Nahverkehr

S-Bahn-Krise verursacht 216 Millionen Euro Schaden

Verlorene Fahrgäste, verschmutzte Luft, jede Menge Ärger - und vor allem viel verschenkte Zeit: Die seit mehr als vier Monaten andauernde Krise bei der Berliner S-Bahn verursacht enorme Schäden. Zu diesem Ergebnis kommt eine unabhängige Studie des Instituts Iges, die gestern vorgestellt wurde.

Die Forscher hatten 1017 Berliner und Brandenburger zu den Folgen der Krise befragt. Die Ergebnisse der repräsentativen Untersuchung bezeichnete Hans-Werner Franz, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), als "alarmierend".

Gravierend für die S-Bahn sind dabei vor allem die nachhaltigen Folgen. Fast jeder zehnte berufstätige S-Bahn-Nutzer will künftig keine Zeitkarte mehr kaufen, um zur Arbeit zu gelangen. Dem Tochterunternehmen der Deutschen Bahn droht laut Iges damit ein Verlust von 60 000 Stammkunden. S-Bahn-Geschäftsführer Peter Buchner wies diese Angabe gestern zurück. Die Zahl der Abonnenten sei trotz der Einschränkungen in den vergangenen Monaten sogar gestiegen, sagte Buchner, ohne allerdings konkrete Zahlen zu nennen.

Staus und überfüllte Parkplätze

25 000 Berliner und Brandenburger wollen nach der Iges-Umfrage in Zukunft mit dem Auto statt mit der Bahn zur Arbeit fahren. Das sind 3,7 Prozent aller berufstätigen S-Bahn-Nutzer. Noch größer ist der Anteil der Umsteiger während der laufenden Krise. 8,6 Prozent der berufstätigen S-Bahn-Kunden nutzten von Juni bis Oktober lieber das eigene Auto. Die Folgen waren lange Staus, überfüllte Parkplätze und erhebliche Umweltschäden. 11 000 Tonnen des Klimagases Kohlendioxid wurden zusätzlich in die Berliner Luft geblasen, haben die Iges-Forscher errechnet. "Damit werden die Berliner Bemühungen zur CO2-Reduktion durch eine Modernisierung der Pkw-Flotte um ein halbes Jahr zurückgeworfen", sagte Iges-Chef Bertram Häussler.

Ärgerlich für die Fahrgäste war aber vor allem, dass sie seit Juni deutlich länger in den zudem oft überfüllten Zügen unterwegs waren. 73,2 Prozent der befragten S-Bahn-Kunden gaben an, dass sie in Krisenzeiten Zeitverluste auf dem Weg zur Arbeit zwischen drei und 120 Minuten haben. Der durchschnittliche tägliche Zeitverlust summiert sich laut der Studie auf 24,9 Minuten, das sind 9,1 Stunden pro Monat - mehr als ein kompletter Arbeitstag. Zwischen Juni und Oktober waren die berufstätigen S-Bahn-Kunden ganze 3,5 Arbeitstage länger unterwegs.

Den finanziellen Wert der verlorenen Zeit beziffert die Studie auf 158,8 Millionen Euro. Zugrunde gelegt wurde ein durchschnittliches Nettoeinkommen von täglich gut 66 Euro. Um weitere 57,1 Millionen Euro erhöht sich der Schaden durch den Zeitverlust, der auch für Nicht-S-Bahn-Nutzer entstanden ist. Durch Staus, Umwege oder den Umstieg auf Busse und Bahnen der BVG waren auch Berufstätige, die andere Verkehrsmittel nutzen, im Durchschnitt mehr als sechs Stunden länger unterwegs.

Neben der verschenkten Zeit sahen die Befragten die Hauptärgernisse vor allem im Gedränge in Zügen und auf Bahnsteigen, in dem unzuverlässigen Notfahrplan und der mangelhaften Information. Drei Viertel der S-Bahn-Kunden forderten daher eine deutliche Ausweitung der bisher angebotenen Entschädigungslösung. Zwei Monate Freifahrt statt des einen Monats, so die überwiegende Meinung, wären angemessen.

Und die Krise ist noch längst nicht beendet, wie VBB-Chef Franz betonte. Nur 70 Prozent der vertraglich vereinbarten Leistungen erbringe die S-Bahn derzeit. Vor allem auf den Linien S 3, S 5 und S 75 im Osten und Südosten der Stadt herrschten immer noch "unzumutbare Zustände".

IHK: Auch der Handel leidet

Besorgt zeigte sich Franz vor allem über die langfristigen Schäden. "Um das Vertrauen zurückzugewinnen, reichen Werbekampagnen nicht aus", sagte der VBB-Chef. Die Bahn müsse dauerhaft eine "überzeugende Qualitätssteigerung" schaffen.

Dass die S-Bahn-Krise nicht nur die Fahrgäste trifft, geht aus einer Blitzumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) hervor. Dazu wurden 30 Unternehmen aus Handel, Gastronomie und Hotellerie im Umfeld von zwölf S-Bahnhöfen befragt. "Fast alle beklagten einen Kundenrückgang und Umsatzeinbußen", sagte IHK-Vize Christian Wiesenhütter. Die nicht repräsentative Umfrage ergab, dass jedes fünfte Unternehmen in Bahnhofsnähe Umsatzeinbußen von mehr als 30 Prozent, in der Gastronomie sogar mehr als 50 Prozent, verkraften musste. Ein Viertel der befragten Unternehmen gab an, zu Hochzeiten der S-Bahn-Krise mehr als ein Drittel der Kunden verloren zu haben.