Verkehr

Die "Mogelpackung" der S-Bahn

In drei Wochen will die Berliner S-Bahn wieder zum Regelfahrplan zurückkehren. Auf allen 15 Linien im 332 Kilometer langen Netz sollen Züge fahren, auch auf den seit fast fünf Monaten stillgelegten Linien S 45 (Schönefeld-Südkreuz) und S 85 (Waidmannslust-Grünau). Damit werde wieder die mit dem Senat vereinbarte Leistung erbracht, heißt es von der S-Bahn.

Hans-Werner Franz, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), bezeichnet die Ankündigung der Bahn als eine "Mogelpackung". Auf einem Großteil der Linien würden auch weiterhin Züge mit weniger Wagen als vor Beginn der S-Bahn-Krise eingesetzt. "Dadurch werden nur rund 85 Prozent des Angebots erbracht, das wir tatsächlich in der Stadt benötigen", sagte Franz dieser Zeitung.

S-Bahnchef Peter Buchner geht derzeit davon aus, dass zum Fahrplanwechsel am 13. Dezember etwa 480 Zwei-Wagen-Einheiten, sogenannte Viertelzüge, zur Verfügung stehen. Die S-Bahn will damit den regulären Fahrplan inklusive aller Verstärkerfahrten im Berufsverkehr anbieten - allerdings mit verkürzten Zügen, wie der S-Bahnchef einräumt. Für den vollen Betrieb benötigt das Unternehmen nach eigenen Angaben aber mindestens 552 Fahrzeuge. Derzeit läuft nach Buchners Angaben noch die genaue Abstimmung mit dem VBB, auf welchen Linien welche Kapazitäten angeboten werden.

Der Berliner Fahrgastverband Igeb wirft unterdessen der Bahn und dem VBB vor, bei der angekündigten Rückkehr zum Normalbetrieb "völlig falsche Prioritäten" zu setzen. Während bei der Anbindung von Schöneweide an den Südring und im gesamten Südosten nach wie vor Engpässe herrschten, würden weniger wichtige Linien bevorzugt bedient. Nach Spandau etwa reiche in der anhaltenden Notsituation ein 20-Minuten-Takt aus, sagt ein Igeb-Sprecher.

Der Fahrgastverband geht davon aus, dass der Fahrzeugmangel bei der S-Bahn noch lange dauern wird. "Von 100 Prozent Leistung sind wir meilenweit entfernt", so der Sprecher. Zudem fehle jegliche Reserve, um bei Engpässen oder Pannen reagieren zu können. Daran wird sich in absehbarer Zeit wohl auch nicht viel ändern. Denn schon jetzt ist klar: Die von Bahnvorstand Ulrich Homburg angekündigte Reaktivierung von zwölf bereits außer Dienst gestellten Zügen wird nicht vor Herbst nächsten Jahres erfolgen. Bislang hat die Bahn noch nicht einmal entschieden, wo die jahrelang unter freiem Himmel abgestellten Triebwagen der alten DDR-Baureihe 485 überhaupt instand gesetzt werden. "Wir prüfen derzeit, ob dies in einer Werkstatt der Deutschen Bahn oder extern erfolgen soll", sagte ein Bahnsprecher dieser Zeitung. Im zweiten Fall müsste der Auftrag, der mit einem Investitionsvolumen von etwa zwölf Millionen Euro kalkuliert ist, europaweit ausgeschrieben werden, was zusätzlich Zeit kostet.

Der Fahrgastverband fordert angesichts dieser Probleme vom Mutterkonzern Deutsche Bahn überzeugende Konzepte, um einen stabilen S-Bahn-Verkehr in Berlin und Brandenburg zu gewährleisten. Unter anderem müsse der Regionalverkehr auf der Stadtbahn dauerhaft verdichtet werden. "Die Bahn tanzt in der Welt herum", kritisiert der Igeb-Sprecher mit Blick auf die aktuellen Milliardengeschäfte des Konzerns im Emirat Katar. "Aber sie ist nicht in der Lage, in der deutschen Hauptstadt einen ordentlichen Verkehr anzubieten."

Statt mehr Züge fahren von heute an auf der Stadtbahn aber erst einmal deutlich weniger. Drei Wochen lang tauscht die Bahn die Schienen der Regional- und Fernbahntrasse zwischen Bahnhof Zoo und Ostbahnhof aus. Die Strecke ist bis zum 12. Dezember in wechselnden Abschnitten nur eingleisig befahrbar. Die Regionallinien RE 2, RE 7 und RB 14 werden im Stadtgebiet unterbrochen, Fernzüge teilweise umgeleitet. Die Fahrgäste sollen auf den gesperrten Abschnitten der Stadtbahn ausgerechnet auf die S-Bahn oder den Regionalexpress RE 1 ausweichen.

Und ein zusätzliches Restrisiko bleibt bei den Planungen des Fahrzeugeinsatzes Mitte Dezember. Wie viele Viertelzüge genau einsatzbereit sein werden, hängt laut Buchner immer noch vom Ergebnis der Messfahrten ab, die die S-Bahn vorgenommen hat, um die Belastbarkeit der Räder an den Zügen der modernsten Baureihe 481 zu ermitteln. Die Tests sind, wie berichtet, abgeschlossen. Auf die Auswertung wartet das Eisenbahn-Bundesamt bislang aber vergebens.