Interview mit Richard Hilmer

"Die SPD kann das Kräfteverhältnis wieder umkehren"

Berliner Morgenpost: Herr Hilmer, hält der positive Trend für die Grünen an?

Richard Hilmer: Wir hatten ja Beispiele in Baden-Württemberg und auch in Berlin, wo die Grünen sehr hoch lagen und dann peu à peu nach unten durchgereicht wurden. In Berlin lag das auch am unglücklichen Einstieg von Renate Künast. Aber das war vor Fukushima. Seit Japan hat sich alles verändert. Die Atomdebatte ist seitdem ganz oben. Solange das so bleibt und uns weiter Horrorbilder erreichen, werden die Grünen davon profitieren.

Berliner Morgenpost: Aber sind die Leute so vergesslich, dass sie im September nichts mehr von den Grünen wissen wollen?

Richard Hilmer: Jeder Wähler hat Themen und Einstellungen, die seine Wahlentscheidung beeinflussen. Wenn ein einziges Thema nun solch eine Bedeutung bekommt und alle anderen überlagert, dann verschiebt sich die politische Ordnung. Denn die Zeit der Stammwähler ist vorbei, die Leute wechseln und entscheiden je nach Thema nach den nun verlangten Kompetenzen und danach, wie die Parteien in diesem Feld aufgestellt sind. Und die Grünen haben nun mal für Umwelt, Klimaschutz und Anti-Atom-Positionen eine absolute Monopolstellung. In diesen Fragen gibt es ja inzwischen so etwas wie einen neuen Konsens. Die anderen Parteien müssen nachziehen. Aber die Grünen haben ganz klar einen Kompetenzvorsprung.

Berliner Morgenpost: Wie erklärt sich denn, dass Klaus Wowereit als Person an Sympathien gewinnen kann, seine Partei SPD aber Verluste erleidet?

Richard Hilmer: Das macht die Lage in Berlin ja so viel spannender als in Baden-Württemberg. Dort hatte Ministerpräsident Mappus auch als Person dem Trend bei Stuttgart 21 oder in der Atomfrage nichts entgegenzusetzen. Wowereit hingegen konnte seinen Vorsprung gegenüber Renate Künast noch leicht ausweiten. Die Frage ist: Wird Fukushima im Herbst noch eine Rolle spielen? Oder geht das Augenmerk mehr auf die Stadtpolitik, in der die Grünen zuletzt Schwächen gezeigt haben. Die SPD hat die Nase vorn, wenn es darum geht, wem die Menschen es zutrauen, den Regierenden Bürgermeister zu stellen. Insgesamt besteht für die SPD die berechtigte Hoffnung, dass sich das Kräfteverhältnis bis zum Herbst wieder umkehren kann.

Berliner Morgenpost: Geben Sie der CDU noch eine Chance?

Richard Hilmer: Die Union hat nach einem Zwischenhoch nach ihrem Parteitag wieder verloren. Sie hat das Problem, dass sie keinen bekannten Spitzenkandidaten hat, wie ihn Volksparteien aber brauchen, um die Breite der Themen abzudecken.