Bildung

An Sekundarschulen soll nur das Los entscheiden

Die neuen Aufnahmekriterien für übernachgefragte Oberschulen sind bei vielen Eltern auf heftige Kritik gestoßen. Der Vorsitzende des Landeselternausschusses, Günter Peiritsch, kündigte an, dass die Eltern dagegen vorgehen und Veränderungen fordern werden. "Wir müssen eine 100-prozentige Losquote für alle Sekundarschulen diskutieren, die keine Profilkriterien anwenden", so Peiritsch.

Das wäre auf jeden Fall gerechter als die Schüler allein aufgrund der Leistungen auszuwählen, wie es die meisten Schulen jetzt gemacht hätten. "Dadurch haben wir nun Schulen, an denen sich die guten Schüler sammeln, und solche für alle anderen Schüler." Die stigmatisierten Hauptschulen seien zwar abgeschafft, dafür aber neue Restschulen entstanden.

In diesen Tagen erhalten die Schüler, die von der Grundschule an die weiterführende Schule wechseln, ihre Bescheide, ob sie einen Platz an der Wunschschule erhalten. Erstmals wurden für die Verteilung der Plätze die neuen Aufnahmekriterien angewandt, nach denen sich die gefragten Schulen mindestens 60 Prozent der Schüler selbst aussuchen durften. Nach Angaben von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) konnten bei der Schulplatzzuweisung zu 93 Prozent die Elternwünsche erfüllt werden.

Diese Aussage weist der Vorsitzende des Landeselternausschusses entschieden zurück: "Die meisten Eltern haben taktisch gewählt, weil sie Angst hatten, dass ihre Kinder an eine weit entfernte Restschule kommen könnten", sagt Peiritsch. Von Wunscherfüllung könne keine Rede sein. Laut Peiritsch haben die Eltern bei ihrer Schulwahl die Sekundarschulen mit gymnasialer Oberstufe bevorzugt. "Wir brauchen deshalb unbedingt mehr solcher Sekundarschulen", fordert er.

Frustriert von der neuen Aufnahmereglung ist auch Michael Sommer (Name v. d. Red. geändert) aus Lichtenrade. Für den Vater von vier Kindern steht fest: "Meine Tochter Anna wird auf die Carl-Zeiss-Sekundarschule in Tempelhof gehen. Eine andere Entscheidung akzeptieren wir nicht." Anna sei mit einem Zensurendurchschnitt von 2,6 von ihrer Wunschschule abgewiesen worden. Auch mit dem Zweit- und Drittwunsch habe es nicht geklappt. Doch das interessiert Michael Sommer nicht. "Die Carl-Zeiss-Schule mit ihren speziellen Angeboten für Spanisch und Sport ist die geeignete Schule für meine Tochter und zudem in unserer Nähe, sodass sie in ihrem sozialen Umfeld bleiben kann." Er werde deshalb vor Gericht einen Platz an dieser Schule erstreiten, sagt der Vater.

Bildungssenator Zöllner sagt, dass das neue Aufnahmeverfahren für die weiterführenden Schulen reibungslos verlaufen sei. Er räumt allerdings ein, dass die Situation für jedes Kind, das nicht an seine Wunschschule gekommen ist, erst einmal enttäuschend sei. Das sei aber auch in allen anderen Schuljahren so gewesen. "Alle Beteiligten arbeiten jedoch mit Hochdruck daran, dass wir für die verbleibenden Kinder durch die Einrichtung von zusätzlichen Klassen eine Beschulung in Wohnortnähe oder mit einem zumutbaren Schulweg sicherstellen können." Im Vergleich zum Vorjahr seien in diesem Jahr rund 4000 Schüler mehr an den weiterführenden Schulen unterzubringen gewesen, so Zöllner. Gleichzeitig hätten alle Eltern die Information über einen Schulplatz so frühzeitig wie noch nie erhalten. Im vergangenen Jahr erhielten die Eltern bis in den Sommer hinein ihre Schulbescheide.

Vor allem: Schulfrieden

Die bildungspolitische Sprecherin der SPD, Felicitas Tesch, will an den Aufnahmekriterien nicht mehr rütteln. Die Aufnahme sei doch gar nicht so schlecht gelaufen, sagt sie und beschwört damit den im Wahlprogramm der SPD beschlossenen Schulfrieden. Hundertprozentige Gerechtigkeit für alle könne es ohnehin nicht geben. Steffen Zillich, bildungspolitischer Sprecher des Koalitionspartners Linke, sieht das anders. Es gebe einige Schwierigkeiten, sagt er. Dennoch sei das neue Verfahren besser gelaufen als die Anmeldungen in den vergangenen Jahren, als nur die Wohnortnähe entscheidendes Kriterium war. Allerdings hätten die Schulen zu selten davon Gebrauch gemacht, Profilkriterien festzulegen, so Zillich. Wenn allein die Leistung zähle, sei die richtige Mischung an einigen gefährdet. "Das hatten wir so nicht beabsichtigt."

Zillich lehnt es jedoch ab, das Aufnahmeverfahren gleich wieder zu ändern. Stattdessen solle man erst ein bis zwei Jahre abwarten und dann aus den Erfahrungen Konsequenzen ziehen. Erfreulich sei, so der Bildungsexperte der Linkspartei, dass sich die Sekundarschule gegenüber den Gymnasien als attraktiv erwiesen habe. Angesichts der Übernachfrage an Sekundarschulen mit gymnasialen Oberstufen sollte dieses Angebot ausgebaut werden, fordert Zillich.

Abwarten und Beobachten

Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen, will keine voreiligen Schlüsse ziehen. Auch er plädiert dafür, zunächst ein Jahr abzuwarten, wie sich die neuen Aufnahmekriterien auswirken. Erst dann werde man beispielsweise sehen, wie viele Schüler das Probejahr am Gymnasium nicht schaffen, so Mutlu.

Der Grünen-Abgeordnete warnt die Gymnasien und gefragten Sekundarschulen eindringlich davor, "Sonderklassen" mit den ausgelosten Schülern einzurichten. Entscheidend sei die Mischung der Leistungsniveaus in den Klassen, reine Migrantenklassen oder Klassen mit Schülern mit schlechterem Notendurchschnitt hätten nichts mit Bildungsgerechtigkeit zu tun, so Mutlu.

Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der CDU, fordert dagegen, die Losquote abzuschaffen und stattdessen eine Regionalquote einzuführen. 20 Prozent der Plätze sollen zurückgehalten werden, um unzumutbare Schulwege zu vermeiden. Die FDP plädiert für weitestgehende Eigenständigkeit der Schulen bei der Auswahl der Schüler. "Die Schulen können ja Wohnortnähe oder Geschwisterkinder mit in die Aufnahmekriterien einbeziehen, schon wäre das Problem gelöst", sagt FDP-Bildungsexpertin Mieke Senftleben.