Bahnchaos

Grubes Weihnachtsüberraschung

Kaum ist die S-Bahn weitgehend wieder im Takt, drohen in Berlin erneut erhebliche Einschränkungen für Bahnfahrer. Betroffen sind diesmal die Reisenden im Fern- und Regionalverkehr. Der Grund: Die Deutsche Bahn muss auf der Stadtbahntrasse zwischen den Stationen Zoologischer Garten und Ostbahnhof die Schienen auswechseln.

Für drei Wochen, vom 23. November bis 12. Dezember, wird die dicht befahrene Ost-West-Verbindung daher nur eingleisig zur Verfügung stehen, wie Ingulf Leuschel, Konzernbevollmächtigter der Bahn für Berlin, gestern bestätigte.

ICE- und IC- und Nachtzüge werden teilweise umgeleitet, Regionallinien im Stadtgebiet unterbrochen. Lediglich die Züge der wichtigen Regionalexpresslinie RE 1 (Magdeburg-Frankfurt (O.)/Eisenhüttenstadt) sowie die privat betriebenen Linien Vogtland-Express und Harz-Berlin-Express werden weitgehend planmäßig über die Stadtbahn fahren.

Für Zehntausende Fahrgäste heißt es hingegen "Umsteigen, bitte". Zur Überbrückung der Baustelle soll der Großteil der Reisenden die S-Bahn nutzen, die nicht betroffen ist. Weil der Betrieb beim Tochterunternehmen der Deutschen Bahn seit Monaten eingeschränkt ist, hatte der Mutterkonzern die Bauarbeiten an den Fern- und Regionalgleisen um einen Monat verschoben. Erst seit Kurzem fährt die S-Bahn auf der Ost-West-Trasse wieder mit 18 Zügen pro Stunde und Richtung. "Wir erwarten deshalb keine Kapazitätsprobleme", sagte gestern S-Bahn-Chef Peter Buchner. "Sollte es trotzdem klemmen, steht ein Dispozug am Ostbahnhof zur Verstärkung bereit."

300 Züge pro Tag

Der Wechsel der Schienen ist nach Bahn-Angaben alternativlos. Die neun Kilometer lange Berliner Stadtbahntrasse zählt zu den meist befahrenen Bahnstrecken Deutschlands. Täglich fahren 300 Züge über die Gleise und nutzen die Schienen ab. Zudem ist das Material einer besonders hohen Belastung ausgesetzt, weil die Kurvenradien mit teilweise weniger als 250 Metern extrem eng sind. Die Folge: Statt wie üblich nach mehr als 20 Jahren, müssen die Schienen nun bereits nach elf Jahren erneuert werden.

Zugute kommt der Bahn dabei eine Entscheidung aus den 90er-Jahren. Als die Strecke von 1994 bis 1998 grundsaniert und elektrifiziert wurde, entschloss sich die Bahn, statt eines normalen Oberbaus mit Bahndamm, Schotter und Schwellen auf dem größten Teil der Stadtbahn eine sogenannte feste Fahrbahn zu bauen. Die Schienen liegen dabei auf einem durchgehenden Beton-Untergrund.

Der Nachteil: Die feste Fahrbahn ist ungleich teurer als ein Gleisbett aus Schotter. Der Vorteil: Statt des gesamten Oberbaus müssen nun nur die Schienen ausgetauscht werden. "Deshalb sind die Einschränkungen nun begrenzt", so Leuschel.

Betroffen sind nach seinen Angaben an Werktagen etwa 30 000 Fahrgäste. Schwierig wird es vor allem für die Nutzer der Regionallinien RE 2 (Rathenow-Cottbus), RE 7 (Dessau-Wünsdorf-Waldstadt) und RB 14 (Nauen-Senftenberg). Diese Linien werden in verschiedenen Bauabschnitten unterbrochen.

In der ersten Phase vom 23. bis 27. November fährt der RE 2 nicht zwischen den Stationen Friedrichstraße und Ostbahnhof, der RE 7 ist vom Bahnhof Zoo bis Ostbahnhof, der RB 14 zwischen Friedrichstraße und Ostbahnhof unterbrochen. Der RE 1 fährt auf der gesamten Strecke und hält an allen Bahnhöfen. Allerdings haben die Züge in Richtung Frankfurt (O.) etwa zehn Minuten Verspätung. Lediglich im zweiten Bauabschnitt am 28. und 29. November fällt auch der RE 1 teilweise aus. Grund: Bauarbeiten im Grunewald und in Erkner.

Im Fernverkehr müssen sich die Fahrgäste ebenfalls auf zahlreiche Änderungen einstellen. Grundsätzlich gilt: Alle Züge aus Berlin fahren vom gewohnten Abfahrtsbahnhof ab, haben aber eine Verspätung von bis zu zehn Minuten. Die Züge, die aus Richtung Hannover oder Frankfurt/Main über Spandau nach Berlin fahren, werden über Moabit umgeleitet und enden im Tiefgeschoss des Hauptbahnhofs. Der Stopp am Ostbahnhof entfällt. Umgeleitet werden auch die internationalen Linien aus Kopenhagen, Amsterdam und Warschau.

Bahn wehrt sich gegen Kritik

Vehement wehrte sich die Bahn gestern gegen die Kritik des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB). Am Vortag war bekannt geworden, dass die jüngste VBB-Qualitätsanalyse "Netzzustand 2009" der Infrastruktur der Bahn ein schlechtes Zeugnis ausstellt. Auf 13 Prozent des gesamten Regionalnetzes in Berlin und Brandenburg könnten die Züge nur mit reduzierter Geschwindigkeit fahren, so der Verkehrsverbund.

"Wir wenden uns massiv gegen die Darstellung, dass der schlechte Zustand des Netzes zu diesen Verzögerungen führt", sagte Leuschel. Derzeit gebe es in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern lediglich drei kleinere Streckenabschnitte, auf denen die Züge wegen Mängeln an Gleisen langsamer fahren müssen.

Die Bahn vernachlässige also keineswegs ihr Streckennetz, betonte Leuschel. Im Gegenteil: Es werde sogar in großem Umfang in die Qualität des Netzes investiert. Nicht marode Gleise, sondern Baustellen hätten den Großteil der Verspätungen verursacht. Als Beispiele aus diesem Jahr nannte Leuschel die Erneuerung von Schwellen auf der ICE-Strecke Hamburg-Berlin und den Streckenausbau in Erkner. "Unser Ehrgeiz ist es, die Verspätungen bei solchen Bauvorhaben so gering wie möglich zuhalten", so Leuschel, "aber wenn wir bauen müssen, dann bauen wir."

In diesem Jahr wird die Bahn nach seinen Angaben "weit über 300 Millionen Euro" in Erhalt und Ausbau der Infrastruktur in der Region investieren. Für das kommende Jahr seien Ausgaben in etwa gleicher Höhe eingeplant. Wo 2010 gebaut wird, will die Bahn in Kürze veröffentlichen.

Noch in diesem Jahr wird zumindest ein jahrelanges Nadelöhr im Regional-, Fern- und Güterverkehr verschwinden. Am 30. November wird der Bahnhof Erkner (Oder-Spree) zweigleisig und die Strecke nach Frankfurt (O.) auch für schwere Güterzüge ausgelegt sein. Von Erkner bis zur Oder können Personenzüge in Kürze mit 160 km/h fahren. Auch die regelmäßigen Verspätungen auf der Linie RE 1 sollen dann der Vergangenheit angehören. 30 Millionen Euro kostete nach Bahn-Angaben allein der Umbau in Erkner. Geplant ist der Streckenausbau bis zum Ostbahnhof.