Immobilien

Tacheles-Auszug erkauft

Das Verwirrspiel um die Zukunft des Kunsthauses Tacheles an der Oranienburger Straße in Mitte geht in eine neue Runde. Nachdem am Montag die Zwangsversteigerung platzte, hat nur einen Tag später die Gruppe Tacheles die Kaufhausruine freiwillig geräumt.

Wie Tim Africa, der Ex-Sprecher der Gruppe, die vor allem die Gastronomie- und Kunstbereiche im Erdgeschoss nutzte, am Dienstag mitteilte, habe man als Entschädigung für den Auszug eine Million Euro erhalten.

Anonymer Geldgeber

Woher das Geld kommt, so der Sprecher der Gruppe Tacheles weiter, könne er nicht sagen. "Das Geld ist uns über eine Berliner Anwaltskanzlei angeboten worden", sagte Africa. Diese habe im Auftrag eines anonymen Geldgebers agiert. "Wir hatten tolle 21 Jahre im Tacheles. Aber wir sind erleichtert, dass der Kampf jetzt vorbei ist."

Auf dem Gelände rückten bereits Bagger an, die das Biotop im Hinterhof planierten. Das Café "Zapata", das Studio 54, die Galerie und das Kino sind verriegelt und "für immer geschlossen", wie Africa sagte. Von den Mitgliedern der Gruppe Tacheles sei lediglich die Metallwerkstatt geblieben. Betroffen von dem Auszug seien rund 80 Arbeitsplätze im Kunst- und Gastronomiebereich. "Wir wollen als Gruppe auch künftig zusammenbleiben, suchen jetzt eine neue Location", so der Sprecher weiter. Von der Million Euro werde aber vermutlich nicht viel übrig bleiben: "Uns drohen noch einige 100 000 Euro Nutzungsentschädigungen, die die HSH-Nordbank für die vergangenen zwei Jahre fordert."

Den überraschenden Auszug - schließlich hatten sich die Tacheles-Bewohner jahrelang gegen drohende Räumungen, Wasser- und Stromsperren immer wieder erfolgreich zur Wehr gesetzt - begründet Africa auch mit dem mangelnden Rückhalt der Politik. Zudem habe die Bank unmissverständlich klargemacht, dass ein Teilverkauf des Tacheles an die Nutzer nicht infrage käme.

Die HSH-Nordbank, die das Tacheles und das umgebende 25 300 Quadratmeter große Areal nach der Zahlungsunfähigkeit der früheren Eigentümerin verwaltet, wollte ursprünglich am Montag den Gesamtkomplex versteigern lassen. Der Verkehrswert ist mit 35 Millionen Euro angesetzt, Immobilienexperten rechnen jedoch damit, dass der Versteigerungserlös weit über dieser Summe liegen wird. Immerhin darf das Areal mit 83 000 Quadratmeter Geschossfläche bebaut werden.

Weil jedoch noch Vorgespräche mit Bietern liefen, sagte die Sprecherin der Bank, Gesine Dähn, habe man den Termin aufheben lassen. Mit der Zahlung der Million habe man jedoch nichts zu tun, versicherte Dähn: "Wir haben nicht gezahlt." Der Vorgang sei aber sicherlich "eine spannende Entwicklung", von der man aber keinerlei Kenntnis habe. Der überraschende Auszug einer der beiden Nutzergruppen, so die HSH-Sprecherin weiter, ändere aber nichts daran, dass man nach wie vor das gesamte Areal an den Meistbietenden versteigern wolle. Der schnelle Baggereinsatz auf der Freifläche und die Versiegelung der geräumten Gastronomiebereiche habe der vom Gericht bestellte Zwangsverwalter veranlasst.

Verein will weiter kämpfen

Die Kaufhausruine mit ihren rund 30 Ateliers und Werkstätten sowie Theater, Kino und Cafés wurde bislang von zwei nahezu gleich großen, jeweils rund 50 Personen zählenden Gruppen genutzt, die seit Jahren miteinander verfeindet sind. Während nun die Gruppe Tacheles aufgegeben hat, ist der Verein Tacheles, der vor allem die oberen Etagen mit den Ateliers sowie das Theater vertritt, weiter aktiv. "Wir sind Künstler, wir haben kein Geld erhalten, und wir sind auch nicht käuflich", so Linda Cerna, Sprecherin der Gruppe. Rund 80 Künstler würden in den Ateliers "fleißig weiterarbeiten", Ausstellungen, Theateraufführungen und andere Events würden wie geplant stattfinden. "Das Tacheles ist alles andere als tot", so Cerna. Der Verein hoffe, dass die Stadt Berlin doch noch ihrer Verantwortung gerecht werde und die Immobilie übernehme.

Der Senat betonte immer wieder, dass das Land das Areal nicht übernehmen wolle. Zum einen habe man dafür das Geld nicht, so Thorsten Wöhlert, Kultur-Sprecher des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD). Zudem sei die Zukunft der Kaufhausruine als Kulturstandort über Verträge gesichert.