Immobilien

Noch gehört das Tacheles den Künstlern

Während sich vor dem Amtsgericht Mitte an der Littenstraße am Montagmorgen rund 50 Künstler versammelten, um gegen die Zwangsversteigerung der zum Kunsthaus Tacheles umfunktionierten Kaufhausruine an der Oranienburger Straße zu protestieren, hatte die Gläubigerbank längst neue Fakten geschaffen.

Eine Stunde vor dem angesetzten Termin bat die HSH-Nordbank den Amtsgerichtspräsidenten per Fax um die Aufhebung des Termins. "Das Verfahren wird wunschgemäß unterbrochen und erst dann fortgesetzt, wenn die Bank dies beantragt", so die zuständige Rechtspflegerin Anne Füssel. Gründe für den Aufhebungswunsch habe die Bank nicht genannt: "Das ist aber auch nicht notwendig", so Füssel weiter. Für das von der Zwangsräumung bedrohte Künstlerhaus ist damit weiter völlig offen, wie es nun weitergehen soll.

Als Etappensieg mochten die Tacheles- Aktivisten die Aufhebung der Zwangsversteigerung jedoch nicht feiern. Im Gegenteil: "Wir sehen darin nur ein Indiz, dass der Investor, ein künftiger Tacheles-Mieter und die Politik in illegaler Weise im Hinterzimmer ein typisches Berliner Klüngelgeschäft abgeschlossen haben", so Martin Reiter, Vorstand im Verein Tacheles. So sei eben der Hamburger Investor Harm Müller-Spreer im Auto vorbeigefahren. "Wir vermuten deshalb, dass der Verkauf an Müller-Spreer längst besiegelt ist", so Reiter.

Der Hamburger Immobilienentwickler, dem seit Jahren ein gesteigertes Interesse an dem Innenstadt-Areal in bester Mitte-Lage nachgesagt wird, reagierte überrascht. "Herr Reiter leidet wohl an Paranoia. Ich sitze in meinem Hamburger Büro und bin weit davon entfernt, für ein besetztes Haus zu bieten, in dem solche Scharlatane wie Herr Reiter das Sagen haben", sagte Müller-Spreer der Berliner Morgenpost.

Die HSH-Nordbank, die das Tacheles und das umgebende Gelände nach der Zahlungsunfähigkeit der früheren Eigentümerin verwaltet, wollte ursprünglich am Montag nach jahrelangen Auseinandersetzungen das insgesamt 25 300 Quadratmeter große Areal im Paket versteigern lassen. Verkehrswert: 35 Millionen Euro. Die Kaufhausruine mit ihren rund 30 Ateliers und Werkstätten sowie Theater und Kino steht dabei mit 1250 Quadratmetern nur auf einer kleinen Teilfläche. Ein Kaufangebot für diese Teilfläche von der Gruppe Tacheles - die wie der verfeindete Tacheles-Verein Teile der Kaufhausruine nutzt - hatte die HSH-Nordbank bereits im Vorfeld der Versteigerung mit Verweis auf den Komplett-Verkauf abgelehnt.

Die Bank selbst begründete am Montag ihren kurzfristigen Rückzieher mit "noch nicht abgeschlossenen Vorgesprächen", so HSH-Sprecherin Gesine Dähn. Man sei mit einer ganzen Reihe potenzieller Bieter im Gespräch, so die Sprecherin weiter. "Wir sind überzeugt, dass wir schon in Kürze einen neuen Termin benennen können", sagte Dähn. Beeilen muss sich die Bank damit jedoch nicht: Wie die Rechtspflegerin des Amtsgerichts am gestrigen Montag mitteilte, könne die Bank sich bis zu sechs Monate Zeit für den Fortsetzungsantrag lassen.

Einkaufscenter, Wohnen und Büros

Laut gültigem Bebauungsplan darf die Brache in bester Einzelhandelslage zwischen der nördlichen Friedrichstraße und dem Hackeschen Markt mit insgesamt 83 000 Quadratmetern Geschossfläche bebaut werden. Der Wohnanteil muss dabei mindestens 24 500 Quadratmeter betragen, Einzelhandel ist bis zu einer Fläche von 17 000 Quadratmetern zulässig, der Rest darf mit Büros bebaut werden. Wie berichtet, interessiert sich deshalb auch der Berliner Projektentwickler Harald Huth für das Areal. Der König der Einkaufscenter, der bereits die Gropius-passagen in Neukölln und "Das Schloss" an der Schloßstraße in Steglitz realisierte, bebaut derzeit am Leipziger Platz das ehemalige Wertheim-Areal mit einem ganz ähnlichen Nutzungsmix.

Der Tacheles-Verein kündigte an, den Aufschub für weitere Aktionen zum Erhalt des Kunsthauses zu nutzen. "Außerdem wünschen wir uns, dass das Land Berlin endlich aktiv wird und das Gelände am Tacheles erwirbt", so Reiter. Dies wäre auch ein gutes Geschäft für die Stadt. Schließlich locke das Tacheles jährlich rund 400 000 Besucher aus aller Welt an. Im Hause des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) lehnt man dies jedoch ab. "Ganz abgesehen davon, dass die Stadt gar nicht die Mittel hat, um das Areal zu kaufen, besteht dafür auch keine Notwendigkeit", sagte Wowereits Kultur-Sprecher Torsten Wöhlert. Schließlich stehe das 1906 errichtete Gebäude unter Denkmalschutz, die Nutzung als Kunststandort sei zudem festgeschrieben. "Wer immer das Gelände erwirbt, wird also auch mit uns darüber reden müssen, wie es weitergehen soll."