Gastronomie

Currywurst und Kodderschnauze

Heizungsmonteur Thomas Heinze pickt in das vorletzte Wurststück und wischt die Soße vom weißen Pappteller. Er wundert sich ein bisschen über den Trubel bei Curry 36. Diesmal spielt sogar eine Jazzband neben seinem Stammimbiss, die Leute rubbeln eifrig Lose, Sternekoch Kolja Kleeberg wirbt für soziale Projekte in Afrika.

Wie Heinze von seinem Tischnachbarn erfährt, wird gleich auch noch Klaus Wowereit kommen, um den Betreibern des Kultimbiss zum runden Geburtstag zu gratulieren. "Dit is mir ehrlich gesagt wurscht", sagt Heinze, dann lacht er, weil das ein Wortwitz war. Die doppelte Portion mit extra Zwiebeln, Pfeffer und Curry habe ihm trotzdem geschmeckt. Wowereit, mutmaßt er, werde sicher nicht so lange anstehen müssen wie er. "Und die Wurst kriegt er dann och noch umsonst", sagt Heinze.

Curry 36, am verkehrsreichen Kreuzberger Knotenpunkt am Mehringdamm gelegen, ist nicht nur bekannt für seine leckeren Würste, sondern auch für die Kodderschnauze seiner Fans. Inzwischen zählt er zu den erfolgreichsten Wurstbratereien Berlins. Ein Umschlagplatz, wo die unterschiedlichsten Berliner aufeinandertreffen und auch mal Tacheles reden. Bauarbeiter, die schon früh um neun ihre erste Portion verspeisen, Finanzbeamte, die in der Mittagspause ihre Lust auf Deftiges stillen. Künstler, Arbeitslose, Zugezogene oder Einheimische. Inzwischen auch zahlreiche Berlin-Besucher, die in Reiseführern gelesen haben, dass hier die beste Currywurst Berlins serviert wird.

Atomscharf ohne Darm

Betreiber Lutz Stenschkes Wangen leuchten an diesem Tag fast so rot wie die Tunke, in der seine Mitarbeiter die Wurst servieren. Angefangen hat er vor 30 Jahren mit einem kleinen Rollcontainer, der im Hauseingang parkte. Damals brieten er und seine Frau noch selbst. Dagegen läuft es inzwischen professionell, Fünf-Mann-Teams braten in Schichten. Tag und Nacht, Montag bis Sonntag. Es gibt sogar Curry-36-Souvenirs. An diesem Tag hat sich Stenschke aus festlichem Anlass Anzug und helles Hemd angezogen. Seine Kommunikationsagentur hat es geschafft, dass das Paar umzingelt ist von Fotografen, Journalisten und Fernsehteams.

Als Klaus Wowereit pünktlich eintrifft, blitzen die Kameras. Und einige aus der Touristengruppe, die vor Curry 36 die Kreuzberg-Tour starten, wollen später auch mal kosten. "Nicht so scharf und ohne Darm", so wünscht der Regierende Bürgermeister sich seine Portion, die er brav zu Ende isst und deren Geschmack er natürlich lobt. Wowereit fragt nach den Löhnen der Mitarbeiter und Ausbildungsplätzen. Es ist Wahlkampf, und das könnte ein dankbarer Termin sein. Doch das Kreuzberger Publikum bleibt kritisch. Man mäkelt über Phrasen, die dort abgespult werden. Man freut sich aber für Stenschke und sein Team. Inzwischen beschäftigt er 25 feste Mitarbeiter, einige sollen Nettolöhne von 1400 Euro monatlich verdienen. Das Paar, das einst im Hauseingang Würste brutzelte, hat inzwischen auch in Wellness-Hotels auf Rügen investiert.

"Das Wichtigste ist, dass die Wurst immer gleich gut schmeckt, egal ob nachts um vier oder morgens um neun", sagt der Chef. Das Fleisch stammt von einem havelländischen Hersteller, vom Apfelschwein. Auch Sauberkeit spiele eine wichtige Rolle. Dreimal täglich werde das Erdnussöl gewechselt. "Das A und O ist natürlich die Soße", sagt Stenschke. Stammgäste beschreiben sie als "fruchtig". Manche mögen sie "atomscharf", dann gibt es extra Zwiebeln und extra Pfeffer auf zerkleinerte Wurst. Ehefrau Vera sorgt dafür, dass das Klima im Imbiss gut bleibt. Denn gute Laune der Mitarbeiter, die hier auf engstem Raum nebeneinander brutzeln sei wichtig. "Wir sind eine große Familie, und ich sorge dafür, dass der eine nicht auf dem anderen rumhackt", sagt sie.

Zu den treuesten Mitarbeitern zählt Denny Reinhardt, ein gebürtiger Kreuzberger, dessen Ohrläppchen mehrere Goldohrringe schmücken und der die eine oder andere Currywurst mit einem kecken Spruch serviert. Seit 22 Jahren wendet Reinhardt nun schon die Würste, zu Stoßzeiten liegen über 300 Stück auf sechs Pfannen. Ein Knochenjob. Doch Reinhardt liebt ihn. In wenigen Stunden wird er sich das Logo von Curry 36 auf den Unterarm tätowieren lassen, weil Currywurst Kult ist, ein Stück Lebensart.

Nicht wenige Prominente teilen die Ansicht. Bela B. von den Ärzten kommt öfter bei Curry 36 vorbei, Altbundeskanzler Gerhard Schröder soll sich schon häufig in die Schlange eingereiht haben. Reinhardts Lieblingskunde ist Mario Barth, der bestelle auch drei Portionen auf einmal und könne auch gut kontern.

Erfindung von Herta Heuwer

Zu den Stammkunden zählt auch Michaela Mattschass, seit vielen Jahren fährt sie regelmäßig nach Kreuzberg. Für sie ist klar, dass nicht die Hamburger, sondern die Berliner die Currywurst erfunden haben. Mattschass, die früher in Charlottenburg ein Eisenwarengeschäft betrieb, kannte die Erfinderin nämlich persönlich. Herta Heuwer, die Frau, die als Erste auf die Idee kam, geschnittene Brühwurst mit einer Soße aus Tomatenmark, Currypulver und Worcestersoße feilzubieten. Ab 1949 verkaufte sie im Imbiss am Stuttgarter Platz. Mattschass war regelmäßig dort. Besser als bei Curry 36 sei die Wurst bei Herta Heuwer nicht gewesen, sagt Mattschass. Aber anders. "Der Geschmack war säuerlicher und die Farbe der Soße war dunkler."