Umfrage

Wowereit ist beliebt, seine Partei nicht

Das Ergebnis ist eindeutig: Klaus Wowereit liegt vorne, wenn es um die Sympathien der Berliner geht. Mehr Wähler als in den vergangenen Jahren zeigen sich mit seiner Arbeit zufrieden. Wenn es eine Direktwahl des Regierenden Bürgermeisters in Berlin gäbe, läge Wowereit mit 55 zu 30 Prozent vor der Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast und mit 67 zu 19 Prozent vor dem CDU-Landes- und Fraktionschef Frank Henkel.

Aber trotzdem: Die SPD hat im Berlin Trend des Monats April Stimmen eingebüßt. Zwei Prozent weniger als noch im Februar würden derzeit Wowereits Partei wählen, ergab die Umfrage von Infratest Dimap im Auftrag der Berliner Morgenpost und der RBB-"Abendschau". 26 Prozent erhielte Wowereits Partei und würde damit den ersten Platz im Berliner Parteiensystem wie schon im vergangenen Sommer an die Grünen verlieren. Die Öko-Partei befindet sich auch in der Hauptstadt in diesen Tagen auf einer Welle der Sympathie. Nach Siegen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz und den herausragenden Umfragewerten im Bund legt die Öko-Partei auch in Berlin um fünf Punkte zu und schafft im April 28 Prozent. Das wäre mehr als doppelt so viel wie bei der letzten Abgeordnetenhauswahl 2006.

Die CDU liegt bei 21 Prozent (minus zwei Prozentpunkte), die Linke kommt auf 15 (minus ein Prozentpunkt), und die FDP würde es mit drei Prozent nicht mehr ins Abgeordnetenhaus schaffen. Für den Berlin-Trend befragte Infratest Dimap vom 1. bis 4. April per Telefon 1000 wahlberechtigte Berliner.

Wieder einmal sind es die besser gebildeten Berliner, die überproportional für die Partei mit dem klarsten Anti-Atom-Kurs stimmen. Unter Menschen, die Abitur oder einen höheren Bildungsabschluss haben, sind die Grünen mit 36 Prozent in etwa doppelt so stark wie alle Konkurrenten. CDU (16 Prozent), SPD (19 Prozent) und Linke (17 Prozent) liegen bei den gut ausgebildeten Berlinern alle ungefähr auf dem gleichen Niveau.

Dafür haben die Grünen keinen guten Stand bei den weniger gebildeten Menschen. Unter den Berlinern, die nur über einen Haupt- oder Volksschulabschluss verfügen, würde nur jeder Zehnte die Grünen wählen. Für die CDU und die SPD entscheidet sich aus dieser Gruppe derzeit jeder Dritte.

Die Grünen profitieren auch davon, dass sie bei den Frauen deutlich besser ankommen als bei den Männern. Die Partei, die am konsequentesten von allen seit Jahren eine Frauenquote umsetzt und deshalb am meisten prominente Frauen in führenden Positionen bieten kann, wird von jeder dritten Berlinerin gewählt (31 Prozent) und liegt weit vor SPD (24) und CDU (21). Die Linken folgen mit 13 Prozent unter den Frauen, die FDP kommt beim weiblichen Geschlecht überhaupt nicht an. Nur eine von 100 Berliner Wählerinnen würde sich derzeit für die FDP entscheiden. Unter den männlichen Wählern liegt die SPD mit 29 Prozent vor den Grünen mit 24 und der CDU mit 22 Prozent. Die Linken folgen mit 16 Prozent, und die FDP überspringt unter den Männern gerade die Fünfprozenthürde.

Wie erklärt sich nun aber, dass Wowereit so populär wie noch nie erscheint und seine Partei dennoch Verluste einfährt und nur noch auf dem zweiten Platz in Berlin liegt? Das liegt daran, dass hinter Wowereit eine breite Lücke klafft in der SPD. Innensenator Ehrhart Körting ist zwar beliebt wie eh und je, taugt aber wegen seines Alters kaum als Hoffnungsträger für die Zukunft. Das Gleiche gilt für Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer. Bildungssenator Jürgen Zöllner wird unverändert überwiegend kritisch betrachtet, je eher die Befragten sich im Schüler- oder Elternalter befinden, desto schlechter sind Zöllners Werte.

Mehr Präsenz im Wahlkampf

Bleibt also nur Wowereit für die SPD. Offenbar hat es sich für ihn persönlich ausgezahlt, dass er im beginnenden Wahlkampf mehr Präsenz zeigt, sehr viele Termine wahrnimmt und sich in großen Interviews zu Wort meldet. Die Zahlen weisen darauf hin, dass Wowereit vor allem im Lager derjenigen gepunktet hat, die dennoch eher andere Parteien wählen würden als seine SPD. Mehr als 40 Prozent der CDU-Anhänger gaben Wowereit im April eine gute Note, im Februar hatten sich nur 27 Prozent der Unionswähler mit ihm zufrieden gezeigt.

Im Lager der Grünen hat der Anteil der Wowereit-Freunde um zehn Prozentpunkte zugelegt, Zuwachs gab es auch bei den Linken und unter den Nichtwählern. Wowereit als Person zieht also. Die Frage wird aber sein, ob dieser Effekt so groß ist, dass die Schwächen der SPD als Partei und der zuletzt negative Bundestrend der Sozialdemokraten wettgemacht werden.

Unklar ist, ob die Attacken Wowereits auf die Linken, den Koalitionspartner, zu dem positiven Bild des Spitzenkandidaten beigetragen haben. Wowereit hatte Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) die Verantwortung für die hohen Wasserpreise angelastet und gegen die von Arbeitssenatorin Carola Bluhm verantworteten Beschäftigungsprojekte für Langzeitarbeitslose polemisiert. An Wolf sind diese Angriffe offenbar spurlos vorübergegangen, durch seine Konter gegen Wowereit konnte er sogar punkten und legte in der Sympathieskala um drei Punkte zu. Carola Bluhm hingegen musste als einzige Spitzenpolitikerin Verluste in der Bewertung der Berliner hinnehmen (minus zwei Prozentpunkte). Ihrer Partei hat das nicht so sehr geschadet. Mit nur einem Prozentpunkt Verlust dürften die Berliner Linken angesichts des negativen Trends im Bund, den Wahlschlappen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sowie der anhaltenden Führungsmisere der Bundespartei ganz zufrieden sein. 15 Prozent wären mehr, als die Linke bei der Wahl 2006 erhalten hatte.

Dennoch macht die Umfrage auch deutlich, dass die Chancen für eine Fortsetzung der rot-roten Koalition derzeit eher schlecht stehen. Die SPD ist deutlich von ihrem Wahlziel 30 Prozent plus x entfernt, die Linke ihrerseits ist zu schwach, um das auszugleichen. Die Frage wird sein, wie lange die Diskussionen über die Atomenergie in Deutschland die Grünen beflügeln. Wie schnell sich der Wind in den Umfragen drehen kann, hat die Öko-Partei in den vergangenen Monaten erfahren. Vom Höhepunkt mit 30 Prozent im August 2010 rutschten sie in Berlin innerhalb eines halben Jahres auf 23 Prozent ab und mussten sogar um den zweiten Platz hinter der SPD fürchten, als die CDU gleichgezogen war.

Im April jedoch hat die Berliner CDU infolge des bundesweiten Trends ihrer Partei erneut an Zustimmung eingebüßt. Ihr Spitzenkandidat und Landeschef Frank Henkel konnte trotz einer aufwendigen Plakatkampagne nicht zulegen. Gegen Wowereit ist er aus Sicht der Wähler von einem Wettkampf auf Augenhöhe noch weit entfernt. Aber wenigstens im eigenen Lager etabliert sich Henkel mehr und mehr. Der Anteil der CDU-Wähler, die mit ihm zufrieden sind, stieg von 34 auf 45 Prozent.