Pädophilenring

Die Not der Kinder ausgenutzt

Die kriminellen Geschäfte, die den Initiatoren des Vereins "Promote Africa" vorgeworfen werden, florierten offenbar. Bei der Hilfstätigkeit, die sich der Verein offiziell auf die Fahnen geschrieben hatte, sah das zuletzt allerdings anders aus.

Der Verein, dessen Vorsitzender Johan E. und Geschäftsführer John B. als Hauptverdächtige in dem aktuellen Miesbrauchsskandal gelten, hat bereits im März beim Amtsgericht Charlottenburg Insolvenz angemeldet. Nach Informationen der Berliner Morgenpost stehen mehr als 26 000 Euro für Mitarbeitergehälter und andere Rechnungen aus.

Der 2001 gegründete Verein mit Sitz in Mitte war bis dahin in der Berliner Integrationsszene aktiv und wurde in den üblichen Broschüren erwähnt, ohne jedoch eine herausragende Rolle zu spielen. Offenbar wurden die seit 2007 anlaufenden Aktivitäten in Haiti eher zurückhaltend verbreitet, auf den Internetseiten des Vereins finden sich darauf nur unklare Hinweise. "Promote Africa" hat auch immer wieder Mal für einzelne Projekte, die der eingetragene Verein (e.V.) entweder alleine oder als Partner anderer Organisationen realisierte, Fördermittel der öffentlichen Hand erhalten.

Seit 2005 war der Verein Projektpartner im Afrika-Haus, einem Treffpunkt vieler Afrikaner und ihrer Freunde in der Bochumer Straße in Mitte.

2008 gab es für den Verein der beiden mutmaßlichen Pädophilen 3082 Euro für das Projekt "Streetfootball for Tolerance" aus dem Programm "respectabel", das unter anderem der Bildungssenator und die Jugend- und Familienstiftung des Landes finanzieren. Als "Fußballprofi aus Brasilien" war dort der inzwischen 26 Jahre alte Francesco L. dabei, der zuletzt beim Berliner Bezirksligisten Brandenburg kickte. Vor drei Jahren war das Projekt auch beim Berliner Jugendforum im Abgeordnetenhaus vertreten. L. war der Brasilianer, der sich bei der Festnahme auf dem Münchener Flughafen als Vater des haitianischen Jungen ausgegeben hatte. Vor allem In Wedding und Moabit war "Promote Africa" jahrelang mit Workshops unterwegs, auch in Schulen, wo die Kinder lernten, afrikanische Straßenfußbälle zu basteln. 2008 brachte der Verein 2008 im Zuge einer Initiative "Vorbilder zum Anfassen" verschiedene Personen mit Migrationshintergrund in die Moabiter Moses-Mendelssohn-Schule, wo sie den Jugendlichen über ihren Lebensweg berichteten. Das Projekt wurde vom Integrationsbeauftragten unterstützt.

2009 beteiligte sich der Verein im Kinder- und Jugendzentrum FEZ in Köpenick an Workshops und Diskussionen zum Thema "Konsum ohne Ende", die im Rahmen des Berliner Bildungspolitischen Entwicklungsprogramms stattfanden. Noch heute steht der Name "Promote Africa" als Partner auf Werbezetteln für Berufsorientierung für Migranten im Kiez, gefördert vom Europäischen Sozialfonds und des Quartiersmanagements.

Seit der Festnahme von John B. und Johan E. sind die vielfältigen Aktivitäten des Vereins allerdings zur Nebensächlichkeit verkommen. Die mit dem Fall betrauten Ermittler gehen inzwischen davon aus, dass die Hilfstätigkeiten für Kinder insbesondere in Dritte-Welt-Ländern zumindest teilweise eine reine Tarnung war, unter der die Initiatoren ihre eigenen sexuellen Neigungen befriedigten. "Wir gehen davon aus, dass die Männer in unvorstellbar skrupelloser Weise die Not und Hilflosigkeit der Kinder ausgenutzt haben", sagte ein Ermittler am Sonnabend. Und die Indizien mehren sich, dass sich die Festgenommenen zudem noch lukrative Verdienstmöglichkeiten durch die Vermittlung ihrer minderjährigen Opfer an zahlungskräftige Kunden aus der Pädophilenszene sicherten. "Geeignete Opfer unter dem Deckmantel der Hilfstätigkeit anzulocken, ist eine gängige Masche im Menschenhandel. Und das Gewerbe ist lukrativ, in Europa sitzen finanzkräftige Kunden, die Kinder als regelrechte Sex-Sklaven kaufen", sagte ein Ermittler.

Fassungslose Nachbarn

Entsetzen über die mutmaßlichen Aktivitäten der Festgenommenen herrscht derzeit nicht nur an der Waldorfschule in Reinickendorf, wo Johan E. als Lehrer tätig war. Fassungslos reagierten auch Anwohner der Grellstraße in Prenzlauer Berg. Hier befindet sich die Geschäftsstelle des Vereins und hier hat auch Geschäftsführer John B., der zweite Hauptverdächtige, seinen gemeldeten Wohnsitz. Geahnt, so mehrere Anwohner am Sonnabend, hätten sie einiges, das ganze Ausmaß des Skandals habe jedoch niemand für möglich gehalten. B. ist kein Unbekannter im Kiez. "Den hat man hier ständig zusammen mit Kindern und Jugendlichen gesehen, das war schon komisch, aber man denkt ja nicht gleich das Schlimmste", sagte ein Nachbar, der im gleichen Haus wie B. wohnt. Eine Anwohnerin allerdings will beobachtet haben, wie der 57-Jährige vor einigen Wochen in einer nahe gelegenen Grünanlage mit einem Minderjährigen verschwand. Warum sie das Beobachtete nicht gleich anzeigte, sondern erst darüber sprach, nachdem die Vorwürfe gegen den 57-Jährigen öffentlich wurden, dazu sagte die Frau nichts. Hinweise zu Aktivitäten der Verdächtigen gibt es zur Genüge, für die Behörden geht es jetzt darum, die glaubhaften und gerichtsverwertbaren Indizien auszusortieren.

Der bisherige Verlauf der Ermittlungen stimmt die Behörden in Berlin optimistisch, den Fall aufzuklären. Durchsuchungen der Vereinsräume sowie der Wohnungen der Festgenommenen haben bereits umfangreiches Beweismaterial zutage gefördert. Weitere wichtige Erkenntnisse erhoffen sich Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt durch Befragungen im Umfeld der Hauptverdächtigen und bei Institutionen, mit denen sie kooperierten. Viele waren bislang völlig ahnungslos von dem, was zumindest nach dem bisherigen Kenntnisstand der Behörden tatsächlich hinter dem Engagement von "Promote Africa" steckt.

Auch in einem anderen Bereich des Verfahrens kommt noch viel Arbeit auf die Ermittler zu. "Indizien für den Verdacht, wonach zwei der drei Hauptverdächtigen mehrfach Kinder sexuell missbraucht haben, gibt es reichlich. Schwieriger wird es, ihnen die Vermittlung ihrer Opfer an andere Pädophile nachzuweisen", sagte ein Beamter. Aber auch dafür g4be es bereits zahlreiche Hinweise.

"Opfer unter dem Deckmantel der Hilfstätigkeit anzulocken, ist eine gängige Masche im Menschenhandel"

Ein Polizeiermittler