Ermittlungen

Kinderhandel: Fahndung nach Kunden

Während die Reinickendorfer Waldorfschule am Montag entschied, dass alle Lehrkräfte ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen müssen, sichten Kriminalbeamte Berge von Daten und DVDs. Für die Ermittler der für Sexualdelikte zuständigen Fachdienststelle des Berliner Landeskriminalamtes (LKA) ein harter Job.

Müssen sie doch kinderpornografische Inhalte mit "unbeschreiblich widerlichen Szenen" auswerten, wie es ein Ermittler beschreibt. Das Material wurde im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen die Berliner John B. (57) und den Waldorflehrer Johan E. (67) sichergestellt. Es enthalte zum Teil Details mit "Sexualpraktiken der schlimmsten Sorte", ausgeübt von Erwachsenen an Kindern, hieß es aus Ermittlerkreisen.

Von den Filmen und Bildern erhoffen sich die Beamten nicht nur weitere Beweise für den gegen beide Männer bestehenden dringenden Verdacht des Kindesmissbrauchs. Sie setzen auch darauf, weitere Personen identifizieren zu können, die sich an den minderjährigen Opfern vergangen haben. Denn im Raum steht schließlich der noch entsetzlichere Verdacht, vor allem John B. habe Kinder nach Deutschland eingeschleust, um sie hier gegen Geld an andere Pädophile zu vermitteln. Gegen den 57-Jährigen wird wegen Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung von Kindern ermittelt. Das Verfahren führt die bayrische Justiz, nachdem B. und ein Begleiter am Münchener Flughafen festgenommen wurden, als sie einen elfjährigen Jungen aus Mittelamerika mit gefälschten Papieren nach Deutschland einschleusen wollten. Ermittelt wird zu dem Vorwurf sowohl beim Polizeipräsidium Oberbayern in Ingolstadt als auch beim Berliner LKA. Zum Stand der Ermittlungen wollten beide Behörden am Montag nichts sagen.

Gegen Johan E., seit vielen Jahren Lehrer an der Waldorfschule im Märkischen Viertel, ermittelt derweil die Berliner Staatsanwaltschaft wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern. Ob der Tatvorwurf noch ausgeweitet wird, hänge vom weiteren Verlauf der Ermittlungen ab, sagte Justizsprecher Martin Steltner. Derzeit ist noch unklar, ob auch E. an der Einschleusung von Kindern beteiligt war.

Hinweise auf weitere Taten

Dafür mehren sich nach Informationen der Berliner Morgenpost Hinweise, dass sich der gebürtige Schwede möglicherweise häufiger an Kindern vergangen hat als bisher bekannt wurde. Zweimal war Johan E. in den vergangenen Jahren bereits wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern im Visier der Ermittler. Das im aktuellen Verfahren sichergestellte Beweismaterial soll Hinweise auf Taten aus der Vergangenheit enthalten. Dazu wollte sich Steltner nicht äußern.

An der Schule, an der E. bis zu seiner Festnahme unterrichtete, ist der 67-Jährige nach bisherigem Kenntnisstand offenbar nicht aktiv geworden. Das sagte Gabriele Beyer vom Vorstand des Trägervereins am Montag. Die Waldorfschule war bereits am Wochenende tätig geworden und hatte Johan E. mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert und ihm ein Hausverbot erteilt. Zudem hätten sich am Montag Vorstand und Lehrerkollegium darauf geeinigt, dass alle derzeit an der Schule beschäftigten Lehrer ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen, soweit dies noch nicht geschehen sei, sagte Frau Beyer. Denn an den Waldorfschulen ist dies bereits seit 2010 Einstellungsvoraussetzung für neue Lehrer.

Der Bund der feien Waldorfschulen hatte im vergangenen Jahr einen umfassenden Leitfaden zum Verhalten bei sexuellem Missbrauch und sonstigen schweren Übergriffen vorgelegt. Seit Bekanntwerden der Vorfälle arbeitet die Schule eng mit der kirchlichen Beratungsstelle EJF-Lazaruswerk zusammen, um Schüler und Eltern beim Umgang mit der Situation aktiv zu unterstützen. Zudem kooperiere man eng mit den Ermittlungsbehörden, betonte Frau Beyer.

Bei dem Berliner Kinderhilfsverein "Promote Africa", den Johan E. als Vorsitzender und John B. als Geschäftsführer leiteten, ist nach wie vor niemand zu erreichen. Der Verein könnte nach Ansicht von Ermittlern eine reine Tarnung zur Begehung von Sexualdelikten gewesen sein, vermuten einige Ermittler. "Promote Africa" ist inzwischen offenbar pleite und hat im März dieses Jahres beim Amtsgericht Charlottenburg Insolvenzantrag gestellt.