Schulweg

"Wir wollen nicht nach Hellersdorf"

Familie Gröbler aus Lichtenrade ist in heller Aufregung. "Mein Mann und ich haben die letzten beiden Tage mit sehr vielen Oberschulen telefoniert, um einen Schulplatz für unseren Sohn zu finden", sagt Heike Gröbler. In ihrem Wohnbezirk Tempelhof-Schöneberg hätten sie weder an einer Sekundarschule noch an einem Gymnasium Erfolg gehabt. Auch in den angrenzenden Bezirken sowie an den Privatschulen in der Umgebung gebe es keine freien Plätze mehr.

Gröblers hatten am Sonnabend einen Ablehnungsbescheid für ihre Erstwunschschule, die Carl-Zeiss-Sekundarschule in Tempelhof-Schöneberg, bekommen (wir berichteten). Auch auf der Zweit- und Drittwunschschule der Familie war kein Platz mehr für Lucas, der einen Zensurendurchschnitt von 2,7 hat. Nun befürchten Heike und Christian Gröbler, dass ihnen vom Schulamt ein Schulplatz in Marzahn-Hellersdorf oder Pankow zugewiesen wird. In diesen Bezirken gibt es noch etliche freie Plätze. "Wir wollen Lucas einen so langen Schulweg aber nicht zumuten und ihn auch nicht aus seinem Umfeld reißen", sagt Heike Gröbler. Ihr Sohn sei in der Freiwilligen Feuerwehr und im Judoverein des Bezirks. Dieses Engagement wolle er auf keinen Fall aufgeben. Gröblers sehen jetzt nur noch eine Chance: Sie haben Widerspruch eingelegt und wollen gegen den Bescheid klagen.

Bezirkseigene Kinder verdrängt

Tempelhof-Schöneberg gehört zu den Bezirken, die nicht alle ihre Schüler mit einem Oberschulplatz im Bezirk versorgen können. An den Sekundarschulen fehlen 85 Plätze, an den Gymnasien 38. Dabei hat der Bezirk laut Bildungsstadtrat Dieter Hapel (CDU) bereits zehn zusätzliche Sekundarschulklassen und sechs zusätzliche Klassen an Gymnasien aufgemacht.

Hapel spricht von einem gnadenlosen Verdrängungswettbewerb. "An den gefragten Sekundarschulen haben sich sehr viele Schüler mit einer Gymnasialempfehlung angemeldet. Die klassischen Sekundarschüler hatten dort kaum eine Chance." Hinzu komme, dass an den überaus beliebten Tempelhof-Schöneberger Sekundarschulen 851 Schüler anderer Bezirke einen Platz bekommen und bezirkseigene Kinder über den Numerus clausus verdrängt haben. Hapel befürchtet nun, dass Schüler seines Bezirks weite Schulwege auf sich nehmen und an den Stadtrand oder nach Marzahn-Hellersdorf fahren müssen. "In der gestrigen Ausgleichskonferenz der Bezirke wurde gesagt, dass es berlinweit ausreichend Schulplätze gibt", sagt er. Das zeige, dass man den Schülern weite Wege zumuten wolle.

Der Bildungsstadtrat fordert jetzt, das Auswahlverfahren zu überarbeiten. "Statt der 30-prozentigen Losquote brauchen wir eine Wohnortquote", sagt er. Auch dürften die Schulen die Schüler nicht nur aufgrund des Notendurchschnitts auswählen. Das würde den Zielen der Oberschulreform zuwiderlaufen. "Mit der Reform sollten die Hauptschulen, die als ungeliebte Restschulen galten, abgeschafft und eine bessere soziale Mischung der Schülerschaft möglich werden", sagt Hapel. Stattdessen gebe es nun Sekundarschulen mit überwiegend leistungsstarken Schülern und Restschulen, an die alle anderen Kinder verwiesen werden. Hapel kritisiert, dass die Schulen viel zu wenig Zeit hatten, gerichtsfeste Profilkriterien für die Aufnahme zu erarbeiten und deshalb allein auf das Kriterium der Leistung setzen mussten. "Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) wollte die Schulreform noch vor der Wahl durchziehen und hat die Schulen zur Eile gedrängt", sagt Hapel. Das habe viele überfordert.

Ähnlich äußert sich auch Simone Pietsch, Anwältin für Schulrecht. Sie sieht deshalb gute Chancen für eine Klage der Gröblers. "Die Sekundarschulen haben den Auftrag, für eine heterogene Schülerschaft da zu sein", sagt sie. Es sei deshalb nicht hinzunehmen, dass an bestimmten Sekundarschulen nur Schüler mit einem sehr guten Notenschnitt aufgenommen worden sind, während die anderen Schüler Plätze an den Restschulen zugewiesen bekommen haben. Bei Pietsch haben sich inzwischen viele Familien gemeldet, die Widerspruch gegen einen Ablehnungsbescheid einlegen wollen. Allein 20 Familien wollen gegen eine Ablehnung von der Carl-Zeiss-Schule vorgehen.

Stephan Zapfe, Schulleiter der Carl-Zeiss-Sekundarschule, ist mit der Situation ebenfalls sehr unzufrieden. Für die 180 Plätze in den sieben siebten Klassen hätten sich 424 Bewerber interessiert. Zapfe bedauert, dass er Schüler wie Lucas nicht aufnehmen konnte. Sie würden sehr gut zum Profil seiner Schule passen. "Wir wollten gesellschaftliches Engagement zu einem zusätzlichen Aufnahmekriterium machen", sagt er. Das sei aber nicht gerichtsfest gewesen und deshalb nicht genehmigt worden.

Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenator Zöllner, betont indes, dass die Verwaltung nicht verhindert habe, dass die Carl-Zeiss-Schule Profilkriterien festlegt. "Wir haben die Sekundarschulen sogar ermutigt, nicht ausschließlich die Durchschnittsnote zu nehmen, damit nicht nur der Leistungsaspekt berücksichtigt wird. Dies ist von der Gustav-Heinemann- und der Solling-Sekundarschule auch praktiziert worden", so Stoffers.

Schulleiter fordern Aufnahmequoten

Wie schon Bildungsstadtrat Hapel warnt auch Paul Schuknecht, Vorsitzender der Vereinigung der Berliner Schulleiter, davor, dass es künftig Sekundarschulen erster und zweiter Klasse geben könnte. Er plädiert deshalb dafür, an den Sekundarschulen Aufnahmequoten festzulegen. "Wir könnten uns danach richten, wie es an den früheren Gesamtschulen gehandhabt wurde", sagt er. Sekundarschulen sollten maximal 40 Prozent Schüler mit einer gymnasialen Empfehlung aufnehmen dürfen, so Schuknecht. Nur so ließe sich eine gute soziale Mischung herstellen.

Schulplätze für bezirkseigene Kinder fehlen auch in Neukölln. Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) sagt, dass der Bezirk Bedarf an 42 Gymnasialschulplätzen habe. "Wir haben uns mit Spandau geeinigt und können 42 Kinder an einem Gymnasium unterbringen, das unmittelbar an der U-Bahn-Linie 7 liegt." Ohne umzusteigen, könnten die Schüler in 40 Minuten vor Ort sein. An den Sekundarschulen habe Neukölln indes noch Kapazitäten. "So konnten wir 46 Plätze an Tempelhof-Schöneberg abgeben", sagt Giffey.

Probleme gab es zunächst auch in Reinickendorf. Laut Bildungsstadträtin Kathrin Schultze-Berndt (CDU) hat man es aber geschafft, alle bezirkseigenen Kinder innerhalb des Bezirks zu versorgen. "Die Probleme konnten jeweils durch die Einrichtung einer zusätzlichen Klasse am Thomas-Mann-Gymnasium und an der Jean-Krämer-Sekundarschule behoben werden", sagt Schultze-Berndt. Stundenlange Fahrten ans andere Ende der Stadt seien fast 40 Reinickendorfer Kindern damit erspart geblieben. Auch Schultze-Berndt plädiert dafür, die Aufnahmekriterien zu ändern. "Statt der Losquote brauchen wir unbedingt eine Wohnortquote", sagt sie.