Bildung

Förderbedürftige Schüler fürchten die Zukunft

Elisabetta Bonfanti hat ein Ziel: Sie möchte, dass ihr Sohn Roberto (6) an der Hermann-Nohl-Grundschule in Neukölln aufgenommen wird. Die Einrichtung ist zwar nicht in unmittelbarer Wohnortnähe der Familie, aber für Frau Bonfanti die Schule ihrer Wahl. "Mein Sohn ist schwerhörig und hat deshalb Sprachförderbedarf", sagt sie.

An der Hermann-Nohl-Schule, zu der auch ein Förderzentrum gehört, gebe es ausreichend Sonderpädagogen. "Roberto kann dort von erfahrenen Lehrern betreut werden." An einer normalen Grundschule, so befürchtet Frau Bonfanti, wäre das nur unzureichend der Fall.

Kinder wie Roberto sollen künftig jedoch nicht mehr in ein Förderzentrum, sondern auf die Regelschule gehen. So plant es die Bildungsverwaltung. Dieses sogenannte Inklusionskonzept erregt die Gemüter von Eltern und Lehrern jedoch in ungeahntem Ausmaß. Am Montag hatte der Arbeitskreis gemeinsame Erziehung zu einer Diskussion mit Vertretern des Senats und der Parteien ins Abgeordnetenhaus geladen. Der Andrang war so groß, dass die 100 Plätze bei Weitem nicht ausreichten. "Wir haben das Interesse unterschätzt", sagte Felicitas Tesch, bildungspolitische Sprecherin der SPD. Die häufigsten Fragen drehten sich um die Ausstattung der Schulen mit Sonderpädagogen. Schließlich steht fest, dass die Umsetzung der Inklusion, also der gemeinsame Unterricht von förderbedürftigen und nicht behinderten Kindern, kostenneutral sein soll. Hannelore Kern, die das Konzept für die Senatsbildungsverwaltung entwickelt hat, versuchte zu beschwichtigen. "Es wird den Schulen nichts weggenommen", betonte die Senatsvertreterin. Im Gegenteil: Im laufenden Schuljahr sei der Anteil der förderbedürftigen Kinder auf 6,5 Prozent gesunken. Im Jahr zuvor waren es noch 7,5. Da die Zahl der Stellen gleich bleibe, kämen jetzt weniger Kinder auf einen Sonderpädagogen. Gesenkt werden konnte die Quote durch eine strengere Diagnose, vor allem in Bezirken wie Marzahn-Hellersdorf, die vorher einen extrem hohen Anteil an förderbedürftigen Kindern festgestellt hatten.

Für die Schulen ist das ein schwaches Argument. Denn die Zahl der Förderstunden für Integrationskinder an den Regelschulen wurde in den vergangenen sechs Jahren stetig gesenkt. "Ein Kind mit Verhaltensauffälligkeit oder Sprachbehinderungen hatte 2005 noch das Recht auf 4,5 Stunden pro Woche Zusatzförderung, heute sind es nur noch 2,5 Stunden", sagte die Schulleiterin der Fläming-Grundschule, Rita Schaffrinna. Für eine anspruchsvolle Inklusion sei das zu wenig. Die Fläming-Grundschule zählt zu den Vorzeigeeinrichtungen in Sachen Inklusion.

Auf eine Erhöhung der Stundenzahl wollte sich mit Verweis auf die schwierige Haushaltslage jedoch keiner der anwesenden Vertreter von SPD und Linke festlegen. Das Wahlprogramm SPD sehe keine konkreten Ziele zum Thema Inklusion vor, sagte Tesch. Stattdessen habe sich die Partei darauf geeinigt, nach den zahlreichen Reformen zunächst den Schulfrieden ins Programm zu schreiben. Lediglich der bildungspolitische Sprecher der Grünen, Öczan Mutlu, wagte das Versprechen, dass den Kindern mindestens drei Förderstunden zustünden, wenn die Grünen gewählt würden.

Für Unsicherheit sorgt auch die Verteilung der Förderlehrer und der förderbedürftigen Schüler auf die Schulen. Da der Förderstatus für lernbehinderte, verhaltensauffällige und sprachbehinderte Schüler nicht mehr festgestellt werden soll, muss die Verteilung der Lehrkräfte nach anderen Kriterien erfolgen. Laut Senatskonzept soll die Zusatzausstattung für Inklusion je nach Anteil der Schüler aus sozial benachteiligten Familien variieren. Diese Kinder hätten derzeit am häufigsten Förderbedarf.

Förderdiagnose entfällt

Wenn aber die Diagnose wie vom Senat vorgesehen nicht mehr gestellt würde, werde es schwierig, die Zahl der förderbedürftigen Schüler gleichmäßig auf die Schulen zu verteilen, bemerkten Lehrer. Vor allem an den Sekundarschulen, für die es neue Aufnahmekriterien gibt, ist das ein Problem. Während sich gefragte Schulen ihre Schüler zu fast 70 Prozent aussuchen können, müssen Schulen, die weniger Anmeldungen als Plätze haben, jeden nehmen. Dadurch könnten unbeliebte Sekundarschulen zu Sammelbecken für verhaltensauffällige und lernbehinderte Schüler werden. Der bildungspolitische Sprecher der Linkspartei, Steffen Zillich, betonte, dass die Aufnahmekriterien für die Sekundarschulen geändert werden müssten, wenn das Inklusionskonzept in Kraft tritt.

Dieser Zeitpunkt steht allerdings noch nicht fest. Denn in dieser Legislaturperiode werde die Gesetzesänderung nicht mehr vorgenommen, so die Vertreter der Koalition. Offen ist, wie die neue Regierung nach der Wahl im September mit dem Senatskonzept umgehen wird. Fakt ist nur, dass die UN-Konvention von 2008, die das Recht der behinderten Kinder auf Inklusion festschreibt, umgesetzt werden muss.