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Spandau bekommt die Trinkerszene nicht in den Griff

Das Spandauer Jugendamt hat entschieden, nicht gegen die Eltern des sieben Jahre alten Jungen vorzugehen, der vor fast zwei Wochen mit einer Alkoholvergiftung aufgegriffen wurde. Es liege keine Kindeswohlgefährdung vor, sagte Spandaus Jugendstadträtin Ursula Meys (SPD) dieser Zeitung.

Die in sozial schwierigen Verhältnissen lebende Familie sei dem Jugendamt zwar schon bekannt gewesen, aber eine Sozialarbeiterin und ein Mitarbeiter des Krisendienstes kümmerten sich intensiv um Eltern und Kinder. "Wir bieten der Familie Hilfe an", sagte Meys. Und man schaue auch genau, wie es mit dem Jungen weitergehe. Nach eigenen Angaben war der Siebenjährige von vier Jugendlichen zwischen 17 und 19 Jahren im Koeltzepark mit Alkohol "abgefüllt" und anschließend auf dem Gehweg aufgegriffen worden. Mit zwei Promille kam er ins Krankenhaus.

Der Koeltzepark liegt in der Spandauer Neustadt, nördlich der Altstadt, eine von der Trinkerszene stark besuchte Grünanlage mit Spielplätzen, Bänken und Jugendfreizeitheim. Seit Jahren schon zieht es die bis zu 100 Personen große Gruppe unter anderem an die Ränder des Parks an der Schönwalder Allee und der Kurstraße und direkt auf die Bänke des Parks. "Deswegen ist es auch kein Zufall, dass der schlimme Fall dort passiert ist", sagte der SPD-Kreisvorsitzende Raed Saleh. "Trinken gehört im Koeltzepark zur Normalität."

Saleh greift die CDU im Bezirk in diesem Zusammenhang scharf an. Sie habe bei der Bekämpfung des Alkoholproblems in der Neustadt versagt. "Die CDU zeigt soziale Kälte und betreibt ein schäbiges Spiel. Sie geht leichtfertig mit dem Problem um." Hintergrund: Spandaus Sozial- und Gesundheitsstadtrat Martin Matz (SPD) hatte im September einen Aktionsplan für die Bekämpfung des Trinker-Problems in der Neustadt vorgelegt. Dafür suchte er in seinem Haushalt 150 000 Euro zusammen.

Doch die Union lenkte die Mittel um und ließ beschließen, sie nur für die Altstadt und die südlich gelegene Wilhelmstadt einzusetzen. "Wir müssen den ganzen Bezirk im Auge haben", begründete dies CDU-Fraktionschef Arndt Meißner. Die Probleme mit Alkohol in der Öffentlichkeit seien aber auch andernorts groß. "In der Neustadt könnte das neue Quartiersmanagement das Trinkerproblem in den Griff bekommen." Und im Koeltzepark wolle man ein Alkoholverbot verhängen, das der CDU-Baustadtrat Carsten-Michael Röding nun vorbereite.

Sozialstadtrat Matz, Anwohner der Neustadt und die Luther-Gemeinde halten dies für das falsche Vorgehen. Denn die Trinkerszene hat mehrere Anlaufpunkte. "In der Neustadt ist die Situation dramatisch", sagte die Pfarrerin der Luther-Gemeinde, Ute Pfeiffer. Sie ließ die Parkbänke an der Luther-Kirche abschrauben, damit die Trinker dort nicht mehr Platz nehmen können. "Aber das Problem hat sich dadurch in die Jagowstraße verschoben. Wir kapitulieren. In dem Ausmaß, in dem wir jetzt Hilfe brauchen, kann das das Quartiersmanagement nicht leisten." Dort soll für 160 000 Euro etwas gegen Bildungsferne und Arbeitslosigkeit unternommen werden.

Stadtrat Matz will jetzt im Haushaltsausschuss der BVV einen Kompromiss anbieten: Die Mittel sollen Neustadt und Wilhelmstadt erhalten. "Die Menschen fühlen sich nicht mehr wohl in ihrem Stadtteil. Das haben zwei Anwohnerversammlungen gezeigt. Wir müssen endlich etwas tun", sagte Matz. Erfahrungen von Sozialarbeitern der Organisation Gangway hätten gezeigt, dass es mit einer halben Stelle für ein halbes Jahr nicht getan sei. "Wir müssen einen Wortführer aus der Gruppe in eine Maßnahme bekommen, dann bewegt sich vielleicht etwas." Das benötige Zeit und Geld. "Mindestens zwei bis drei Jahre würde das dauern." Heute findet dazu ein Runder Tisch statt. Zudem soll am 25. November vor der BVV im Rathaus Spandau demonstriert werden. Alkoholfrei, wie es sich gehört. Mit Malzbier.