Interview

Heizen mit Holz aus Liberia

Am heutigen Freitag unterzeichnen der Energiekonzern Vattenfall und Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Linke) einen Vertrag, der für die Energiewende in Berlin entscheidende Weichen stellt. Es geht um Umwelt- und Sozial-Auflagen, die Vattenfall einhalten muss, wenn es künftig bis zu einer Million Tonnen Holz pro Jahr in seinen Heizkraftwerken verbrennen will. Joachim Fahrun sprach mit Frau Lompscher über Holz aus Liberia und Kanada.

Berliner Morgenpost: Frau Lompscher, können wir ein ruhiges Öko-Gewissen haben, wenn wir in unseren Berliner Kraftwerken alte Kautschuk-Bäume aus Liberia oder Präriegras aus Texas verheizen?

Katrin Lompscher: Wenn wir schnell aus der Atomkraft aussteigen und die CO2-Bilanz deutlich verbessern wollen, müssen wir fossile durch erneuerbare Brennstoffe ersetzen. Klar ist auch, dass die Verbrennung oder Mitverbrennung von Holz oder fester Biomasse in modernen Heizkraftwerken, die Strom und Wärme gleichzeitig produzieren, eine der effizientesten Formen des Biomasse-Einsatzes ist. Der Einsatz von fester Biomasse muss ein Bestandteil der Energiewende und des Klimaschutzes sein. Deshalb ist es so wichtig, die Kriterien, unter denen ein Einsatz möglich ist, so genau und so umfassend wie möglich zu gestalten. Dann hat man vielleicht kein ruhiges, aber ein besseres Gewissen.

Berliner Morgenpost: Was sind die Kriterien, auf die Sie als Aufsichtsbehörde ein Auge haben müssen?

Katrin Lompscher: Es geht zunächst um eine CO2-Reduktion von mindestens 50 Prozent im Vergleich zu fossilen Brennstoffen.

Berliner Morgenpost: Ist der Transport dabei mit eingerechnet?

Katrin Lompscher: Ja, der Anbau und der Transport. Dann gibt es weiter gehende Umweltziele: Schutz der Biodiversität, Schutz der Wälder und Feuchtgebiete. Diese sollen vermeiden, dass wir einen Beitrag zur Abholzung der Regenwälder oder der Zerstörung wertvoller Biotope leisten. Außerdem soll vermieden werden, dass die Landnutzung geändert wird. Biomasse soll nicht auf solchen Flächen wachsen, wo früher Nahrungsmittel angebaut wurden.

Berliner Morgenpost: Wie schützt man die Menschen in den Exportländern?

Katrin Lompscher: Es gibt auch soziale Ziele. Dabei geht es um die Arbeitsbedingungen bei den Herstellern und Lieferanten. Die Landnutzungsrechte müssen geklärt sein. Der Ankauf von Land muss zu angemessenen Bedingungen erfolgen.

Berliner Morgenpost: Und dann müssen Ihre Leute ausschwärmen und in Liberia oder Sibirien gucken, ob das alles eingehalten wird?

Katrin Lompscher: Die Verwaltung kann das nicht leisten. Gemeinsam mit Vattenfall haben wir ein renommiertes Öko-Forschungsinstitut ausgewählt, das auf Grundlage des Vertrages von Vattenfall mit dem Lieferanten in Liberia ein Gutachten erstellt hat. Die Experten empfehlen, international anerkannte Zertifizierungssysteme zu nutzen und zu erweitern. Externe Gutachter, die wir und Vattenfall gemeinsam beauftragen, sollen das kontrollieren. Das Unternehmen muss deshalb alles dokumentieren, was es tut. Alle zwei Jahre sollen die Ergebnisse in einen Bericht veröffentlicht werden.

Berliner Morgenpost: Die Vorstellung, man könnte über Jahre kontrollieren, ob in einem Land wie Liberia nicht Kleinbauern vertrieben werden, scheint doch ziemlich gewagt...

Katrin Lompscher: Ohne Zweifel ist das ein Problem. Deshalb suchen wir ja genau nach Wegen, Dinge, von denen wir wissen, dass sie passieren können, auszuschließen. Der Liberia-Vertrag wird auch keine große Rolle spielen für die Versorgung Berlins. Denn er läuft nur bis 2015. Die große Biomasse-Anlage von Vattenfall geht frühestens 2017 ans Netz. Der Vertrag hat nur das Beispiel geliefert, um die Kriterien für die Nachhaltigkeit fester Biomasse fest zu legen.

Berliner Morgenpost: Warum sollen nicht die Länder, die das Holz haben, dieses selber nutzen?

Katrin Lompscher: Das Gutachten hat untersucht, inwieweit der Export den Eigenbedarf beeinflusst. Nur das, was über den Eigenbedarf hinausgeht, steht für den Verkauf zur Verfügung.

Berliner Morgenpost: Holz ist in Afrika wichtiger Brennstoff. Werden große Mengen nach Deutschland verkauft, steigen dort doch die Preise?

Katrin Lompscher: Der Liberia-Vertrag ist für Berlin Anlass gewesen, Nachhaltigkeitskriterien zu vereinbaren. Dabei ist wichtig, dass diese Kriterien bei jeglicher Beschaffung von fester Biomasse angewandt werden. Dazu gehören Energiepflanzen aus der Region, etwa aus ehemaligen Tagebauen in der Lausitz oder von Rieselfeldern in Brandenburg sowie aus Ländern wie Kanada oder Skandinavien, wo nachhaltige Holzwirtschaft etabliert ist.

Berliner Morgenpost: Hat nicht der Biomasse-Boom dazu geführt, dass aus deutschen Wäldern schon mehr entnommen wird als nachwächst?

Katrin Lompscher: Das könnte ein Problem werden. Deshalb müssen die EU und auch die Bundesregierung endlich verbindliche Vorgaben für den Einsatz fester Biomasse treffen.

Berliner Morgenpost: Deshalb machen Sie einen solchen Vertrag?

Katrin Lompscher: Wenn uns Vattenfall einen Antrag auf den Tisch legte für ein Biomasse-Heizkraftwerk, das allen rechtlichen Anforderungen entspricht, besteht ein Genehmigungsanspruch. Wir hätten ohne Vertrag keine Möglichkeit, etwas über die Nachhaltigkeit und die Herkunft der Biomasse zu regeln. Wir mussten schnell handeln, denn Vattenfall arbeitet daran, die Menge von Biomasse zu erhöhen, die in Kohlekraftwerken mit verbrannt wird.

Berliner Morgenpost: Ist das also nur Goodwill?

Katrin Lompscher: Mehr als das. Wir sind uns mit Vattenfall einig, dass die Kriterien Grundlage für die Genehmigungsverfahren sein werden.

Berliner Morgenpost: Und wenn sich nach Jahren herausstellt, dass Vattenfall die Kriterien nicht einhält?

Katrin Lompscher: Wenn die Auflagen nicht eingehalten werden, besteht die Genehmigungsgrundlage nicht mehr. Im Mai werden wir der Umweltministerkonferenz unsere Vereinbarung vorstellen und den Bund auffordern, auf dieser Grundlage eine nationale Regelung zu erlassen.