Forschungsanlage

Rot-Rot will Reaktor überprüfen

Erst am Morgen hat Gotthard Kerkau wieder Kondensstreifen am Himmel über dem Berliner Stadtteil Wannsee gesehen. "Die Flugzeuge fliegen hier über den Atomreaktor", sagt der 71 Jahre alte Architekt. Das macht ihm Angst.

Was passieren könnte, wenn einer der Flieger auf den Forschungsreaktor des Helmholtz-Zentrums Berlin stürzt, wagt sich Gotthard Kerkau nicht auszudenken. Auch ein herabfallendes Flugzeugteil könnte das Betondach des Reaktors zum Einsturz bringen, in das zehn Meter tiefe und mit Wasser befüllte Kühlbecken fallen und den Kern darin zum Schmelzen bringen. Das Betondach des Reaktors hält 75 Kilogramm pro Quadratmeter aus, dass entspricht dem Gewicht "einer hohen Schneedecke", sagt der erfahrene Architekt. Ein Unfall, das gibt auch Kerkau zu, ist nicht besonders wahrscheinlich. "Das heißt aber nicht, dass die Katastrophe unmöglich ist."

Bisher fliegen die Flugzeuge am Forschungsreaktor vorbei. Nur die Kondensstreifen am Himmel sehen so aus, als flögen die Maschinen unmittelbar darüber. Im Luftraum über dem wissenschaftlichen Gebäude ist Flugverbot. Das könnte sich jedoch bald ändern. Bei der Planung der Abflugrouten des neuen Flughafen BBI wurde der Forschungsreaktor nicht beachtet. Die Route mit Destinationen in nördlicher, östlicher und nordöstlicher Richtung (Noost) soll direkt über den Wannsee-Reaktor hinwegführen.

Terrorgefahr nicht vergessen

Am Montag soll in einer Sitzung der Fluglärmkommission über die Flugroute entschieden werden. Die Atomaufsicht des Landes, die zur Umweltverwaltung von Senatorin Katrin Lompscher (Linke) gehört, will nun ein Gutachten über die Sicherheit des Reaktors erstellen lassen. Derzeit liegt der Reaktor wegen Umbauarbeiten bis Mai still. Wann er den Betrieb wieder aufnehmen wird, ist unklar.

Eine ergebnisoffene Sicherheitsüberprüfung, ein "Stresstest" für den Forschungsreaktor, muss sein, das fordern nicht nur die Berliner Grünen. Trotz der Größenunterschiede müsse der Reaktor ebenso wie die 17 großen deutschen Atommeiler neu geprüft werden, sagt der SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz. "Im Unglücksfall droht eine radioaktive Verstrahlung der Umgebung über diverse Kilometer." Auch der wissenschaftspolitische Sprecher der Linken, Wolfgang Albers, hält eine Überprüfung für richtig. Er, der selbst innerhalb des Gebiets wohnt, das im Notfall evakuiert werden müsste, plädiert aber für mehr Gelassenheit. "Panikmache, um sich politisch Gehör zu verschaffen, halte ich für ganz falsch", so Albers. Er nannte den Reaktor "unverzichtbar" für den Berliner Forschungsstandort.

800 Mitarbeiter sind in Wannsee beschäftigt, mit Hilfe des Reaktors betreiben sie Materialforschung. Die Forscher beschießen Proben mit Neutronen. Das sind ungeladene Teilchen, die bei der Spaltung von Uran-Kernen entstehen. So können sie die Echtheit eines Gemäldes bestätigen oder einen Dinosaurier-Schädel untersuchen. Die dabei erzeugte Wärme von zehn Megawatt wird abgeführt und nicht zur Stromerzeugung verwendet. Ein durchschnittliches Atomkraftwerk hat eine 400-fach höhere Leistung.

"Natürlich geht Sicherheit vor Wissenschaft", sagt auch Linken-Sprecher Wolfgang Albers und sprach sich wie die SPD dafür aus, die BBI-Flugrouten nicht über den Reaktor zu führen. Carsten Wilke, umweltpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, warnte vor überzogenen Sicherheitserwartungen. "Ein Verbot würde Sicherheit vortäuschen, aber im Falle eines Terrorangriffs nützt es nichts." Während der Terrorwarnung in Berlin im vergangenen November war der Reichstag für Besucher gesperrt worden, am Forschungsreaktor in Wannsee galten keine verschärften Vorschriften.

Notfallplan für jeden Haushalt

Gotthard Kerkau kündigt an, gemeinsam mit der Bürgerinitiative Natura Havel gegen die Flugroute zu klagen, sollte sie beschlossen werden. Er hofft, dass "die Vorfälle in Japan den Menschen hier die Augen geöffnet haben." Den geltenden Notfallplan hält er für lückenhaft.

Darin steht, dass die Anwohner über Radio und Lautsprecherwagen im Falle einer Katastrophe informiert werden. Sie sollen Fenster und Türen verschließen und in den Räumen bleiben. Die Feuerwehr will an jeder Haustür Jodtabletten ablegen, die von den Anwohnern gemäß den Anleitungen auf dem Beipackzettel eingenommen werden sollen.

Hat sich eine von den Behörden als gefährlich eingestufte Menge radioaktiven Materials abgelagert, so wird die Zentralzone geräumt, die sich in einem 500-Meter-Radius um das frühere Hahn-Meitner-Institut zieht. Die Evakuierung kann bis auf die Umgebung von 2,5 Kilometer um den Reaktor ausgedehnt werden. Der Notfallplan gilt prinzipiell auch für die Mittelzone im Radius von vier Kilometern und die Außenzone im Radius von acht Kilometern. "Bei Südwestwind kann jedoch ganz Berlin radioaktiv kontaminiert werden", sagt Kerkau.

Sabine Michaelis, die von ihrem Balkon auf den benachbarten Reaktor schaut, weiß allerdings noch nicht mal mehr, wo sich ihr Exemplar des Notfallplans befindet. "Der letzte war vor zwei Jahren in der Post." Die Mitstreiterin von Gotthard Kerkau fühlt sich schlecht informiert. Auch über das Zwischenlager auf dem Gelände. Dort werden radioaktive Abfälle aus den Berliner Krankenhäusern gesammelt. "Manchmal ein bis zwei Jahre lang." Das Gebäude unterstehe nicht der Atombehörde - die Baugenehmigung der Lagerhalle entspräche einem normalen Industriebauwerk.

Ob das Zwischenlager gefährlich ist, kann Sabine Michaelis nicht beurteilen. "Das Schlimmste ist das Gefühl, keine sachlichen Angaben zu bekommen. Ich möchte, dass die Gesundheitsrisiken untersucht werden."