Bildung

Förderschulen vor dem Ende

Andrea Masalmeh ist verunsichert. Die Zukunft der Schule ihrer Tochter Raniem steht auf dem Spiel. Die Elfjährige besucht seit der zweiten Klasse die Neuköllner Förderschule am Zwickauer Damm. Dort macht das lernbehinderte Mädchen, das an einer zerebralen Entwicklungsverzögerung leidet, große Fortschritte.

"Anders als in der Regelschule sind die Klassen klein und werden meist von zwei Lehrern geleitet", sagt Andrea Masalmeh. Jedes Kind werde intensiv und seinem Lerntempo entsprechend betreut. "Für uns steht deshalb fest, dass Raniem an der Förderschule am besten aufgehoben ist", sagt Andrea Masalmeh.

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) plant jedoch, einen großen Teil der gegenwärtig 89 Förderschulen mit 11 458 Schüler zu schließen. Die frei werdenden Sonderpädagogen sollen an den Regelschulen angestellt werden. Das große Ziel ist das gemeinsame Lernen aller Kinder, ganz gleich, ob sie behindert sind oder nicht. Fachleute bezeichnen dieses gemeinsame Lernen als "Inklusion".

Zu wenig Sonderpädagogen

Familie Masalmeh hält diese Entwicklung für bedenklich. Ihre Tochter sei an der Regelschule nach der ersten Klasse nicht mehr mitgekommen, sagt die Mutter. Die Lehrerin habe sich um 30 Kinder kümmern müssen und Raniem nicht so fördern können, wie es nötig gewesen wäre. Eine Sonderpädagogin habe zwar täglich eine Stunde mit Raniem gearbeitet, aber auch das habe bei weitem nicht ausgereicht. "Meine Tochter wollte schließlich gar nicht mehr zur Schule gehen." Erst an der Förderschule habe sie wieder Spaß am Lernen gefunden, erzählt die Mutter.

Bildungssenator Zöllner will es den Eltern förderbedürftiger Kinder zwar weiterhin freistellen zu entscheiden, ob ihr Kind an einer Regelschule oder an einem Förderzentrum lernt. Dennoch plant er, zunächst alle Schüler mit einer Lern- oder Sprachbehinderung sowie mit emotional-sozialen Schwierigkeiten in die Regelschule zu integrieren. Die Zahl der Förderzentren soll reduziert werden. In einem zweiten Schritt sollen dann auch mehr und mehr geistig und körperlich behinderte Kinder an den normalen Schulen aufgenommen werden.

Dieses Vorhaben stößt jedoch bei Eltern wie den Masalmehs, aber auch bei Schulleitern und Lehrern in Problemkiezen, in denen es ohnehin viele Schwierigkeiten gibt, auf große Skepsis. Kostenneutral sei die sogenannte Inklusion nicht zu machen, warnen die Pädagogen und fordern eine bessere Personalausstattung der Schulen.

Zu den Kritikern des Konzepts gehört Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD). In einer Stellungnahme zur Umsetzung der "Inklusiven Schule", die dieser Zeitung vorliegt, äußert sie erhebliche Bedenken angesichts der problematischen Schulsituation im Norden Neuköllns. "Dort gibt es bereits Schulen, in denen alle Kinder von der Lernmittelzuzahlung befreit sind und Klassen, in denen kein Kind mehr von zu Hause aus die deutsche Sprache spricht", so Giffey. Hinzu komme, dass immer mehr Kinder aus Osteuropa nach Neukölln kämen, die große Sprach- und Bildungsdefizite hätten. Sie warnt vor gravierenden Auswirkungen auf die Grund- und Sekundarschulen, wenn unter diesen Umständen Kinder mit Förderbedarf in nicht absehbarer Zahl in den Regelklassen verbleiben sollen.

Bildungsstadträtin Giffey plädiert in ihrer Stellungnahme dafür, nicht wie vom Senat geplant, schon zum Schuljahr 2012/13 mit der flächendeckenden Umsetzung des Konzepts "Inklusive Schule" zu beginnen, sondern zunächst Modellprojekte anzustreben. "Wir müssen erst einmal die Oberschulreform abschließen, viele Sekundarschulen sind noch gar nicht etabliert", sagt die Stadträtin.

Finanzierung ist noch ungeklärt

Giffey will möglichst viele Sonderpädagogische Förderzentren im Bezirk erhalten. Neukölln sei der Berliner Bezirk mit den meisten Förderzentren im Bereich Lernen. 712 Schüler haben im Schuljahr 2009/10 die sechs Einrichtungen für Lernen und Sprache genutzt. Und 72 Prozent aller Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf besuchen die insgesamt neun Förderzentren des Bezirks. "Und zwar auf Wunsch und im Einverständnis mit den Eltern", so Giffey. Dieses Angebot könne nicht ohne Weiteres abgeschafft werden. "Wir müssen erst den tatsächlichen Bedarf ermitteln", so die Stadträtin.

Giffey kritisiert schließlich, das Senator Zöllner das Konzept zur inklusiven Schule kostenneutral umsetzen will. Wenn behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam lernen sollen, müsse die Klassenfrequenz von 26 auf 18 bis 21 Kinder abgesenkt werden. Das sei insbesondere in sozialen Brennpunkten erforderlich. Zusätzliche Kosten würden auch entstehen, weil die baulichen Voraussetzungen an den Schulen verändert werden müssten. Die Neuköllner Stellungnahme wird am heutigen Montagabend auch im Abgeordnetenhaus für Streit sorgen, wo Vertreter aller Parteien über das Inklusionskonzept diskutieren wollen.