Kreuzberg

Konkurrenzkampf um die alte Eisenbahnmarkthalle

Wird es eine Markthalle mit typischem Kreuzberger Flair oder eine mit Weltniveau wie in Barcelona, London und Bratislava? Zwei Bewerber konkurrieren mit ihren Konzepten um die alte Eisenbahnmarkthalle in Kreuzberg, zwischen Pücklerstraße und Eisenbahnstraße: Veranstalter Helmut Russ, bekannt durch den Weihnachtszauber Gendarmenmarkt, und die Projektgruppe Markthalle IX um den Kreuzberger Nikolaus Driessen.

Gewinner sind jetzt schon die Anwohner. Sie haben in jahrelanger Hartnäckigkeit durchgesetzt, dass nicht der Meistbietende die Halle bekommt, sondern der Bewerber mit dem besten Konzept. Am heutigen Mittwoch bewertet eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Wirtschaftsstaatssekretär Jens-Peter Heuer (Linke) die beiden Konzepte. Im April trifft der Aufsichtsrat der Berliner Großmarkt GmbH, der die 120 Jahre alte Halle gehört, die Entscheidung. Heuer ist Vorsitzender des Aufsichtsrates.

Die Anwohner haben schon entschieden. Ihr klarer Favorit ist die Projektgruppe. Das ergab eine Abstimmung am Montagabend in der Eisenbahnmarkthalle. Zuvor hatten beide Bewerber ihre Konzepte vorgestellt. Der Preis für die Halle steht schon fest: Es ist der Verkehrswert von 1,15 Millionen Euro. Vorbedingung für den Verkauf, den der Liegenschaftsfonds vornimmt, ist, dass es künftig keinen großflächigen Einzelhandel in der Halle gibt.

Schritt für Schritt will die Gruppe um Nikolaus Driessen vorgehen. Ihr Konzept: Ab Oktober soll es freitags und sonnabends einen Wochenmarkt in der Eisenbahnmarkthalle geben. Mit einem bunten Mix kleiner Händler - libanesische Fladenbäcker, türkische Fleischer und Müritzsee-Fischer. Eine neue Lebensmittelkultur ist vorgesehen, mit Pilzzucht im Keller und Milchwerkstatt. "Die Halle soll soziales Zentrum werden", sagte Driessen. "Keine Eventlocation." Das Berliner Büro "Raumlabor" plant den Bau. Als Orte für Kultur sind die Lichthöfe vorgesehen. In den Seitenschiffen ist Raum für Gastronomie. "Wir wollen uns Zeit zum Experimentieren nehmen", sagte Architekt Matthias Rick.

Discounter sollen ausziehen

Voraussetzung für den Umbau ist der Auszug der drei Discounter. Mitte 2012 sollen die Räume von Drospa abgerissen werden, 2014 die von Aldi. Kik hat der Projektgruppe zufolge einen Vertrag bis 2020. Vorgesehen ist, dass sich die fliegenden Händler im Laufe der nächsten Jahre in festen Ständen ansiedeln. Eine Investition von vier Millionen Euro ist vorgesehen. Man wolle zehn bis 15 Prozent Rendite erzielen, sagte Florian Niedermeier vom Driessen-Team. "Weil wir als Gruppe davon leben wollen."

Helmut Russ, Chef der Berlin Zauber Veranstaltungsgesellschaft, sieht die Markthallen in Barcelona, Bratislava und London als Vorbild für Kreuzberg. Beim Umbau will er schneller vorgehen als die Projektgruppe. "Mitte 2012 soll die Halle leer sein", sagte er. Dann will er sie in einem Zug umbauen lassen. Auch Russ plant eine Vielzahl kleiner Stände, "besonders mit den Wunschhändlern der Kreuzberger, wie Bäcker, Fleischer, Gemüsehändler". An den Straßenfronten sind Läden mit Kunsthandwerk vorgesehen.

In der Mitte der Halle soll sich ein Projekt für Kinder und Jugendliche etablieren, das Russ seit Jahren entwickelt. In einer Küche lernen Berliner Schüler, wie man gesunde Mahlzeiten zubereitet. Die Zutaten kaufen sie in der Halle ein. Auf einem Indoor-Spielplatz werden sie von Sporttherapeuten betreut. Die Bürgernähe in der Halle werde bleiben, so Russ. Es solle Bereiche für Begegnung geben, für Tanz, Musik und Theater. Russ hat sich von Mittes Ex-Stadträtin Dorothee Dubrau beim Konzept beraten lassen 3,5 Millionen Euro will er investieren. Die 3600 Quadratmeter große Halle sei zu finanzieren, wenn man Einnahmen von 7,50 Euro je Quadratmeter erziele, so Russ. Die Standmieten könnten bei 15 Euro je Quadratmeter liegen.