Literatur

Bibliotheken lassen Buchhandel im Stich

Besorgnis bei Berlins Buchhändlern. Immer mehr öffentliche Bibliotheken bestellen Romane, Lyrikbande, Sachbücher oder Folianten nicht mehr beim örtlichen Handel. Stattdessen ordern sie bei der "Einkaufszentrale Bibliotheksservice GmbH" (ekz) in Reutlingen.

Die Folgen: Einige Buchhändler vermelden Umsatzeinbußen von jährlich 15 000 bis 100 000 Euro, dem Land gehen zudem entsprechende Steuereinnahmen verloren.

"Auch wenn man keine konkrete Summe nennen kann, eins ist sicher: Es geht um viel Geld", bestätigt die Geschäftsführerin des Landesverbands vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Johanna Hahn. Umso erstaunlicher, dass die umstrittene Bestellpraxis im fernen Reutlingen nach Informationen der Berliner Morgenpost von der Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten "ausdrücklich befürwortet" wird.

Kulturverwaltung bleibt hart

Diese eindeutige Haltung der Kulturverwaltung ist mehreren Schreiben der Senatsverwaltung für Wirtschaft zu entnehmen, die dieser Zeitung vorliegen. Ein Schreiben protokolliert eine Sitzung des Mittelstandbeirats von Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) im vergangenen Jahr, in der die Probleme der Buchhändler Thema waren. Während die Senatsverwaltung für Wirtschaft zurückrudert und auf Nachfrage betont, die Bestellpraxis außerhalb Berlins "nicht zu begrüßen", bleibt die Kulturverwaltung offenbar bei der konträren Einschätzung. Die EKZ Reutlingen habe für die Bezirksbibliotheken den großen Vorteil, die Medien nicht nur preiswert, sondern auch ausleihfertig zu bekommen. "Was in der Praxis heißt: auspacken und ins Regal stellen. Der Buchhandel liefert das nicht", sagt Sprecher Torsten Wöhlert.

Dass unterdessen viele Berliner Händler sehr wohl den Erfordernissen der Bibliotheken entsprechend die neuen Bücher systematisieren, katalogisieren und mit Folie umhüllen, ist der Verwaltung demnach offensichtlich nicht bekannt. So wie der wirtschaftliche Nachteil für den örtlichen und zumeist inhabergeführten Buchhandel keine Rolle zu spielen scheint.

"Das Geld geht nach Reutlingen, die machen dort den Umsatz, das kann doch nicht sein", sagt Ursula Kiesling. Seit 29 Jahren leitet sie die Buchhandlung "Der Divan" in Westend. "Mein Umsatz ist beim Bibliotheksverkauf von 2009 auf 2010 um 23,34 Prozent zurückgegangen", sagt Kiesling, die noch zwei weitere Buchhandlungen besitzt. Die 66 Jahre alte Vorsitzende der Interessengemeinschaft Reichsstraße ist verärgert. Nicht nur über die Sache als solche, sondern ebenso über das Verhalten der Politik. So legte Kiesling, die noch vergangenes Jahr den Handel im Mittelstandsbeirat von Wirtschaftssenator Wolf vertrat, dieses Amt nieder. "Aus Protest, weil nichts passiert." Senator Harald Wolf habe versichert, sich zu kümmern, bei dieser Ankündigung sei es aber dann geblieben.

"Die ganze Entwicklung ist natürlich eine Katastrophe", sagt auch Ruth Klinkenberg, Geschäftsführerin der Bücherstube Marga Schoeler in Charlottenburg. "Wir haben uns bereits vor Jahren größtenteils aus dem Bibliotheksbereich zurückgezogen und beliefern nur noch die Zentrale Landesbibliothek." Auch Christiane Schulz-Rother, der unter anderem die Tegeler Bücherstube gehört, bestätigt die für den Einzelhandel folgenschwere Praxis der Bibliotheken. "Vor einigen Jahren habe ich noch 15 Prozent meines Umsatzes mit Bestellungen der Bibliotheken gemacht, jetzt sind es nur noch acht Prozent, und das ist schon ganz schön happig. Wenn es unter fünf Prozent sinkt, geht es an die Substanz", fürchtet die Buchhändlerin. Um die wenigen Bibliotheksbestellungen zu sichern, hat sich Frau Schulz-Rother schon vor zwei Jahren entschlossen, Bücher für Bibliotheken mit Folie zu umhüllen - zu laminieren. "Die EKZ nimmt für die Schutzumschläge 2,20 Euro pro Buch, wir 2 Euro. Das heißt, es ist nicht einmal billiger bei der EKZ, zumal in Deutschland eine Buchpreisbindung besteht." Auch das Katalogisieren und Systematisieren lässt sich die EKZ bezahlen.

Nachteil für Leser

Christiane Schulz-Rother sieht aber nicht nur den Buchhandel gefährdet, sondern auch Nachteile für die Leser. "Die Bibliotheken abonnieren bei der EKZ sogenannte ,Standing-Orders', das sind Buchpakete beispielsweise mit neuen Bestsellern, die meist überall gleich bestückt versandt werden. Individualität geht aber so zugunsten des Mainstreams immer mehr verloren." Das Interesse der Leser sei schließlich recht unterschiedlich.

Die Leiterin der Bezirksbibliothek Spandau betont hingegen: "Wir brauchen alle die Spiegel-Bestseller. Es gibt zudem durchaus die Möglichkeit, ein speziell auf die jeweilige Bibliothek zugeschnittenes Paket an Büchern zu bestellen." Heike Schmidt verweist darauf, "dass die Bibliotheken unter extremem Kostendruck stehen". Die regalfertige Lieferung der EKZ entlaste das sowieso knappe Personal und ermögliche mehr Leserservice.

Unter Leserservice versteht der Leiter der Stadtbibliothek Steglitz-Zehlendorf aber auch, Bestseller individuell zusammenzustellen. "Das ist die letzte bibliothekarische Domäne, Bücher auszusuchen", sagt Jürgen Kluckel, der "noch immer lieber mit den örtlichen Buchhändlern zusammenarbeitet". Johanna Hahn vom Börsenverein nennt noch ein weiteres Argument, den örtlichen Buchhandel weiter zu stützen: "Wenn es um Leseförderung oder die Organisation von Veranstaltungen geht, arbeiten die Bibliotheken mit den Buchhändlern ja auch gut zusammen." Hahn betrachtet es als Schieflage, wenn Bibliotheken bei inhaltlichen Fragen mit dem Handel kooperieren, sich geschäftlich aber woanders hinwenden.

Die Geschäftsführerin des Börsenvereins plädiert deshalb dafür, dass sich die Senatsverwaltungen und Bezirke mit den Buchhändlern und Bibliotheksvertretern an einen Tisch setzen und nach Lösungen suchen. "Es ist wichtig, dass Buchhandel und Bibliotheken weiterhin strategische Partnerschaft pflegen."