Hauptstadtflughafen

Lichtenrade - der geplagte Ortsteil

Günter Hasse hat nur noch ein Ziel - und deshalb wenig Zeit. Der Sprecher der Bürgerinitiative "Lichtenrade/Mahlow-Nord gegen Fluglärm" ist ein gefragter Mann. Alltägliches, wie die Kinder zur Kita zu bringen und zu kochen, muss der pensionierte Grundschullehrer nebenbei erledigen. Sein ehrgeiziges Ziel, das ihn mit seinen Nachbarn eint: den drohenden Fluglärm verhindern.

Lichtenrade. Der geplagte Ortsteil. Erst das Problem mit der Dresdner Bahn, dann das geplante Einkaufscenter und jetzt auch noch der Fluglärm. Stuttgart hat Lichtenrade längst erreicht. In dem Ortsteil, in den Familien ziehen, um ihre Kinder im Grünen großzuziehen, gehen die Bürger auf die Straße. Seit Bekanntgabe der neuen Abflugrouten des zukünftigen Flughafens Berlin Brandenburg International (BBI) ist für viele Lichtenrader nichts mehr wie es war. Kaufverträge über Häuser sind kurz vor der Beurkundung bereits geplatzt, die Bürger fühlen sich von der Politik verschaukelt, der Unmut wächst. Immer mehr Lichtenrader nehmen an den Montagsdemos teil. Der Protest verläuft friedlich, doch der Frust ist spürbar.

Für den Hauptveranstalter, die Bürgerinitiative "Lichtenrade/Mahlow-Nord gegen Fluglärm", ist die Montagsdemo jedes Mal ein Kraftakt. Der 64-jährige Günter Hasse engagiert sich mit acht weiteren im Vorstand des gerade gegründeten Vereins. Im vergangenen Jahr hat er sich aus Krankheitsgründen vom Lehrerberuf verabschiedet. Erst 2005 war er mit seiner Frau in eine Doppelhaushälfte ins grüne Lichtenrade gezogen. Als Stimme der Bürgerinitiative ist sein Leben jetzt hektisch geworden. Per Mikrofon unterrichtet er die Demonstranten vor ihrem Marsch über die Bahnhofstraße am Treffpunkt unweit des S-Bahnhofs über die neuesten Entwicklungen. Sein Markenzeichen ist ein Lederhut. Bei den Montagsdemos ist er deshalb schon von weitem zu erkennen. Eigentlich hat der Hausmann mit seinen zwei Söhnen genug zu tun. Doch als im September die veränderten Flugrouten bekannt wurden, war Schluss mit seiner heilen Welt. Er verzichtete auf seine täglichen Lesestunden, mischte sich ins Politgetümmel und ergreift seitdem immer häufiger das Wort. Er fordert die Rückkehr zu den alten Routen, denn die Anwohner aus Berlin hatten nach seiner Ansicht nie die Gelegenheit, sich im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens zu beteiligen.

Schon die erste Demo am 5. Oktober hatte großen Zulauf. "Wir hatten bei der Polizei 150 Leute angemeldet, doch der Platz war voll. Gleich beim ersten Mal waren mehr als 1000 Menschen gekommen", erinnert sich Hasse. Anschließend entstand im Gemeindehaus die Idee zu den wöchentlichen Montagsdemos. Seitdem sitzt Hasse jeden Tag vier Stunden am Computer, um seine E-Mails zu lesen. Froh ist er auch, dass die Lichtenrader und Mahlower auf der anderen Seite der Stadtgrenze zusammenhalten und sich nicht spalten lassen. Beide Seiten wollen, dass zur ursprünglichen Planung zurückgekehrt wird. Es sei schließlich schon aus Sicherheitsgründen geboten, die Flugzeuge nicht über dicht besiedelte Gebiete fliegen zu lassen. Jahrelang fühlten sich die Anwohner des südlichsten Ortsteils von Tempelhof-Schöneberg und der angrenzenden Brandenburger Regionen von der Fluglärm-Diskussion nicht betroffen, da die geplanten Flugschneisen im sicheren Abstand von mindestens 3000 Metern geplant waren. Die im September veröffentlichten neuen Flugrouten sind nun bis auf etwa 500 Meter an Lichtenrade herangerückt, wobei die Bürgerinitiativen auch die Flughöhe auf höchstens 500 Meter schätzen.

Damit wird Lichtenrade zur mit am stärksten vom Fluglärm betroffenen Region. Die massive Lärm- und Schadstoffbelastung ist mit einem einschneidenden Verlust an Lebensqualität verbunden. Das Vertrauen in die Politik ist bei vielen Lichtenradern erheblich erschüttert. Die Empörung ist riesengroß. Die verantwortlichen Politiker geben sich zwar schuldbewusst, stehen der Situation im Grunde aber ziemlich ratlos gegenüber.

Auch bei den Geschäftsleuten brodelt es. Da ist zum Beispiel Andreas Kiebgis. Er hat sich ein völlig neues Wissensgebiet erobert und kennt sich inzwischen mit Wind und Lärm bei Starts von Flugzeugen hervorragend aus. Eigentlich ist der 55-jährige Geschäftsmann Elektrotechniker. Doch seit seinem Ärger über die neuen, abknickenden Flugrouten vom zukünftigen Hauptstadtflughafen BBI ist er zum Spezialisten für Fragen über Fluglärm geworden. In seinem Laden an der Bahnhofstraße, in dem Kiebgis mit seiner Frau Irene Unterhaltungselektronik verkauft, erläutert er sachkundig mit Hilfe von im Fernsehen aufgezeichneten Plänen, warum sein Ortsteil so gebeutelt ist, wenn es bei den jetzigen Planungen bleibt: "Zu 70 Prozent kommt der Wind aus dem Westen, und weil Flugzeuge immer gegen den Wind starten müssen, werden wir hier die meisten Starts abbekommen."

Nicht nur im Laden der Kiebgis kocht der Zorn hoch. Tausende von Menschen marschieren seit Anfang Oktober jeden Montagabend mit Plakaten gegen den Fluglärm. Sie machen dabei selbst einen ziemlichen Lärm, mit Ratschen, Trillerpfeifen und den Vuvuzelas von der letzten Fußball-WM. Bei ihren Demonstrationen auf der Haupteinkaufsstraße verhalten sie sich dennoch so friedlich und diszipliniert, dass selbst ein Polizeibeamter die Bürgerinitiativen und Organisatoren loben muss. Vom Schüler bis zum Rentner sind alle vertreten. Die Betroffenen wollen sich nicht mehr gefallen lassen, was sich über ihren Köpfen zusammenbraut. Gesittet und zivilisiert demonstrieren sie ihren Unmut. Doch die Veranstalter sind sich nicht sicher, dass die Menschenmassen auch zukünftig so entspannt und ruhig über die Bahnhofstraße schlendern werden. Der Ärger gärt, und die Beteiligung an den sogenannten Montagsdemonstrationen hat in jeder Woche deutlich zugenommen.

Unter den Protestlern sind etliche, die sich in den vergangenen Jahren bei ihrem Hauskauf darauf verlassen hatten, dass Lichtenrade vom Fluglärm durch den neuen Airport Berlin Brandenburg International nicht betroffen sein werde. Dies wurde ihnen ausdrücklich zugesagt. Wie alteingesessenen Haus- und Grundbesitzern droht ihnen jetzt - neben den Einbußen an Lebensqualität - durch den fluglärmbedingten Wertverlust eine erhebliche wirtschaftliche Schädigung.

Nach der Demonstration ist im kleinen "Bauernstübchen" bei Hilde jeder Platz besetzt. Viele Demonstranten sind - wie an jedem Montagabend - Richtung S-Bahnhof zurückgelaufen und hier eingekehrt. Lichtenrader und Zehlendorfer sitzen vereint am Tisch zur Nachbereitung und Bewertung der Demonstration. Sie lassen sich Zeit. Nur wenige von ihnen sind beruflich voll eingespannt. Dass sie als Rentner einmal auf die Straße gehen würden, um zu demonstrieren, hätten weder die Lichtenrader Helga und Rudolf Diezmann noch die Zehlendorfer Brigitte und Ingo Sauer jemals geglaubt. Plakate, Trillerpfeife und Tröte werden beiseitegelegt, der gemütliche Teil kann beginnen. Die Flugzeuge seien ja jetzt schon gut zu sehen, bei Ostwind auch deutlich zu hören. Damit habe man sich arrangiert. In Zukunft würden sie dann wohl direkt über den Dächern von Lichtenrade fliegen. Es wird über vieles geredet und spekuliert. Nicht wenige Teilnehmer sind besonders enttäuscht über Klaus Wowereit, den Regierenden. Der sei schließlich ein echter Lichtenrader. Vielleicht habe er sein Haus an der Schillerstraße vor fünf Jahren deshalb verkauft, weil er wusste, was sich zukünftig in Lichtenrade abspielen könnte. Und schließlich sitze er ja auch im Aufsichtsrat an der Informationsquelle, denken sie sich. Aber wie bei Stuttgart 21 gibt es nicht nur ein Thema. Bei den Lichtenrader Protestlern hat sich viel Unmut angestaut. Quer durch alle Schichten und Altersklassen wächst die Forderung nach Einbeziehung und größerer Beteiligung an politischen Entscheidungen.

Da ist zum Beispiel das geplante Einkaufszentrum gleich neben dem S-Bahnhof Lichtenrade. Dagegen kämpft die aus beiden Kirchengemeinden zusammengeschlossene "Ökumenische Umweltgruppe Lichtenrade". Sie will zumindest die Dimensionen, die Investor Harald Huth dort anstrebt, zurückführen und das Lichtenrader Zentrum durch eine ökologische Architektur und ein qualitätsvolles Angebot an das Umfeld anpassen. So sieht es auch Geschäftsmann Andreas Kiebgis. Er ist skeptisch, dass Huths Center mit 9000 Quadratmetern zusätzliche Kundschaft bringen wird. Ein Stadtrat, der in Lichtenrade wohnt, sieht das Thema hingegen gelassen. Die Lichtenrader seien hartnäckig und unnachgiebig. Er könne sich gut vorstellen, dass das Einkaufscenter gegen den Mehrheitswillen der Bürger zwar gebaut werde, die Lichtenrader es dann aber einfach boykottieren. Bei der Arbeitsgemeinschaft der Händler gehen die Meinungen auseinander, wenn es darum geht, einzuschätzen, wie viele neue Einzelhandelsflächen Lichtenrade verträgt. Fast 50 000 Einwohner wohnen im Ortsteil, schätzungsweise die Hälfte im eigenen Haus oder in einer Eigentumswohnung. Aber die Erweiterung der nahen Gropiuspassagen im Nachbarbezirk hat sich im Umsatz auch bei den Händlern in der Lichtenrader Bahnhofstraße bemerkbar gemacht. Ob sich hier ein weiteres Großprojekt durchsetzen wird oder eher kleinteilige Lösungen gefunden werden müssen - darüber darf weiter heftig gestritten werden.

Einigkeit zeigen die Lichtenrader bereits seit Jahren auch beim Thema Dresdner Bahn. Sie verlangen einen Tunnel, durch den die ICE Richtung Dresden und die Flughafen-Shuttles brausen. Die Bahn will stattdessen die Bahnhofstraße am S-Bahnhof Lichtenrade als Unterführung umbauen. 361 Mitglieder hat der Verein, der sich momentan jeden Tag über einen Neueintritt freut. Einer der ersten, der sich für den Tunnel stark gemacht hat, ist der 73-jährige Manfred Beck. Weil er, wie er selbst sagt, schon immer gern den Mund aufgemacht hat, kämpft er gegen den Lärm - die Geißel der Menschheit, wie er findet. Auf einem Kongress am Rhein hat er gerade Wissenschaftler und Gruppen aus Frankfurt am Main kennengelernt, die er der Bürgerinitiative gegen den Fluglärm unbedingt noch ans Herz legen muss. Für Beck steht fest: "Wir haben 28 Jahre lang die Mauer ums uns drum herum gehabt, da brauchen wir jetzt keine sechs Meter hohen Schallschutzwände." Da die Bahn das Projekt auf Eis gelegt hat, drängt die Zeit bei diesem Thema nicht. Ganz im Gegensatz zu den Flugrouten.

Am S-Bahnhof Lichtenrade ist montagabends jetzt durch die Tausenden Demonstranten auch zu später Stunde noch viel los: Vor allem die Imbisse freuen sich über ihren höheren Umsatz. Die Menschen wollen weder vor den neuen Flugrouten noch vor dem kalten Winter kapitulieren. Notfalls trotzen sie der Kälte mit Taschenwärmern und Glühwein - und schließlich haben sie ja Hilde, die es ihnen im Bauernstübchen nach der Demo gemütlich macht. Wenn dort in der kleinen Raucherkneipe alle eng zusammenrücken und sich einig darin sind, dass Flugzeuge über Lichtenrade nichts zu suchen haben, ist die Verbrüderung und der Hass auf die Politik, die das angezettelt hat, groß. Auch andere Weichenstellungen für Lichtenrade werden nicht akzeptiert.

Bestes Beispiel ist die Tunnelforderung für die Züge am S-Bahnhof Lichtenrade, gegen die sich die Bahn stemmt. Dass die aber zwischen dem Kirchhainer Damm und Schönefeld mitten auf dem Acker eine Trasse für die Dresdner Bahn untertunnelt, weil dort Frösche sind, finden die Lichtenrader "einfach unglaublich".

Auch noch andere Themen kommen auf den Tisch: Warum muss für den Bundesnachrichtendienst ein Neubau errichtet werden, wenn an der Clayallee das ehemalige Headquarter der Amerikaner leer steht? Die Gäste in Hildes Bauernstübchen wollen mitreden. Ihr teuer bezahltes Altenteil in Lichtenrade wollen sie sich von niemandem kaputt machen lassen - durch keinen Fluglärm, keinen Bahnlärm und auch durch keinen Verkehrslärm wegen eines neuen großen Einkaufscenters. Der Ausbau des Kirchhainer Damms zu einer vierspurigen Einfallstraße, den Anwohner sogar mitfinanzieren müssen, reicht ihnen ohnehin.

Gleich zur ersten Demonstration kamen mehr als 1000 Menschen

Günter Hasse, Sprecher der BI gegen Fluglärm