Ermittlungen

Kinderhandel: Polizei sucht weitere Täter

Im Fall des Kinderhändlerrings werden die Ermittlungen der Sicherheitsbehörden durch das Schweigen der beiden Vorstandsmitglieder des Berliner Hilfsvereins erschwert. "Sie haben sich nicht zu den Vorwürfen eingelassen und verweigern bislang die Aussage", sagte ein Ermittler am Sonntag zur Berliner Morgenpost.

John B. (57) und Johan E. (67) sollen als Verantwortliche des Vereins, der Hilfsprojekte für verwaiste Kinder aus der Erdbebenregion in Haiti fördert und unterstützt, immer wieder zum Standort des Kinderheims in Punta Cana in der Dominikanischen Republik gereist sein und Kinder missbraucht haben. Zudem sollen nach Erkenntnissen der Ermittler durch die Hilfe des 26 Jahre alten Brasilianers Francesco L. Kinder zur sexuellen Ausbeutung nach Berlin geschleust worden sein. Die Machenschaften des Vereins Promote Africa waren bekannt geworden, als Bundespolizisten auf dem Flughafen München am 12. Februar John B. und Francesco L. dabei ertappt hatten, einen Elfjährigen aus Haiti einzuschleusen. Das Kind wird jetzt in einer bayerischen Pflegefamilie betreut - es wurde zuvor mehrfach missbraucht.

Vielversprechende Ansätze

"Wir haben gute Ansatzpunkte, um zu überprüfen, wer die möglichen Abnehmer der Beschuldigten in Berlin waren", so ein Polizist. Grundlage dafür sind beschlagnahmte Datenträger mit Fotos, auf denen Erwachsene und Kinder nackt zu sehen sind. "Wir müssen aber auch dringlich klären, wie viele Kinder seit Vereinsgründung im Jahr 2001 nach Deutschland gebracht worden sind. Wir befürchten, dass es viele waren." Die Masche der mutmaßlichen Täter ist offenbar gewesen, den Kindern normale Besuchsvisa mit einer Aufenthaltsberechtigung von drei Monaten zu besorgen, sie gegen Bezahlung an Pädophile zu vermitteln und nach drei Monaten wieder nach Hause zu schicken. Wahrscheinlich hat der Verein für sein kriminelles Vorgehen auch Patenschaften genutzt. "Paten, die Kinder in einem Dritte-Welt-Land unterstützen, können es natürlich im Land selbst besuchen und auch empfangen", so ein anderer Polizist. "Man muss jetzt höllisch aufpassen, denn der absolute Großteil der Patenorganisationen ist absolut seriös und am Schicksal der Kinder interessiert. Es gibt aber Anzeichen dafür, dass dies in diesem Fall anders liegt." Im Internet hatte der Verein um Paten für Haiti geworben. "Zahlreiche Kinder leben auf der Straße und kämpfen ums Überleben. 2009 gab es in Haiti einen Hungeraufstand, in dessen Folge die Regierung zurücktreten musste." Promote Africa fördere seit 2007 mehrere Kinder in Haiti, sorge für Unterkunft und Essen, Kleidung und Schulbesuch. "Es ist so unvorstellbar, dass mit solch armen Menschen so widerliche Geschäfte gemacht worden sind", so ein Staatsanwalt.

Doch nicht nur Kinder aus den Krisengebieten könnten in die Fänge der mutmaßlichen Täter des Hilfsvereins geraten sein. Der 67 Jahre alte Johan E. hat bis zum Bekanntwerden des Strafverfahrens gegen ihn an der Waldorfschule im Märkischen Viertel als Englischlehrer unterrichtet. Wie die Leitung der Schule am Sonnabend mitteilte, lägen bis zu diesem Zeitpunkt keine Erkenntnisse darüber vor, dass auch dortige Schüler betroffen sein könnten. Dennoch wurde vorsichtshalber eine Hotline für potenzielle Opfer eingerichtet. Johan E. war mit sofortiger Wirkung freigestellt worden, nachdem die Polizei die Schulleitung am 13. April über die Vorwürfe gegen den Pädagogen informiert hatte. Gegen ihn wurde zudem ein Hausverbot ausgesprochen, der Tatvorwurf werde sehr ernst genommen und die Suspendierung deshalb bis zur eindeutigen Klärung aufrechterhalten.

Auch eine weitere Schule muss sich jetzt mit den Machenschaften der Beschuldigten beschäftigen. Nach Informationen dieser Zeitung leitete John B. an der Mendelssohn-Schule in Moabit ein Fußball-Projekt für Jugendliche. "Er hat gesagt, dass er auch als Streetworker aktiv sei und habe zudem oft einen Presseausweis gezeigt", verlautete aus Polizeikreisen. Die infrage kommenden Schüler müssten nun auf sensible Art und Weise gefragt werden, ob ihnen am Verhalten des Mannes ihnen gegenüber irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen ist oder es gar versuchte oder vollendete Übergriffe gegeben hat.

Kooperation mit weiteren Vereinen

Es hat nach Informationen der Berliner Morgenpost zudem Versuche von Promote Africa gegeben, andere Hilfsvereine zu einer Kooperation in puncto Haiti-Hilfe zu gewinnen. Die Polizei will nun klären, welche Personen hinter diesen Vereinen stehen und ob deren Intention die ehrliche Hilfsbereitschaft ist oder ob ebenfalls pädophile Absichten dahinterstecken. "Wir haben es hier auf jeden Fall nicht mit einer kleinen Handvoll Täter zu tun, die sich für den Eigenbedarf mit Kindern versorgten, sondern es sind Strukturen eines regelrechten Netzwerkes zu erkennen", so ein Kriminalbeamter. "Solche Netzwerke arbeiten eben nicht für den Eigenbedarf, sondern sie bedienen die Gelüste einflussreicher und gutbetuchter Kunden. Wir können uns im Zuge der Ermittlungen und der Auswertung der Beweismittel also noch auf so manche Überraschung gefasst machen. Leider."