Tacheles

Ist das Kunst oder kann das weg?

Der Tag, an dem in New York zwei Flugzeuge in das World Trade Center flogen, stürzte auch im Tacheles etwas ein, das über Jahre gewachsen war: Freundschaft, Zusammengehörigkeitsgefühl und in einem Fall sogar Liebe.

Ludwig Eben, Chef des Cafés "Zapata" im Erdgeschoss des Tacheles, erzählt von seinem ganz persönlichen 11. September 2001. Das war der Tag an dem Martin Reiter, Vorstand im Tacheles e.V., das Theater für tot erklärt hatte. Die Aufführungen, wie sie bisher gelaufen waren, sollten nicht mehr stattfinden. Das Tacheles-Theater übernahmen andere Leute. Nur wenige Stunden, nachdem Martin Reiter über das Theater neu bestimmt hatte, kam jemand in Ludwig Ebens Büro gestürmt und erzählte von den Flugzeugen in New York. Dieser Tag brachte Krieg in mehrere Länder und im Tacheles brach ein Krieg zwischen Martin Reiter und Ludwig Eben aus, der bis heute das Tacheles in "Oben" und "Unten" trennt.

Oben, das sind die graffiti-bunten, nach Urin riechenden fünf Stockwerke, in denen 24 Stunden am Tag Touristen das Berlin der 90er-Jahre fotografieren und nachts Drogen verkauft werden. Im vierten Stock hat die "Trash"-Künstlerin A.F. Adler die Kunstinstallation "Atommüllendlager" installiert. Dazwischen gibt es Boutiquen für handgemachte Armreifen und Ohrringe, eine Galerie mit moderner Kunst aus aller Welt, den Theatersaal und gleich daneben das hoffnungslos vermüllte Büro von Martin Reiter.

Unten besteht aus einem mit Gemälden behängten Restaurant "Studio 54", einer bunten Strandbar im Hof, dem Biotop "Maggies Farm", einem Ausstellungsgelände mit überlebensgroßen Außerirdischen aus Metall, dem Kino "High End 54" - sowie Ludwig Ebens Café "Zapata", das auch am Tag wie eine Höhle wirkt. Kaum zu glauben, dass Reiter und Eben einmal dicke Freunde waren, dass eine von Ebens Mitstreiterinnen sogar in Reiters Bett geschlafen hat.

Diese Geschichte von zerbrochener Freundschaft dauert mittlerweile zehn Jahre. Sie will nicht ganz zu dem bunten Gebäude passen, das am Ende der Oranienburger Straße steht und bis heute als eine der berühmtesten Touristen-Attraktionen der Stadt vermarktet wird. Rund 300 000 Menschen besuchen das Haus pro Jahr. Denn das Kunsthaus Tacheles ist seit 21 Jahren mehr als eine Ruine mit Metallgorilla am Eingang. Es ist zu einem Symbol geworden für etwas, das immer zu Berlin gehört hat: Das Besetzen von Freiräumen, in denen Menschen 24 Stunden am Tag das tun können, was sie möchten.

Die Künstler kamen im Jahr 1990 in die Ruine, die in den 90 Jahren davor als Einkaufszentrum und "Haus der Technik" gedient hatte. Durch ihre Besetzung verhinderten sie die Sprengung und in den Jahren darauf bauten sie den Ruf des Tacheles zu einem internationalen offenen Kulturhaus aus. Noch heute hat das Haus viele Unterstützer: Loveparade-Gründer Dr. Motte, Schauspieler Ben Becker, Sänger Tim Fischer sowie Politiker, wie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und der Grüne Christian Ströbele. Das Tacheles wird ein Thema für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im September sein, egal, was von der Kunst zu halten ist, dem Streit "Oben gegen Unten" und dem stinkenden Treppenhaus. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie Berlin Mitte ohne das Tacheles aussehen würde.

Für beide Streitparteien wäre es höchste Zeit, sich zusammenzuschließen, wo das gesamte Haus bedroht ist. Denn am Montag werden die 25 300 Quadratmeter, auf denen das Kunsthaus Tacheles steht, versteigert. Im Amtsgericht in der Littenstraße 12, Saal 208/209, um 10.30 Uhr. Dort soll der Streit einmal keine Rolle spielen. Waffenstillstand, denn es geht um Immobilien und viele Millionen Euro.

Wie ernst die Tacheles-Bewohner allerdings die Stimmung zwischen sich und der Finanzwelt wahrnehmen, konnte man am vergangenen Montag in einem kleinen improvisierten Theaterstück sehen.

Hawaii-Hemd gegen Kapuzenpulli

Vor dem Spreedreieck, dem ehemaligen Tränenpalast neben dem Bahnhof Friedrichstraße bauten die Tacheles-Künstler einen Boxring auf. Zwei verkleidete Tacheles-Mitglieder mit Boxhandschuhen traten in die Arena und hüpften sich warm. Auf der einen Seite die "HSH Nordbank", die das Gelände am Montag versteigern wird, mit Sonnenbrille und Hawaii-Hemd. Auf der anderen Seite das "Kunsthaus Tacheles" mit Kapuzenpulli und Karnevalsmaske. Martin Reiter rief in ein Mikrofon: "Wir begegnen der drohenden Räumung mit Kunst, Kultur und Kreativität!" Mit seinem Fünf-Tage-Bart und den schulterlangen Locken entspricht er dem Bild eines politisch bewegten Künstlers. "Wenn das Tacheles geschlossen wird, werden diese Künstler heimatlos durch die Stadt marodieren - das will niemand!" Es klang wie eine Drohung.

Immerhin: Der Ort war gut gewählt. Vor zwei Jahren spielte sich hier etwas ab, das einen unvorsichtigen Umgang mit Berlins historischen Gebäuden andeutet. Hier, wo einst im "Tränenpalast" sich Ostberliner zum letzten Mal vor der Reise in den Westen verabschiedeten, baute ein Investor ein zehngeschossiges Bürogebäude, das obendrein zu einem Millionengrab für den Senat wurde. Mehr als 20 Millionen Euro sollen noch draufgezahlt worden sein, unter anderem wegen Schadensersatzforderungen der Mieter auf der anderen Straßenseite. Ein Untersuchungsausschuss hat bis heute keine befriedigenden Antworten gefunden.

Vor diesem Gebäude also fand am Montag der Boxkampf statt zwischen HSH Nordbank und Tacheles. Nach fünf Minuten ging die Bank zu Boden. Das Tacheles gewann. Anschließend legten sich die rund 40 Künstler, die gekommen waren, noch einmal symbolisch auf den Boden vor das Spreedreieck. Martin Reiter rief in das Mikrofon: "Die Kunst stirbt, wenn Berlin nicht handelt!" Er forderte die Stadt auf, die 25 300 Quadratmeter zu kaufen, damit diese Art der Bebauung verhindert werde. Wenn Martin Reiter über das Spreedreieck und das Tacheles spricht, nennt immer wieder den Namen eines Investors: Harm Müller-Spreer, denn er kommt immer wieder ins Spiel, wenn es um das Tacheles geht.

Sein Büro liegt 255 Kilometer entfernt in einem zwölfgeschossigen Backsteinbürohaus an der Hamburger Domstraße. Müller-Spreer selbst hat öffentlich dementiert, am Tacheles interessiert zu sein. Fünf Tage vor der Versteigerung in Berlin sagt er noch einmal: "Ich werde nicht auf das Grundstück bieten, solange die Verhältnisse nicht geklärt sind." Doch schon diese Einschränkung lässt anklingen, dass er unter bestimmten Umständen sich doch für das Gebäude interessieren würde. Schließlich war er selbst oft vor Ort und hat sich mit dem Kunsthaus intensiv beschäftigt. "Mit Kunst hat das dort gar nichts zu tun", sagt er. Viel eher würden die Künstler dort immer die "Karte Kunst" spielen, obwohl sie seit Jahren mietfrei in einem Haus mitten in Berlin Geld verdienten.

Die Sache mit der Miete ist in der Tat kompliziert und führt letztlich wieder zurück zum Streit zwischen Oben und Unten, zwischen Martin Reiter und Ludwig Eben. Doch der Reihe nach: Im Jahr 1998 übernahm die Fundus-Gruppe das Gebäude vom der Bundesrepublik Deutschland. Mit dem eingetragenen Verein Tacheles, der seit 1990 in dem Gebäude war, vereinbarten sie eine symbolische Miete von einer D-Mark, später 51 Cent. Als die Fundus-Gruppe aber in zehn Jahren trotz rund 100 Millionen Euro Investitionsanleihen und mehrerer Baupläne nichts auf den 25 300 Quadratmetern baute, übernahm die Gläubigerbank, die HSH Nordbank, das Gelände wieder. Sie beendete das 51-Cent-Mietverhältnis mit dem Verein. Seit Ende 2008 gibt es demnach keinen Mietvertrag und die Künstler und Kneipenwirte zahlen nur noch Betriebskosten. Nachdem dann noch der Verein Ende 2010 Insolvenz anmeldete, gibt es auch keinen klaren Ansprechpartner für das ganze Haus mehr. Doch mehrere Versuche seitens der Bank, eine Räumungsklage gegen das Tacheles durchzusetzen, scheiterten.

"Wer nicht zahlt, fliegt raus"

Harm Müller-Spreer ist sich trotzdem sicher: "Die Tacheles-Leute sitzen da und denken, sie werden nicht geräumt", sagt er. "Wir leben aber in einem Rechtsstaat, in dem Eigentum etwas gilt." Dem Argument, dass eine Räumung des international beliebten Kunsthauses schwierig sei, entgegnet er, dass die Räumung sogar leichter sie als bei einem Wohnhaus wie der Liebigstraße. Es seien nur Arbeitsräume. "Das Tacheles steht innerhalb der Regierungsbannmeile, da wird nicht lange gefackelt." Das habe nichts mit einem Vertreiben von Kunst zu tun. Sondern es gehe hier um Mietkosten. "Wenn jemand seine Miete nicht zahlt, fliegt er raus."

Ludwig Eben aber hat für sein "Zapata" im Erdgeschoss lange Zeit sehr wohl Miete gezahlt, rund 3000 Euro im Monat, an den Tacheles e.V. "Das war ja die Grundidee von Anfang an, dass die Gewerbe im Erdgeschoss die Kunst in den oberen Stockwerken querfinanzieren." Doch als am 11. September 2001 der Streit begann und Martin Reiter von Oben die Mieteinnahmen für die Prozesskosten benutzte, stellte Eben von Unten die Zahlungen ein. "Ich bezahle doch nicht meinen eigenen Untergang." Das war im Mai 2002. Von da an finanzierte er nur noch Renovierungen im unteren Bereich und die eigenen Prozesskosten.

Am liebsten würden die beiden Betreiber Reiter und Eben ihren Streit überhaupt nicht so sehr erwähnt wissen, auch wenn er letztlich schuld daran ist, dass es das Gebäude heute so schwer hat. Über die Jahre entlud er sich in ausgetauschten Türschlössern, in wiederholten Anzeigen bei der Polizei, in übler Nachrede. Sogar der Vorwurf der Körperverletzung steht im Raum. Eine Rippe war gebrochen. Doch die Kontrahenten, inzwischen fast alle zwischen 45 und 50 Jahren alt, haben ein selbstironisches Lächeln auf den Lippen, wenn sie von diesen Kämpfen erzählen, so als könnten sie selbst nicht glauben, dass sie sich verhalten wie Bewohner einer Kleingartensparte mit Maschendrahtzaun.

Ludwig Eben sagt, er habe immer Gesprächsangebote gemacht. Martin Reiter sagt, er spreche nicht mit jemandem, dessen Profitgier die Philosophie des Tacheles infrage gestellt habe. "Wir wollen ein offenes Haus sein", sagt Reiter, "dazu passt es nicht, von Touristen drei Euro Eintritt für den Hof zu verlangen, Türsteher zu engagieren und Pubcrawls zu veranstalten." Den letzten großen Streit gab es dann vor zwei Jahren, als der Eigentümer plötzlich den Wasseranschluss des Tacheles kündigte. Für alle von Oben ist klar: "Die Gewerbetreibenden Unten haben uns das Wasser abgestellt."

Die Fraktion Unten wollte mit Martin Reiter darüber reden, aber der installierte lieber eine Regenwasseranlage. So wurde Nutzwasser für die Künstler gesichert. Zum Pinsel- und Händewaschen, einige kochen sich auch Tee damit. Reiter nennt seine Anlage einen "kreativen Umgang mit der Krise" und fügt an: Auch für die Stromversorgung sei im Notfall gesorgt.

Dieser Wasserstreit ließe sich übertragen auf andere Probleme, die zwischen den beiden Parteien noch immer hin und her geschoben werden. Wer ist an dem Müllproblem Schuld? Oben und Unten fällt Müll an, der abtransportiert werden muss, bevor die Ratten ihn entdecken. Wer ist schuld daran, dass es im Treppenhaus nach Urin stinkt? Keine der Parteien will einen Sicherheitsdienst engagieren. Und: Wer ist Schuld daran, dass nachts in und um das Gebäude Dealer offen Drogen verkaufen? Schließlich riecht es Oben wie Unten nach Marihuana.

All diese Probleme wurden jahrelang ignoriert, auch von der Stadt - was schließlich dazu führte, dass sich im Grunde niemand mehr wirklich für das Kunsthaus begeistert, bis auf die jungen Berlin-Touristen, die hier den 90er-Jahre-Charme finden, dem sie im Pfefferberg oder der Kulturbrauerei nur noch als Zitat begegnen. Das Tacheles liegt im Grunde nicht mehr in Berlin sondern in einer Stadt namens "Berlino", "Berlijn" oder "Berlín". Das steht auf den Reiseführern, die Besucher in der Hand halten, wenn sie nach dem "Täkless" suchen.

Die Künstler im Tacheles stört das nicht. Sie freuen sich vielmehr über das internationale Flair und versuchen, bei dem Streit nicht zwischen die Fronten zu geraten. So wie A.F. Adler, die streng genommen zur Fraktion Oben gehört. Die selbst ernannte "Trash-Künstlerin" trägt stumm ihr Trinkwasser in ihr Atelier im vierten Stock. "Außerdem habe ich eine Abmachung mit dem Imbiss Dada-Falafel von gegenüber." Dort geht sie essen und auf die Toilette. Ins "Zapata" oder "Studio 54" geht sie nicht gern. "Da fühle ich mich nicht wohl."

Adler arbeitet vor allem mit Müll, bastelt ihre Kunstwerke aus Dingen, die andere wegwerfen. Ihre Müll-Skulpturen wurden schon in München und New York ausgestellt. Und sie stehen im Tacheles im vierten Stock. Gerade bereitet sie ein Kunstwerk vor, das Atomendlager heißt. Das sei gerade jetzt sehr zeitgemäß. "Hierher können dann Leute kommen und mir ihren Atommüll bringen - ich trenne ihn in seine Bestandteile Plutonium, Strontium, Cäsium und Jod."

Die Berliner Kunstwelt allerdings hat sich in den vergangenen Jahren immer weniger für solche Projekte im Tacheles interessiert. Die Galeristin Nicole Hackert, die mit Künstlern wie Daniel Richter und Jonathan Meese arbeitet, war schon lange nicht mehr im Tacheles. Für sie ist das Haus zu einem "Alternativzoo" geworden. Sie selbst hat lange in Mitte ein Haus besetzt und dort die Kunstszene verfolgt. Die Partys im Tacheles hätten Spaß gemacht, im Kino habe sie gern Filme gesehen, aber künstlerisch habe das Haus seit dem Ende der 90er-Jahre stark an Bedeutung eingebüßt. "Das Tacheles ist als Teil der Selbstverwirklichungsindustrie vielleicht wichtig", sagt sie, "aber mir fällt kein Künstler ein, der von dort kommt und später eine Bedeutung hatte."

Che Guevara für 360 Euro

Nicole Hackert stellt ihrer Kritik einen Halbsatz voran, der auch bei Harm Müller-Spreer anklingt, wenn er über das Tacheles redet: "Ich will nicht wie ein Spießbürger klingen, aber..." Der Galeristin ist bewusst, dass sie den etablierten Kunstmarkt repräsentiert - den der Tacheles-Vorstand Martin Reiter vehement ablehnt. Er sagt, Kunst solle nicht für einen Markt produziert werden, sondern Ausdruck von "Wahrnehmung und Reflexion" sein. Der kreative Prozess werde durch den Verkaufszwang zu sehr beeinflusst. Kritik am Tacheles fühlt sich dann immer auch an wie ein Argumentieren für eine Welt, in der Immobilienpreise und Räumungsklagen regieren.

Doch andererseits: Im Tacheles ging es von Beginn an um "die Kohle", wie es die Betreiber nennen. Es wurde als Einkaufszentrum gebaut und auch heute hängen überall im Haus Preisschilder an den Kunstwerken. Eine selbst gemalte Postkarte eines auffällig stillen Japaners im dritten Stock kostet 5 Euro. Ein großer Druck von Che Guevara, der mit Motorrad durch Berlin düst, kostet 360 Euro. Und wegen der fotografierenden Touristen hängen überall im Kunsthaus Tacheles Hinweisschilder: "1 Euro please". Auch im Kunsthaus gibt es nichts umsonst. Für ihre Ateliers bezahlen sie schon jetzt einen anteiligen Beitrag zu den Betriebskosten, die Künstlerin A.F. Adler zum Beispiel pro Monat zwischen 150 und 200 Euro.

Wenn das Gelände, auf dem das Tacheles steht, am Montag, 10.30 Uhr, versteigert wird, dann werden sich solche Preise nicht halten lassen. Aber wie Torsten Wöhlert, der Sprecher der Senatskulturverwaltung im Roten Rathaus angekündigt hat, kann der Kunstort erhalten werden. Das Tacheles stehe unter Denkmalschutz und sei ohnehin im Bebauungsplan als Kulturstandort festgelegt.

Die beiden Betreiber-Parteien Martin Reiter von der Fraktion Oben und Ludwig Eben von der Fraktion Unten aber glauben gar nicht, dass es wirklich zu einer Versteigerung kommt. Martin Reiter vermutet, dass die HSH Nordbank noch kurz vorher die Versteigerung absagt und das Gelände an einen Investor verkauft - oder dass vielleicht die Stadt Berlin doch einspringt. Ludwig Eben wiederum hofft, dass eine Klage, die er gegen das Finanzministerium und Wolfgang Schäuble gerichtet hat, vielleicht eine Wende herbeiführt. Dann müsste das Gelände zurück an den Bund gehen und die von Eben gegründete "Gruppe Tacheles" könnte das Gelände erwerben. Einen Geldgeber haben sie. Den zu finden war nicht schwer, es geht schließlich um "das Tacheles".

Während Eben und Reiter sich noch gegenseitig beschuldigen und getrennt voneinander Zukunftspläne schmieden, hält eine Person noch an dem alten Tacheles-Geist fest. Von all dem Ärger um Immobilienpreise und einem endlosen 11. September will er nichts wissen. Olivier Putzmann interessiert sich nur für sein kleines Biotop. Es heißt "Maggies Farm" und liegt mitten in der brachliegenden Fläche zwischen Oranienburger Straße und Friedrichstraße an. Wenn die Sonne scheint, ist er dort immer anzutreffen, gut gelaunt, mit Cola oder Cuba Libre in der Hand.

Er hat diese Fläche selbst entmüllt, einen Teich angelegt, an dessen Ufer jetzt Frösche, Molche und Heidelibellen leben. Er ist stolz auf jeden Blutweiderich oder Igelkolben, der hier in Sichtweite zum Friedrichstadtpalast blüht. Wie viele Quadratmeter sein Gelände umfasst, weiß er nicht. Es ist ihm auch egal. Für ihn ist das Tacheles "der letzte Ort in Berlin, wo man sehen kann, dass Leben ohne staatlichen Eingriff funktioniert". Wer ihn auf den Streit "Oben gegen Unten" anspricht, bekommt etwas von "Ying und Yang" zu hören. Als wäre der Streit auch zu etwas gut.

Olivier Putzbach will auf jeden Fall weiter bauen an seinem Biotop. Bis zum letzten Moment. Das Leben, sagt er, sei zu kurz für eine Pausentaste. Als nächstes will er den Wasserfall verbreitern. "Dann ist das Rauschen noch stärker zu hören", sagt er. "Das ist beruhigender."

"Das Tacheles ist ein Spiegel der Gesellschaft, den jede Stadt vertragen könnte. Wer hier war, hat etwas hier gelassen oder mitgenommen. Vor allem: Jeder kann sich hier eine Sehnsucht erfüllen."

Ludwig Eben und Katrin Maßmann von der "Gruppe Tacheles"

"Das Tacheles ist der letzte Ort in Berlin, wo das Leben auch ohne staatlichen Eingriff funktioniert."

Olivier Putzbach, Erbauer von "Maggie's Farm"

"Das Tacheles darf kein zweiter Tränenpalast werden. Es muss ein Ort für internationale Kunst bleiben."

Martin Reiter und Linda Cerna, vom "Kunsthaus Tacheles"