Interview

Expertin warnt vor neuen Restschulen und Notendruck

Der Ärger vieler Eltern über die Folgen der neuen Aufnahmekriterien an Gymnasien und Sekundarschulen ist groß. Nun fordern auch Experten eine Nachbesserung. Mit der Vorsitzenden des Grundschulverbandes, Inge Hirschmann, sprach Florentine Anders.

Berliner Morgenpost: Frau Hirschmann, wie schätzen Sie die Auswirkungen der neuen Aufnahmekriterien für die weiterführenden Schulen ein?

Inge Hirschmann: Jede neue Reform muss den Anspruch der Verbesserung der Chancengleichheit haben. Die neuen Aufnahmekriterien bewirken genau das Gegenteil. Einige gefragte Schulen betreiben ein sogenanntes Creaming, schöpfen durch das Notenkriterium die leistungsstarken Schüler ab. Die anderen Schulen werden zu Verliererschulen, weil die Mischung nicht mehr stimmt. Genau das sollte ja eigentlich durch die Abschaffung der Hauptschulen verhindert werden. Ein solcher Wettbewerb zwischen Schulen mit gutem und schlechtem Ruf schafft neue Restschulen.

Berliner Morgenpost: Ist der Wettbewerb zwischen den Schulen nicht positiv?

Inge Hirschmann: Die Sekundarschulen, die vorher Hauptschulen waren, hatten ja noch gar keine Chance, sich zu verbessern. Der einzige Effekt ist hier, dass die problematischen Schüler durch die Reform nun in größeren Klassen sitzen. Für attraktive Ganztagsprogramme oder anspruchsvolle Werkstätten fehlt es teilweise an Geld und Räumen. Man kann auch nicht einfach die Schüler mit gymnasialer Empfehlung, die sich meist an einer ganz bestimmten Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe beworben haben, jetzt an diese Schulen schicken. Da verstehe ich den Ärger der Eltern. Die wollten schließlich nicht irgendeine Sekundarschule.

Berliner Morgenpost: Hinzu kommt für viele Schüler das Problem der weiten Wege.

Inge Hirschmann: Ein Weg von mehr als 30 Minuten Fahrtzeit ist nicht akzeptabel. Hier müssen innerhalb des Bezirks Lösungen gefunden werden. Problematisch ist es, wenn alle Schulen bis zum letzten Platz gefüllt werden und kein Puffer mehr bleibt für Härtefälle. Das wird sich auch im nächsten Jahr nicht entspannen. Denn völlig unklar ist, wo die Schüler untergebracht werden sollen, die das Probejahr am Gymnasium nicht schaffen. Zudem werden einige Schulen durch die Klagen der Eltern weitere Schüler aufnehmen müssen. Das wird zu übervollen Klassen führen.

Berliner Morgenpost: Was bedeuten die Aufnahmekriterien für die Grundschulen?

Inge Hirschmann: Die Noten werden wieder eine viel größere Bedeutung erhalten. Viele Grundschulen versuchen ja gerade, von den Noten wegzukommen und diese durch verbale Beurteilungen zu ersetzen. Im Grunde wollen das auch die Eltern. Durch die wachsende Bedeutung der Noten bei der Auswahl der weiterführenden Schulen werden die Eltern nun aber notgedrungen darauf bestehen, dass die Kinder so früh wie möglich Zensuren erhalten, um einen Vergleich zu haben. Wenn der Notendruck wächst, wird sich auch der Unterricht stärker auf die Hauptfächer Mathe, Deutsch und Englisch konzentrieren, während andere Fächer wie Musik oder Geschichte in den Hintergrund treten.

Berliner Morgenpost: Wie vergleichbar sind denn die Noten? Viele Eltern bemängeln ja, dass die Anforderungen für eine gute Note an den Grundschulen so unterschiedlich sind.

Inge Hirschmann: Gerecht können die Noten nicht sein. Zahlreiche Studien beweisen ja, dass beispielsweise Mädchen tendenziell bessere Noten erhalten als Jungen, weil sie sich unauffälliger verhalten. Auch Migranten werden häufig unbewusst schlechter benotet. Bei den gefragten Gymnasien, die nur nach Noten auswählen, kann das dazu führen, dass viel mehr Mädchen als Jungen an der Schule sind. Zwar gibt es noch die Losquote, es besteht aber die Gefahr, dass die Gymnasien die zugelosten Schüler, die vielleicht etwas schwieriger sind, nach dem Probejahr wieder abschulen.

Berliner Morgenpost: Wie nehmen die Eltern an den Grundschulen die ersten Erfahrungen mit den neuen Aufnahmekriterien auf?

Inge Hirschmann: Die Eltern wollen vor allem Sicherheit, dass sie einen guten Schulplatz für ihr Kind bekommen. Viele wollen sich deshalb nicht auf das Glücksspiel mit dem Los einlassen. Wir rechnen mit einer verstärkten Flucht an die Privatschulen. Zunehmen wird auch die Zahl der Kinder, die schon nach der vierten Klasse auf das Gymnasium wechseln wollen. Auch wenn die Eltern mit der Grundschule zufrieden sind, werden sie sich möglichst früh einen Platz am Gymnasium sichern wollen.

Berliner Morgenpost: Was muss aus Ihrer Sicht jetzt passieren?

Inge Hirschmann: Die Aufnahmekriterien müssen dringend noch einmal überarbeitet werden. Es muss kein Rückfall in das alte System sein, wo vor allem die Wohnortnähe ausschlaggebend war. Der Schulweg muss aber bei der Vergabe der Plätze berücksichtigt werden. Zudem müssen alle Schulen dabei unterstützt werden, attraktive Profile zu entwickeln. Sonst wird die Reform hin zu einer Sekundarschule mit ausgewogener Schülermischung nicht aufgehen.