Volkspartei

Grüne müssen erstmals 60 Kandidaten nominieren

Als 122. und damit derzeit letzter Name auf der Liste steht Hartmut Bäumer. Der Geschäftsführer der Berliner Verbraucherschutzzentrale möchte am 18. September für die Grünen ins Abgeordnetenhaus einziehen. "Das ist kein Spaß", sagt Bäumer.

Mit seiner Kandidatur ist den Grünen ein weiterer personeller Coup gelungen. Am Wochenende wählt die Partei ihre Kandidaten für das Abgeordnetenhaus, und schon der Aufwand, den das Nominieren von rund 60 Anwärtern bedeutet, ist ein Zeichen dafür, dass die Grünen vor neuen Herausforderungen stehen.

Die Grünen haben angesichts der aktuellen guten Umfragewerte gute Chancen, die Wahlen zu gewinnen und mit Renate Künast die erste grüne Regierende Bürgermeisterin zu stellen. Nach dem jüngsten Berlin-Trend des Forschungsinstituts Infratest Dimap im Auftrag der Berliner Morgenpost und der RBB-"Abendschau" liegen die Grünen bei 28 Prozent, die SPD bei 26 und die CDU bei 21 Prozent. Die Linke kommt auf 15 Prozent, die FDP nur noch auf drei Prozent.

Doch der Weg zur Volkspartei ist lang. "Wir mussten erst lernen, das große Ganze zu denken", sagt Fraktionschefin Ramona Pop. Oder, wie es die neue Landeschefin Bettina Jarasch formuliert: "Mit Drogenpolitik allein kann man keine Wahl gewinnen."

Bald gibt es auch Hinterbänkler

Sollten sich die Umfragen auch am Wahlabend bestätigen, dann wird sich die Fraktion im Abgeordnetenhaus mehr als verdoppeln. Statt wie bisher 23 Abgeordnete im Parlament, wären es rund 50. Sollten die Grünen in die Regierung kommen, würden rund zehn der Abgeordneten wohl in den Senat wechseln - als Senatoren oder Staatssekretäre. Also werden mindestens zehn qualifizierte Nachrücker auf der Liste gebraucht. Deshalb suchen die Parteistrategen seit Wochen fieberhaft nach kompetentem Personal. "Zum ersten Mal werden wir uns mit dem Phänomen der Hinterbänkler auseinandersetzen müssen", sagt ein Parteifunktionär. Da kommt die Kandidatur Bäumers genau richtig. Der 62 Jahre alte Geschäftsführer war früher Fraktionssprecher der Grünen in Bayern, Regierungspräsident in Gießen, Sprecher der Grünen in Hessen und Chef einer Beratungsfirma. Bäumer steht wie die Kandidatin für das Bürgermeisteramt in Mitte, Ex-Gesundheitsministerin Andrea Fischer, für das neue Bild der Grünen als mehrheitsfähige Volkspartei.

Das sieht sogar der linke Parteiflügel so. "Wir müssen die Vielfalt der Stadt abbilden, inhaltlich und personell", sagt der Abgeordnete Dirk Behrendt. Durch den Wandel zur neuen Volkspartei sieht er den Einfluss der Parteilinken nicht gefährdet. Die Grünen seien schon in der Vergangenheit stark in Kreuzberg und Zehlendorf gewesen, obwohl sie inhaltlich verschieden aufgetreten seien.

Die Aufstellung der Kandidatenliste ist bei den Grünen kompliziert. Alle Plätze werden im Gegensatz zu den anderen Parteien einzeln auf einer Mitgliederversammlung abgestimmt - wie es auch früher bei einer kleinen Partei nie ein Problem war. An diesem Wochenende steht den Grünen daher ein Wahlmarathon bevor. Dabei gilt es nicht nur die Frauenquote zu berücksichtigen, sondern auch, dass jeder dritte Platz von einem Neuling besetzt werden muss. Besonders schwer fällt der Partei die Besetzung des dritten Platzes. Einen weiblichen Neuling so weit vorn zu platzieren birgt Gefahren. Vor fünf Jahren nahm Bilkey Öney diesen Platz ein, der mit einer großen Erwartungshaltung verbunden ist. Öney scheiterte und wechselte, von den Grünen enttäuscht, schließlich zur SPD.

Lange suchte die Partei deswegen nach einer prominenten Außenlösung von dem Format der ehemaligen EU-Kommissarin Michaele Schreyer. Offenbar vergeblich. Jetzt tritt die Chefin der Bezirksfraktion von Friedrichshain-Kreuzberg, Antje Kapek, an. Dass es ihr wie ihrer Vorgängerin ergeht, befürchtetdie 32-Jährige nicht. "Ich stehe für Stadtentwicklung, und das ist ein Kernthema der Grünen", sagt sie. Deshalb gehöre eine Stadtentwicklungspolitikerin vorn auf die Liste. Platz drei hinter Renate Künast und Fraktionschefin Ramona Pop beeindrucke sie nicht. "Ich glaube, wir bleiben alle auf dem Teppich", sagt Kapek.