U-Bahn-Überfall

Marcel R. kämpft sich zurück ins Leben

Vor neuen Wochen wurde Marcel R. am U-Bahnhof Lichtenberg brutal überfallen. Er lag wochenlang im Koma. Es grenzt an ein Wunder, dass wieder sprechen kann. Nun will er sich ins Leben zurückkämpfen.

Foto: Steffen Pletl

Für seine Schwester ist es fast ein Wunder: Marcel sitzt im Schneidersitz auf seinem Bett und gibt dem Besucher zur Begrüßung die linke Hand. „Dass er das schon wieder kann, hätte ich kaum für möglich gehalten. Er muss einen Schutzengel haben“, sagt Katja de Graaf. Vor neun Wochen, am 11. Februar, wurde ihr Bruder auf dem U-Bahnhof Lichtenberg von vier Jugendlichen überfallen und brutal zusammengeschlagen und getreten. Seine Kopfverletzungen waren so schwer, dass nicht sicher war, ob der 30-jährige Malergeselle überleben würde. Wegen seines schweren Schädel-Hirn-Traumas lag Marcel wochenlang im künstlichen Koma, Neurochirurgen entfernten einen Teil seiner Schädeldecke, um das Gehirn abschwellen zu lassen. Da scheint es wirklich fast wie ein Wunder, dass er nun wieder sprechen und allein aufrecht sitzen kann.

Das Verbrechen und die Folgen für Marcel haben auch das Leben seiner Angehörigen verändert. Mutter Lilo oder Schwester Katja, oft begleitet von ihrem Ehemann und Tochter Romina (10) sind seitdem jeden Tag stundenlang bei ihm im Krankenhaus. „Die Zeit, als er im Koma lag, war furchtbar. Ständig die Sorge: wird er wieder aufwachen und in welchem Zustand?“, erinnert sich seine Schwester, die selbst Krankenschwester ist.

Mitte März wurde Marcel schrittweise aus dem künstlichen Koma geholt und seitdem kämpft er sich ins Leben zurück. Denn sofort wurde mit der neurologischen Frührehabilitation begonnen. „Time is Brain“, sagt Ingo Schmehl, Chef der Neurologie und Stroke Unit mit angeschlossener Frührehabilitation im Unfallkrankenhaus Marzahn. „Wie bei Schlaganfall-Patienten zählt bei einem Schädel-Hirn-Trauma jeder Tag. Je schneller mit der Rehabilitation begonnen wird, desto besser können die Hirnfunktionen wieder hergestellt werden“, erklärt der Arzt. Marcel wird von einem Team von Sprachtrainern, Physiotherapeuten und Pflegern betreut. Seine rechte Körperseite ist gelähmt, er leidet unter Sprach- und Gedächtnisstörungen.

Keine Erinnerung an die Tat

An die furchtbare Tat, die zu seinen Verletzungen und seinem jetzigen Zustand geführt hat, hat er keine Erinnerung. „Black Box“ nennt der Neurologe dieses Phänomen, das auch bei Opfern von Verkehrsunfällen vorkommt. „Wir tun im Moment auch nichts, um ihn aktiv daran zu erinnern. Die Arbeit der Trauma-Psychologen beginnt gerade erst“, sagt Chefarzt Schmehl. Jede Woche werden neue Therapieziele für Marcel gesetzt. Vorrangig ist die Behandlung der Sprachstörungen und das Steigern der Konzentrationsfähigkeit. Auch das Gefühl für seinen Körper muss er neu erlernen. Bisher kann der 30-Jährige nur kurze Zeit stehen und ein paar Schritte machen, doch die Ärzte sind zuversichtlich, dass die Lähmung seiner rechten Körperseite zurückgehen wird. Er muss einen Kopfschutz wie ein Boxer tragen, um den Schädel zu schützen. Ausflüge in den Park sind nur im Rollstuhl in Begleitung von Mutter oder Schwester möglich. „Manchmal weiß er gar nicht, wie krank er ist und möchte am liebsten aufstehen und wieder arbeiten gehen“, erzählt seine Schwester. Es wird noch einige Zeit dauern, bis Marcel begreifen kann, was mit ihm geschehen ist. Aber er hat verstanden, dass es viele Menschen gibt, die an seinem Schicksal Anteil nehmen.

Seit der Verein Berliner helfen mit der Berliner Morgenpost und Radio 104,6 RTL eine Spendenaktion für Marcel ins Leben gerufen hat, sind schon mehr als 45.000 Euro zusammengekommen. Viele Spender verbinden ihre Überweisung mit Genesungswünschen für Marcel oder schreiben: „Alles Gute, halte durch“ oder „Du schaffst es“. Auch viele Kinder und Jugendliche sind betroffen von dem, was ihm passiert ist. Die Kinder der Jugendverkehrsschule Hakenfelde haben bei ihren Geburtstagsfeiern für Marcel gesammelt, 1000 Euro sind dabei zusammengekommen. Bei der Generalprobe zur Deutschen Meisterschaft haben die Cheerleader des SCC Staaken Kuchen und Kaffee an Eltern und Fans verkauft und den Erlös – 300 Euro – für Marcel gespendet. „Dass es neben dem Schlimmen, was passiert ist, so viel Mitgefühl und Hilfsbereitschaft gibt, ist einfach toll“, sagt Katja de Graaf. Das Geld wird ihr Bruder dringend brauchen, wenn er in vier bis sechs Monaten aus dem Krankenhaus und der Rehabilitation entlassen wird. „Wir werden ihn erst einmal bei uns aufnehmen und dann eine Wohnung für ihn in der Nähe von mir und meiner Mutter suchen“, sagt Katja de Graaf. Denn Marcel soll und will wieder selbständig leben, sich selbst versorgen und alle Dinge des täglichen Lebens verrichten können. „Marcel ist noch jung, er hat eine gute Prognose“, sagt Chefarzt Ingo Schmehl. Er sagt aber auch, dass dafür langfristige Therapien notwendig sind.

Weitere Operation am Kopf

Bald muss Marcel noch einmal operiert werden, um den entfernten Teil seiner Schädeldecke wieder einzusetzen. Davor hat er Angst, Angst wieder hilflos auf der Intensivstation zu liegen. Er hat sich an sein helles freundliches Krankenzimmer und seine Pfleger und Therapeuten gewöhnt, obwohl das Training anstrengend und frustrierend für ihn ist. „Ich muss da jetzt durch, ich will wieder gesund werden“, sagt er. Besonders die Beweglichkeit seines rechten Armes macht ihm Sorge. „Hoffentlich wird der wieder, ich muss doch damit streichen“, sagt der Malergeselle. Er erinnert sich, wie gut es ihm bei seiner letzten Firma gefallen hat. Der Meister wollte ihn sogar fest einstellen, darauf hatte er sich sehr gefreut. Um im Krankenhaus mit seinen Freunden und der Außenwelt in Kontakt zu bleiben und auch für das Gedächtnistraining erhält er von Berliner helfen einen Laptop. Den hat er sich gewünscht. Dazu gibt es auch spezielle Software für Gedächtnis- und Gehirntraining.

Aus medizinischer Sicht ist es noch zu früh um zu beurteilen, in welchem Umfang Marcel wieder in seinem Beruf arbeiten können wird. Malerinnung und Handwerkskammer haben dem jungen Mann jegliche Hilfe bei einem Wiedereinstieg nach der Rehabilitation zugesagt. „Da habe ich ja eine Sorge weniger“, sagt Marcel und zum ersten Mal zeigt sich ein Lächeln auf seinem Gesicht.

Wenn Sie Marcel bei seiner Genesung und der Rückkehr in ein normales Leben unterstützen wollen, spenden Sie bitte an:

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Berliner helfen e. V.

Spendenkonto-Nummer: 55

Stichwort: Marcel

Bank für Sozialwirtschaft

BLZ 100 205 00