insbesondere weil wir der Auffassung sind, dass durch die generelle Aufhebung der Wohnortnähe neue Probleme größeren Ausmaßes auftauchen.

Hatem Kaplan, per Mail