Demonstration

Junge Lehrer kämpfen mit den älteren

Der Menschenstrom auf dem Boulevard Unter den Linden scheint kein Ende zu nehmen. Es dauert eine halbe Stunde, bis der Zug aus Demonstranten, weißen Ballons und Plakaten an den Passanten vorüber ist und noch länger, bis die Autos wieder fahren dürfen.

Aus Solidarität mit ihren älteren Kollegen haben am Dienstag mehrere Tausend Lehrer demonstriert. Nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nahmen an dem Warnstreik rund 6 000 Pädagogen teil. Viele hatten Banner und Plakate dabei. "Lehrer alt und krank - Vielen Dank!" war da zu lesen oder "Arbeitszeit verkürzen - Altersermäßigungen für Lehrer, auch in Berlin". Die Berliner GEW-Chefin Rose-Marie Seggelke sagte auf der Abschlusskundgebung, dass besonders die älteren Lehrkräfte überlastet und ausgelaugt seien. Sie forderte eine Stundenermäßigung für Lehrer, die älter als 55 Jahre sind.

Konsequenzen angedroht

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) reagierte mit Unverständnis auf die Aktion, die er für rechtlich unzulässig hält. Der Senat habe die Arbeitsbedingungen der Lehrer bereits verbessert, sagte Zöllner. Dauerkranke Lehrer würden ersetzt, für kurzfristig erkrankte Pädagogen könnten Vertretungskräfte eingekauft werden. Auch bekämen Schulen in sozialen Brennpunkten eine bessere Lehrerausstattung.

Paul Schuknecht, Vorsitzender der Vereinigung der Berliner Schulleiter, bezeichnete diese Maßnahmen als wichtig, fügte aber hinzu, dass dennoch häufig kein Ersatz zu finden sei, weil es nicht genug Lehrer gebe. "Die große Zahl der streikenden Pädagogen ist ein deutliches Zeichen dafür, dass etwas passieren muss", sagte Schuknecht. Er forderte, die Unterrichtsverpflichtung der Lehrer zu senken. Nur dann seien diese in der Lage, die vielen zusätzlichen Verpflichtungen zu bewältigen. Dazu gehörten erheblich mehr erzieherische Aufgaben wie Gespräche mit Eltern und Ämtern, eine umfänglichere Betreuung der Schüler und die Auswertung von deutlich mehr zentralen Testverfahren sowie mehr Konferenzen und Teamsitzungen. "Wir brauchen dringend eine Arbeitszeitdebatte", forderte Schuknecht.

Senator Zöllner wies indes daraufhin, dass verbeamtete wie angestellte Lehrkräfte im Gegensatz zu den meisten anderen Berufsgruppen immer die Möglichkeit hätten, ihre Arbeitszeit zu reduzieren und Teilzeit zu beantragen. Bei einer Unterrichtsstunde weniger in der Woche würde sich zum Beispiel bei einer Grundschullehrerin das monatliche Bruttoeinkommen von 3235,26 Euro um einen Betrag von 115,55 Euro verringern und bei einem Gymnasiallehrer von 4051,68 Euro um 144,70 Euro, rechnete Zöllner vor.

Aus Sicht der GEW jedoch sind mehr als 1500 dauerkranke Pädagogen ein Beweis für die seit Jahren zu hohe Arbeitsbelastung. Der Senat müsse deshalb seine Blockadehaltung aufgeben, damit Berlin nicht länger als einziges Bundesland älteren Lehrkräften Möglichkeiten zur Entlastung vorenthalte - zum Beispiel durch Stundenreduzierungen, forderte GEW-Chefin Seggelke.

Zu den Teilnehmern des Streiks gehörte am Dienstag auch Ronald Otto. Der 52 Jahre alte Berufsschullehrer ließ sich von einer Strafandrohung der Bildungsverwaltung nicht beeindrucken. Er nehme auch einen Eintrag in die Personalakte in Kauf, sagte er. "Wenn Zöllner denkt, dass er uns bestrafen muss, soll er das machen." Die Zustände an Berliner Schulen seien jedoch Strafe genug. "Ich soll arbeiten, bis ich über 66 Jahre alt bin. Aber ich merke seit meinem 50 Geburtstag, dass meine Leistungsfähigkeit zurückgeht", sagt der Sportlehrer von der Annedore-Leber-Oberschule in Schöneberg. Mit Erfahrung könne er das nicht ausgleichen. Wenn er sein Arbeitspensum zurückfahre, dann verdiene er auch weniger. Altersteilzeit stehe ihm nicht zu. Im nächsten Schuljahr müsse er zudem Klassen unterrichten, in denen Kinder mit ganz unterschiedlichem Förderbedarf säßen. "Wir bekommen kein Konzept, keine Hilfe und auch nicht mehr Lehrkräfte, um die neue Herausforderung zu bewältigen." Teilweise arbeite er bereits jetzt - Unterricht, Vorbereitung und Korrekturen von Schülerarbeiten zusammengenommen - bis zu 50 Stunden pro Woche, so Otto.

Extrem hoher Krankenstand

Junge Lehrer haben sich ebenfalls am Streik beteiligt. "Wir bekommen es ja ab, wenn ältere Kollegen wegen Krankheit ausfallen", sagte Kathrin Golnik. Die 31 Jahre alte Angestellte unterrichtet an der Charlotte-Salomon-Grundschule in Kreuzberg förderbedürftige Kinder in Mathematik und Musik. In schwierigen Zeiten seien bis zu zehn Lehrer krankgeschrieben. "Da der Unterrichtsausfall so hoch ist, stehe ich dann oft alleine vor einer Förderklasse, die eigentlich von zwei Lehrern unterrichtet werden soll." Kathrin Golnik ist zwar die Jüngste in ihrem Kollegium. Kurz vor den Ferien geht aber auch sie "auf dem Zahnfleisch".

Überaltert ist auch das Kollegium im Oberstufenzentrum Lotis in Tempelhof. "Zehn bis 15 Prozent der Lehrer sind durchschnittlich im Krankenstand", sagte Thomas Schmidt. Der 62-Jährige hat dabei noch Glück. Er profitiert vom bis zum Jahr 2009 geltenden Modell der Altersteilzeit. Er hat seine Wochenarbeitszeit von 55 Stunden auf 35 Stunden reduziert und bekommt noch 75 Prozent seines ursprünglichen Gehalts.

Die Schüler unterstützen den Lehrerstreik. Laut Schülervertreter Rene Kiesel vom Oberstufenzentrum für Bürowirtschaft in Lichtenberg wollen sie zeigen, "dass die Unterrichtsbedingungen der Lehrer letztlich die Lernbedingungen der Schüler" sind. Die GEW wartet nun auf eine Reaktion vom Bildungssenator. "Ansonsten werden wir noch einen draufsetzen", kündigte GEW-Chefin Seggelke an.