Gesundheitspolitik

Impf-Chaos: Senatorin räumt Fehler ein

Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) hat gestern in der Aktuellen Stunde des Abgeordnetenhauses bei der Massenimpfung gegen die Schweinegrippe in Berlin Organisations- und Transportprobleme eingeräumt. "Ja, es gibt organisatorische Probleme bei der Impfung gegen die Schweinegrippe. Und ja, die Impfärzte wurden zu spät verpflichtet", räumte die Senatorin ein.

Es sei auch ihr persönlicher Fehler gewesen, am vergangenen Sonntag die Namen von 215 Berliner Impfärzten ins Internet zu stellen, obwohl noch nicht alle dieser Kassenärzte mit Impfstoff beliefert worden waren, sagte die Senatorin.

Dass die Einzelverträge des Senats mit den Impfärzten überhaupt erst so spät abgeschlossen wurden und die Massenimpfung der Berliner, die ab 9. November läuft, nur schleppend anfing, lastet Lompscher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) an. Diese habe "finanzielle Interessen in den Vordergrund gerückt und ihren medizinischen Auftrag hintenan gestellt", attackierte Lompscher die Dachorganisation der ambulanten Ärzteschaft. Hintergrund: Die Verhandlungen zwischen der KV und dem Senat über die Höhe des Honorars der Impfärzte waren an einer Differenz von 1,60 Euro pro Impfung gescheitert. Deshalb muss der Senat Ärzte nun einzeln verpflichten. Und das dauert. Aber auch die Belieferung der Praxen mit dem Impfstoff klappte nicht perfekt.

Bisher, so Lompscher, seien Verträge mit 480 Ärzten abgeschlossen worden, weitere 130 Verträge lägen vor. 262 Praxen seien mit Impfstoff beliefert worden. Seit Juni sind insgesamt 1837 Berliner an der neuen Grippe erkrankt, ein Mensch starb.

Die Oppositionsparteien haben die Gesundheitssenatorin wegen des Impfchaos in der Stadt gestern scharf attackiert. Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Mario Czaja, warf der Senatorin vor, sie setze "mit Absicht und Vorsatz die Gesundheit von Tausenden Berlinern aufs Spiel". Es sei nicht nachvollziehbar, dass der Senat nur eine Apotheke mit der Auslieferung des Impfstoffes beauftragt habe. Czajas Vorschlag: Die Apotheken der 69 Berliner Krankenhäuser sollten in die Verteilung von Pandemrix einbezogen werden, damit eine flächendeckende und 24-stündige Versorgung mit Impfstoff gewährleistet sei. Zu den CDU-Vorschlägen gehört auch ein Vertrag mit der KV, der alle niedergelassenen Ärzte in die Impfaktion einbindet. Das Maßnahmenpaket sollte am besten in den kommenden drei Tagen umgesetzt werden, forderte Czaja. Berlin stehe vor der größten Pandemie seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die Grünen-Abgeordnete Heidi Kosche warf der Senatorin vor, sie habe mit den einzelnen Arztverträgen eine "krasse Fehlentscheidung" getroffen. Lompscher habe ein "organisiertes Durcheinander geschaffen". Auch der gesundheitspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Kai Gersch, warf der Gesundheitssenatorin Versagen vor und fragte, wie sie eigentlich mit einer Pandemie umgehen wolle, die sich nicht monatelang vorher ankündigt.

Die Gesundheitssenatorin bat ihre Kritiker zu beachten, dass es sich um eine Massenimpfung handle, die es so noch nie gegeben habe. Außerdem, verteidigte sich Lompscher, sei die "sprunghaft angestiegene Impfbereitschaft" eine völlig neue Entwicklung.

Für die verzögerte Auslieferung von Pandemrix an die impfenden Ärzte nannte Lompscher gestern als Grund: Wegen Stromausfall in einem Gesundheitsamt hätten 500 Dosen nicht mehr verwendet werden dürfen.

Firmen raten zur Impfung

Auch bei den Berliner Unternehmen stoßen die Vorgaben des Senats auf Kritik. Die Berliner Verkehrsbetriebe BVG wollten ihre Mitarbeiter ursprünglich bei den Gesundheitsämtern impfen lassen. Da die Busfahrer und U-Bahn-Fahrer täglich Tausenden Menschen begegnen, seien sie besonders gefährdet, sagt der BVG-Sprecher Klaus Wazlak. Eine entsprechende Anfrage hat die Gesundheitsverwaltung jedoch abgelehnt. "... weil wir kein Schlüsselpersonal sind", sagt Wazlak. Nun will die BVG so schnell wie möglich eine Impfung über den betriebsärztlichen Dienst anbieten. Pandemrix sei zwar bestellt, aber noch nicht geliefert. Verpflichtend sei die Impfung gegen das H1N1-Virus nicht. Eine mündliche Abmahnung, wie sie vor einigen Tagen eine Berliner Verkäuferin eines Bekleidungsgeschäfts erhalten hatte, weil sie sich nicht impfen lassen wollte, komme nicht in Frage.