Das Drehbuch

Die Rettung der Luftakrobatin

| Lesedauer: 2 Minuten
Wolfgang Kirchner

Im Wintergarten entsteht ein Varietéfilm in 3D. Eile ist geboten - heute Abend müssen die Filmleute raus sein. Abgedreht wurden bereits "Max Nix & Willi Widder Nix" mit ihrer Symbiose aus Jodelei und Rock auf dem Alphorn.

Im Moment strapaziert Victor Minasov als hüpfendes Ei, als tanzende Kaugummiblase die Lachmuskeln von hundert Komparsen, die Publikum spielen. Doch der spektakuläre Höhepunkt, die Luftakrobatik "Multicordes" von Charlotte de la Breteque, kann nicht gedreht werden. Charlotte hat sich in ihrer Garderobe verkrochen. "Meine Barbara ist kaputt!", heult die hübsche Französin. Ohne Barbara werde sie unweigerlich in die Tiefe stürzen.

Panik macht sich unter den Aufnahmeleitern breit. "Wer ist Barbara?", will Regisseur und 3D-Spezialist Till Hastreiter wissen. "Barbara liegt am Boden - in tausend Scherben", flüstert die Garderobiere. "Ihre kleine Heilige, die sie durch ganz Europa begleitet!" Till tröstet Charlotte. Er kennt sich in Schöneberg aus. Auf der anderen Seite der Potsdamer Straße, im Ave-Maria-Laden, riecht es nach Weihrauch und gregorianische Gesänge ertönen. Zwischen Jesus, Maria und umschwebt von Engeln steht eine wunderschöne St. Barbara aus Gips, in rotem Umhang, mit Krone, Schwert und Kelch. "Der Überlieferung zufolge wurde sie von ihrem Vater enthauptet", erklärt der Ladeninhaber, "weil sie sich weigerte, ihre jungfräuliche Hingabe an Gott aufzugeben." - "Sie ist viel zu groß!", stöhnt die fromme Artistin. "Mindestens einen halben Meter!" Doch kaum hat sie die bunte Gipsfigur im Arm, ist alles gut, und es kann weitergedreht werden. Von der Decke des Wintergartens lässt Charlotte sich an wer weiß wie vielen Spaghetti herab, die sie sich um Hände und Beine wickeln. Handstand, blitzschnelles Klettern, atemberaubende Überschläge. Einmal scheint Charlotte mit dem Kopf zuerst abzustürzen, alles schreit entsetzt. Doch dicht überm Boden fängt sie sich - ein Wunder!

Wolfgang Kirchner, geboren in Danzig, schreibt Drehbücher für Filme wie "Die Brücke" (2008), "Sturmzeit" (1999), "Die heilige Hure" (1997) und wurde unter anderem mit Bernhard Wicki mit dem Grimme-Preis in Gold ausgezeichnet. Er lehrt Drehbuchschreiben in Hamburg, Freiburg und München. Für unsere Serie hat er überlegt: Was für ein Film könnte in dieser Straße spielen?