Kluftdebatte

"Was wollt ihr eigentlich hier?"

Das Plakat an einer Hauswand in der Wörther Straße in Prenzlauer Berg fällt den Passanten sofort ins Auge. Junge Mütter unter Regenschirmen und mit Kindern an den Händen laufen vorbei - und schütteln den Kopf. Dann kommen Männer in Anzügen, im Blaumann, zwei durchnässte Jogger und die Postbotin. Alle schauen zur Häuserwand, die Empörung über das DIN-A-3-große Poster ist spürbar. "Die haben wohl die Zeit verpennt", sagt Anita Greubermann und tippt sich an die Stirn.

"Wir sind ein Volk!", steht in großen weißen Lettern auf dem Plakat. Und direkt darunter, in etwas kleinerer gelber Schrift: "Und ihr seid ein anderes." Und noch etwas kleiner: "Ostberlin, 9. November 2009." Die Poster hängen vereinzelt in der Kollwitzstraße, im Winskiez, im Bötzowviertel. Unbekannte haben sie vor einigen Tagen an Häuserwände, Stromkästen und Litfaßsäulen geklebt. Ohne Hinweise auf den Urheber. Die "Kluftdebatte" hat den Kiez wieder.

Anita Greubermann hält einen Regenschirm in der linken und ihren Sohn Johann (3) an der rechten Hand. Sie kann sich noch an die letzten Hass-Poster im Kiez erinnern. "Schwaben, verpisst Euch!" war darauf zu lesen. Oder auch: "Schwaben in Prenzlauer Berg: spießig, überwachungswütig in der Nachbarschaft und kein Sinn für Berliner Kultur. Was wollt ihr eigentlich hier?"

Damals habe sie oft mit Bekannten über die Plakate diskutiert und sich irgendwann sogar die Frage gestellt, ob sie weiterhin im Kiez wohnen möchte. Ihre Antwort: "Ja - denn dies ist auch mein Viertel." Doch jetzt - ein Jahr später - sich erneut aufzuregen, sei nicht ihre Sache. "Es wird wohl immer Leute geben, die mit Veränderungen nicht klarkommen", sagt die 35 Jahre alte Bankangestellte, die von Köln nach Berlin kam. "Und besonders mutig sind die Plakatierer auch nicht, es fehlt immer der Absender."

Tatsächlich ist nicht genau klar, was genau die Initiatoren der Plakataktion wollen. Geht es um den Streit zwischen Alteingesessenen und (westdeutschen) Zuzüglern? Um reiche Wessis, die sich zwischen armen Ossis breitmachen? Ist das Ganze nur ein Jux, der für Aufregung sorgen soll? Oder geht es tatsächlich um ernstere Dauerbrennerthemen wie Stadtumstrukturierung oder Gentrifizierung? Letzteres steht für die gezielte Aufwertung eines Wohnumfeldes durch Restaurierung und Umbau, die zu einer Veränderung der Bevölkerungsstruktur führen. Kurz: In sanierte Häuser ziehen nur reiche Leute. Aus dem (alternativen) Szene-Kiez wird ein (konservatives) Yuppie-Viertel.

"Es geht wohl nicht um Ost oder West, sondern um verschiedene Lebensentwürfe", sagt Wolfram Kempe, Bezirksverordneter der Linken in Pankow. Kempe ist 49 Jahre alt und lebt seit 1983 in Prenzlauer Berg, Kollwitzstraße. Aus diesen Plakaten eine Ost-West-Auseinandersetzung zu stilisieren, hält er für "absoluten Blödsinn". Es habe in der Vergangenheit viel aggressivere Plakate im Prenzlauer Berg geben, man solle die Aktion nicht zu ernst nehmen. "Zu einem ernsthaften Problem wird diese Diskussion nur, wenn die eine Seite ihren Lebensentwurf zum allgemeingültigen erklärt", sagt Kempe. Doch diese Absicht mag er in den Plakaten nicht erkennen. Den medialen Wirbel, den sie verursachen, hält er für übertrieben. "Man hängt sich wegen nichts den Wunderbeutel um."

Pankows Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) findet die Plakate hingegen "unsäglich". "Die Aktion ist voll daneben", sagt er. Für ihn ist die Aussage des Plakates eine Form von Diskriminierung. Man möge sich vorstellen, es gebe Anschläge, die dazu auffordern würden, Türken auszugrenzen. "Das Geschrei wäre groß", sagt der Politiker. Köhne ist 42 Jahre alt und in Itzehoe geboren. Seit 1994 lebt er im Ostteil der Stadt, seit 1996 im Ortsteil Pankow. "Die Leute, die mit diesen Plakaten versuchen, andere auszugrenzen, fühlen sich wahrscheinlich selbst ausgegrenzt und nicht mehr dazugehörig", vermutet er.

Der Kollwitzplatz am Nachmittag. Joachim Faltershagen kommt vom Einkaufen. Im Supermarkt hat er sich mit Lebensmitteln eingedeckt. Er lässt die durchnässten Jogger passieren und grüßt die Postbotin. Wie findet er das Poster an der Ecke Wörther Straße?

"Wissen Sie", sagt er und zuckt mit den Schultern, "für den Supermarkt reicht mein Geld. In den anderen Läden, Kneipen und Geschäften hier war ich noch nie. Da ist es mir zu teuer, und die Leute sprechen nicht meine Sprache." Der Hausmeister hat bereits vor der Wende in Prenzlauer Berg gelebt. Der 53-Jährige kann verstehen, wenn sich einige Leute im Kiez verdrängt fühlen.

Reichtum, Wohlstand, Unabhängigkeit - Faltershagen sagt, den "Westen" habe er sich früher so vorgestellt. Doch dieser Lebenstraum sei geplatzt. Ziemlich schnell. Der "Westen" sei zwar jetzt überall - aber nur um ihn herum. Mehr will er nicht sagen. Ein Foto von ihm und dem Plakat will er auch nicht zulassen. "Ne, ne, ich will keinen Ärger", sagt er. Warum er Konsequenzen fürchten müsse, will er nicht verraten.

Jens-Holger Kirchner ist Grünen-Politiker und Pankows Stadtrat für öffentliche Ordnung. Er ist so etwas wie ein Seismograf für neue (Lebens-) Strömungen im Bezirk. Bei ihm schlägt jeglicher Ärger zeitnah auf. Kirchner kann nicht genau sagen, aus "welcher Ecke" die Verfasser der Plakate stammen. Aber er hat eine Vermutung. "Das sind Leute, die noch nicht so lange im Kiez wohnen", sagt er. Warum sie sich aufregen, liege auf der Hand: Bereits im vergangenen Jahrtausend wurde Prenzlauer Berg zum Szene-Viertel ausgerufen. Deutschlandweit. Ein Trend-Viertel in einer Trend-Stadt. Es kamen die Zuzügler der ersten Generation.

Damals habe tatsächlich noch ein gewisser Prenzelberger Charme geherrscht. Doch jetzt, zehn, fünfzehn Jahre später, habe sich die Stimmung im Kiez verändert: Es wurde lauter, moderner, (kinder-)reicher. "Das geht offenbar den Zugezogenen auf die Nerven. Sie wollen die Stimmung und das Gefühl von damals partout konservieren", sagt Kirchner. Das führe zu Konflikten wie um den "Knaack Club" oder die Kastanienallee. Doch in zehn Jahren bekomme der Bezirk abermals ein neues Gesicht, schließlich sei man kein "kleinkariertes Kaff". Der Bezirk habe schon immer von den Zugezogenen gelebt, so sei Prenzlauer Berg überhaupt erst entstanden. Stadtrat Kirchner glaubt nicht, dass es Alteingesessene sind, also Ur-Ossis, die für die Hass-Plakate verantwortlich sind. "Die Ost-Berliner haben in den vergangenen Jahren so viele Veränderungen durchgemacht, die regen sich über den Wandel in den letzten fünf Jahre bestimmt nicht auf", so der Stadtrat. Er rät, den Plakaten mit Gelassenheit zu begegnen, obwohl er sich durchaus über sie ärgert. "Diese Position zu vertreten, ist gefährlich. Es steht niemandem zu, so zu urteilen."

Der Regen am Kollwitzplatz hat nachgelassen. Martin Längelmann passiert auf dem Fahrrad die Häuserwand an der Wörther Straße, an der das ominöse Plakat klebt. Der 31 Jahre alte Angestellte wohnt in der Nähe und kann sich das Leben im Kiez "gerade so" leisten. "Prenzlauer Berg ist längst gentrifiziert", sagt er. Ein aufgewerteter Bezirk mit vielen sanierten Altbauten und einer der höchsten Geburtenrate in Europa. Er halte nicht viel von einer Ost-West-Diskussion, sehe die Kluft eher zwischen Arm und Reich. "Vielleicht kippt das Viertel, und es folgt eine Re-Gentrifizierung", sagt Längelmann. Und schmunzelt. Wie man die Abwertung des Kiezes beschleunigen könnte, habe er im Radio gehört und im Internet nachgelesen. Unter www.esregnetkavier.de gebe es jede Menge Tipps. Zum Beispiel diese: "Reparieren Sie keine kaputten Fenster! Kleben Sie ausländische Namen auf Ihr Klingelschild! Montieren Sie Satellitenschüsseln an ihren Fenstern!"

"Es wird wohl immer Leute geben, die mit Veränderungen nicht klarkommen"

Anita Greubermann, Bankangestellte aus Köln

"Die Ost-Berliner haben in den vergangenen Jahren so viele Veränderungen durchgemacht, die regen sich über den Wandel in den letzten fünf Jahren bestimmt nicht auf"

Stadtrat Jens-Holger Kirchner