Parteien

Die Angst der alten Tante SPD

Der Weg zur SPD führt ganz nach hinten, durch froschgrüne Türen in die Räume des Seniorenklubs. Im Fontane-Haus, einem zweckmäßigen 70er-Jahre-Bau, haben sich am Dienstagabend ein Dutzend Genossen der Abteilung 18 versammelt.

Ihre Stimmung ist angespannt, drei Tage vor dem Bundesparteitag der SPD in Dresden, wo die Partei sich nach der Katastrophe bei der Bundestagswahl neu aufstellen will. "Mir geht es darum, dass die alte Tante SPD nicht 2013 im Grab liegt", so ein vollbärtiger Genosse.

Kaum irgendwo müsste Berlin sozialdemokratischer sein als zwischen den Hochhausriegeln des Märkischen Viertels. Das "MV" ist Sozi-Land. Früher gab es hier drei SPD-Abteilungen. Aber auch hier hat die SPD das Vertrauen der kleinen Leute verloren. Heute bekennen sich noch 85 der 35 000 Bewohner des MV zur Sozialdemokratie. Aber der Abschied von der Staatspartei ist schwer.

Die Wohnungsgesellschaft Gesobau wird von den SPD-Leuten immer noch als verlängerter Arm der Partei gesehen. "Wenn da etwas schiefläuft, machen die Leute uns verantwortlich", sagt Jörg Stroedter. Er ist Wirtschaftsexperte im Abgeordnetenhaus und scheiterte als Reinickendorfer Direktkandidat für den Bundestag. An diesem Abend ist er gekommen, um über die Konsequenzen aus dem Wahldebakel zu referieren.

Die Versammlung beginnt mit dem ehrenden Gedenken an eine verstorbene Genossin und verläuft freudlos im grellen Licht der Energiesparlampen. Kein Getränk, kein Keks, nichts sorgt für Wohlfühlatmosphäre.

Die zehn einfachen Genossen sitzen an einem Tisch. Zwei Vorständler mit dem Gast in der Mitte haben am Präsidiumstisch Platz genommen. Dass der Abteilungsvorsitzende nicht da ist und ein Journalist zu Besuch kommt, hätte der aber auch sagen können, findet einer, der sowieso der Meinung ist, die Mitglieder müssten viel mehr über E-Mail kommunizieren. Allen 85 Mitgliedern Bescheid sagen, das gehe doch nicht, meinen andere. Nur, der Vorstand hätte schon benachrichtigt werden können, finden sie.

Auch bei 85 "Mohikanern", von denen nur drei Handvoll aktiv sind, leistet sich die SPD im MV eine saubere Hierarchie. Zum nächsten Termin sind nur die "Funktionäre" eingeladen. Es ist auch keine offene Diskussion geplant an diesem Abend. Sondern der Promi referiert und soll nach drei Wortmeldungen vom Basis-Tisch Fragen beantworten. Stroedter steht in der Mitte der Partei, er ist Unternehmer und pragmatisch. So haben ihm im Wahlkampf die Rechten und die Linken geholfen. Genützt hat es nichts. "Wenn der Trend so ist, kann der Kandidat nichts ausrichten", sagt Stroedter.

Aber die Widersprüche, mit denen die große SPD zu kämpfen hat, liegen auch in den Argumenten des Bundestagsbewerbers: Er habe Gerhard Schröder immer bewundert, bekennt er. Um danach die Basta-Politik, die Unterschiede zwischen Regierungshandeln und Wahlkampfaussagen, die Konzentration auf Dax-Unternehmen anstatt auf die kleinen Betriebe sowie Mängel an der Agenda 2010 als Gründe für den Absturz der SPD zu benennen. "Wir hätten den Mindestlohn und die Regeln für Zeitarbeit schon unter Rot-Grün beschließen müssen", sagt Stroedter.

Und die Rente mit 67 sei eben als Rentenkürzung wahrgenommen worden. Ein Mann mit Schnauzbart und Polohemd sieht das jedoch völlig anders, als er auch mal an der Reihe ist zu reden: "Ich bin stolz, in einer Partei zu sein, die auch mal unpopuläre Entscheidungen trifft."

Auch landespolitische Gründe

Stroedter nennt auch landespolitische Gründe, warum die Berliner SPD noch stärker abgeschmiert ist als im Bundesdurchschnitt. "Wir haben Dinge knallhart durchgezogen", und meint die Kampagnen für die Schließung des Flughafens Tempelhof und gegen das Volksbegehren für den Religionsunterricht. Er fragt sich, "ob wir die Leute bei der Schulreform mitnehmen" und stellt fest: "Das Integrationsthema haben wir verschlafen." Im MV ist das besonders bitter. Draußen lungern türkische Jungs vor dem Imbiss, Schwarze und Inder warten nach dem Feierabend auf den Bus, ein Osteuropäer redet betrunken daher, eine adrette junge Frau spricht russisch in ihr Handy.

Das Dilemma sei, dass die SPD es nicht schaffe, ihre Politik zu erklären, findet der Genosse mit dem Schnurrbart, der hier noch zu den Jüngeren gehört. "Wir handeln oft gut und richtig, sind dann aber entweder zu ehrlich oder zu arrogant." Auch der Kandidat hätte sich mehr Außenwirkung gewünscht. Einigen Genossen müsse man deutlich machen, dass Wahlkampf nicht bedeutet, nur miteinander zu sprechen, sondern "ran an die Leute".

Ein älterer Sozialdemokrat mit Brille kritisiert, die SPD habe sich nicht langfristig um die Themen im MV gekümmert, um den Ärger mit den Müllschluckern und mit den Sanierungen. "Da irrst du sehr", kontert eine grauhaarige Frau. "Da warst du wohl nicht dabei." "Ich bin nicht der Feind, ich bin nicht die CDU", gibt der Mann zurück.

Die Aufwallung legt sich. Es meldet sich eine Frau, braune Haare, Migrationshintergrund: "Die SPD nimmt ihre Mitglieder nicht ernst." Sie arbeite an einer Schule, kenne die Probleme mit der Bildung. "Schreib das auf", habe der Kreisvorsitzende geantwortet: "Die SPD nimmt mich nicht mit", findet sie.

Der Kandidat verbreitet zum Schluss Hoffnung: "Ich verspreche mir viel von Sigmar Gabriel als Parteichef. Das sei ein toller Typ, "wie der mit den Leuten redet". Die letzten Genossen aus dem Märkischen Viertel nicken trotzig.