Bildung

Kirchen schränken Religionsunterricht ein

Die beiden großen Kirchen haben jetzt ein Konzept für den Religionsunterricht in Berlin vorgelegt. Demnach sollen der evangelische und katholische Religionsunterricht nicht mehr flächendeckend stattfinden, sondern auf bestimmte Schulen konzentriert werden.

Religionsunterricht soll künftig als Schulprofil angeboten werden, außerdem wollen die Kirchen stärker miteinander kooperieren und auch mit Ethiklehrern zusammenarbeiten. Mit Beginn des kommenden Schuljahres soll die Umsetzung dieses Vorhabens beginnen.

"Das ist kein Not-, sondern ein Zukunftskonzept", sagt Oberkonsistorialrat Steffen-Rainer Schultz, der bei der evangelischen Kirche für den Religionsunterricht zuständig ist. Das Konzept sei mit der katholischen Kirche abgesprochen und auf lange Zeit angelegt, unabhängig von politischen Entwicklungen. Nachdem der Volksentscheid Pro Reli, in dem es darum ging, Religion als Wahlpflichtfach einzuführen, im Frühjahr gescheitert sei, habe man sich in der Pflicht gesehen, ein neues Konzept für den Religionsunterricht in Berlin zu entwickeln. "Immerhin nehmen gegenwärtig mehr als 100 000 der insgesamt rund 300 000 Berliner Schüler am Religionsunterricht teil und das, obwohl es sich um ein freiwilliges Fach handelt und die Stunden meist als Randstunden im Stundenplan ausgewiesen sind." Diesen Schülern müsse man gerecht werden, so Schultz.

Insgesamt ist die Zahl der am Glaubensunterricht interessierten Schüler allerdings seit Jahren rückläufig. Laut Schultz bieten schon jetzt etwa 100 der 300 Berliner Oberschulen keinen Religionsunterricht mehr an. Vor allem in den östlichen Stadtbezirken, aber auch im Märkischen Viertel, in Nord-Neukölln, in Wedding und in Kreuzberg sei die Nachfrage sehr gering. An vielen Schulen sind die Gruppen so klein, dass der Unterricht vom Senat nicht mehr bezuschusst wird. Staatliche Gelder fließen nur, wenn die Gruppengröße bei mindestens 15 (an Grundschulen) beziehungsweise 12 Schülern (an weiterführenden Schulen) liegt.

Für die Kirchen wird der Religionsunterricht zunehmend zu einer finanziellen Frage. Gegenwärtig gibt die evangelische Kirche in Berlin bereits mehr als sieben Millionen Euro dafür aus. "Wir müssen effektiver werden", sagt Schultz. An Standorten wie Steglitz-Zehlendorf, Reinickendorf, Spandau oder Charlottenburg-Wilmersdorf bleibe jedoch alles beim Alten.

Religion als Schulprofil

In Gegenden mit weniger Nachfrage sieht das neue Konzept hingegen vor, je eine Schule zu finden, die Religion in ihr Schulprofil aufnimmt. Aus den anderen Schulen will sich die Kirche dann ganz zurückziehen. "Für die Eltern ist damit klar, dass sie in jedem Bezirk mindestens eine Schule finden, an der verlässlich Religionsunterricht angeboten wird", sagt Schultz. Die Kirche sei derzeit mit etwa zehn Schulen im Gespräch, an denen Religion bereits erfolgreich unterrichtet wird. Das seien Grundschulen, aber auch künftige Sekundarschulen.

"Wir werden das Profil Religion mit jeder Schule individuell abstimmen", so Steffen-Rainer Schultz. Es sei davon auszugehen, dass die beiden wöchentlichen Religionsstunden an diesen Schulen nicht nur als Randstunden angeboten werden. Denkbar sei auch eine enge Kooperation mit anderen Unterrichtsfächern wie Biologie oder Deutsch. Schließlich könne das Exkursionsprogramm der Schule entsprechend ausgerichtet werden.

Neben dem Profilschulmodell planen die evangelische und katholische Kirche, deutlich enger zusammenzuarbeiten. An Schulen mit kleinen Gruppen interessierter Schüler soll demnach künftig entweder nur noch evangelischer oder katholischer Unterricht angeboten werden. Jedoch sollen Aspekte der jeweils anderen Konfession behandelt werden.

Stefan Förner, Sprecher des Erzbistums Berlin, bestätigt dieses Vorhaben. Zurückhaltender äußerte sich Förner allerdings bezüglich der ebenfalls geplanten Zusammenarbeit der Kirchen mit den Ethiklehrern: "Wir stehen dem grundsätzlich offen gegenüber, werden aber in jedem Einzelfall prüfen, ob es sinnvoll ist." Konsistorialrat Schultz betont hingegen, dass die evangelische Kirche bereits gute Erfahrungen bei der Kooperation mit Ethiklehrern gemacht habe. André Schindler, Vorsitzender des Landeselternausschusses, warnt die Kirchen davor, sich zu sehr aus den Schulen zurückzuziehen. "Das Risiko, immer mehr Jugendliche aus ihren Reihen zu verlieren, ist groß", sagt er. Der Religionsunterricht dürfe deshalb nicht nur als Kostenfaktor betrachtet werden. Jeder einzelne Schüler sei wichtig. "Die Kirche sollte stattdessen versuchen, den Unterricht auch dann anzubieten, wenn die Gruppen nur klein sind", fordert Schindler. Die geplante Zusammenarbeit mit den Ethiklehrern befürwortet der Elternsprecher. Dieses Modell setze allerdings eine professionelle Ausbildung der Lehrkräfte voraus, so Schindler.